Ein Geisterblimp über Kalifornien – das Luftschiff L-8

Von Sabine Ochaba und Jan Werner


Am 16. August 1942 geschah ein in der Luftfahrt einzigartiger Vorfall: Das Prallluftschiff L-8 der US Navy landete mit laufenden Motoren, schlaffer Hülle, intakter Kabine, offenen Türen, aber ohne Besatzung auf einer Straße in Daly City, nahe San Francisco. Das Schicksal der zweiköpfigen Besatzung, die entlang der Pazifikküste vor San Francisco patrouillieren sollte, wurde niemals aufgeklärt.


Das Schiff

Seine Karriere sollte das besagte Luftschiff als ziviler Blimp, auf den Namen Ranger getauft, mit der Kennung NC-10A beginnen. Geplant war der Einsatz als Werbeträger für die Goodyear Zeppelin Corporation, welche heute noch Luftschiffe für solche Zwecke einsetzt. Mit dem Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg jedoch, wurde der Blimp vor seinem ersten Einsatz, wie fast die gesamte Goodyear-Flotte, an die amerikanische Marine verkauft, umlackiert und als achtes Schiff der L-Klasse in Dienst gestellt. Seine Jungfernfahrt absolvierte das Schiff am 23. Februar 1942 bei der 32. Staffel des 3. Marine-Luftschiffer Geschwaders. Diese war am Flugplatz Moffett Field stationiert, wo einige Jahre zuvor das Großluftschiff USS Macon regelmäßig verkehrte.

Dort nutzte man diese umfunktionierten Blimps anfangs für Patrouillenfahrten zur U-Boot-Abwehr und Sucheinsätze. Ab Mitte 1943, als genügend leistungsfähigere Militär-Luftschiffe der K-Klasse zur Verfügung standen, wurden die ursprünglich zivilen Schiffe hauptsächlich zu Ausbildungszwecken eingesetzt. L-8 absolvierte aber auch einen äußerst außergewöhnlichen Einsatz. Im Frühjahr 1942 transportierte der Blimp Ersatzteile zu den auf dem Flugzeugträger USS Hornet stationierten Bomber, die am 18. April als erste amerikanische Flugzeuge Tokio bombardierten.

Das Prallluftschiff L-8 auf dem Flugplatz Moffett Field (Amerikanisches Nationalarchiv).

Technische Daten (siehe Shock 1994, S.II-48)

  • Volumen: 3483 m³.
  • Länge: 44,3 m.
  • Durchmesser der Prallhülle: 12,1 m.
  • Gesamthöhe: 16,5 m.
  • Gesamtbreite: 13,9 m.
  • Gesamtauftriebskraft: 1150 kg.
  • Höchstgeschwindigkeit: 98 km/h.
  • Reisegeschwindigkeit: 74 kmh.
  • Maximale Flugdauer bei Reisegeschwindigkeit: 11,9 Stunden.
  • Besatzung: 2–4 Personen.
  • Motoren: Zwei luftgekühlte 7-Zylinder-Sternmotoren Typ Warner R-500-6 Super Scarab mit je 106 kW (145 PS).
  • Bewaffnung: Zwei 160 kg AN-Mk 17 Wasserbomben, ein Maschinengewehr 7,62mm Browning M1919 (300 Schuss Munition).

Der Vorfall

Der Blimp war am Morgen um 06:03 Uhr auf Treasure Island an der Pazifikküste gestartet, um in der Nähe der Farallon-Inseln und von Point Reyes nach japanischen U-Booten Ausschau zu halten. Später hätte die Fahrt auf dem Hauptstützpunkt Moffett Field beendet werden sollen. Die Besatzung bestand aus dem 27-jährigen Piloten Leutnant Ernest DeWitt Cody und dem Co-Piloten Fähnrich Charles Adams, 38 Jahre alt. Dem Mechaniker, Untermaat James Riley Hill, der eigentlich an der Patrouille teilnehmen sollte, wurde freigegeben, da der feuchte Morgentau das Luftschiff beim Start sehr schwer machte, sodass Gewicht eingespart werden musste.

Das letzte Lebenszeichen der Besatzung war ein Funkspruch um 07:42 Uhr, in dem Cody meldete, dass sie etwa 25 Meilen westlich von San Francisco einen Ölfilm auf dem Wasser gesichtet hätten – damals ein mögliches Anzeichen für Aktivitäten feindlicher U-Boote. Diesen Ölfilm wollten sie weiter untersuchen. Die Nachricht endete mit der Aussage „stand by“, was eigentlich eine Floskel dafür ist, dass man sich umgehend zurückmeldet. Als keine weitere Nachricht übermittelt wurde, versuchten die Bodenmannschaften in Moffett Field das Schiff anzufunken. Diese bekamen aber keinerlei Antwort. Aus diesem Grund wurden zwei Aufklärungsflugzeuge vom Typ Vought OS2U Kingfisher ausgeschickt, um nach L-8 zu suchen. Jedoch fliegen diese ausschließlich oberhalb der Wolkendecke in 150 m Höhe.

Ungefähr zur selben Zeit wurde das verloren gegangene Luftschiff von dem Frachter Albert Gallatin und dem Fischkutter Daisy Gray aus gesichtet, während farbige Leuchtfackeln abgeworfen wurden – war also zu diesem Zeitpunkt anscheinend noch bemannt. Die letzte dieser Beobachtungen wurde etwa zwischen 09:00 und 09:45 Uhr gemacht, bevor der Blimp über die Wolkendecke verschwand. Das nächste Mal wurde L-8 um 10:20 Uhr von einer Boeing 314 Clipper der Fluggesellschaft Pan Am gesichtet. Die Flugzeuge und Schiffe in der Gegend waren aufgefordert worden, nach dem Luftschiff Ausschau zu halten. Zehn Minuten später entdeckte eines der Aufklärungs-Flugzeuge den Blimp, wie er bei etwa 600 m aus den Wolken hervorkam, weit über der normalen Flughöhe von etwa 300 m. Das Luftschiff driftete, laut Bericht der Kingfisher-Piloten, stark und schien außer Kontrolle zu sein. Kurz darauf sank das Luftschiff wieder in die Wolkendecke herab und verschwand dadurch erneut.

Um etwa 11:15 Uhr sahen Badegäste und Brandungsfischer nahe des olympischen Golfplatzes in Daly City, wie L-8 in Richtung Ufer trieb. Etwas später setzte der Blimp am Ocean Beach in der Nähe von Fort Funston an einem Abhang auf. Zwei der Augenzeugen versuchten, die Halteleinen zu ergreifen, allerdings löste sich eine der beiden Wasserbomben aus ihrer Halterung und das Luftschiff stieg durch den starken Gewichtsverlust wieder auf. Es bestand keine Explosionsgefahr, da die Erschütterung durch die niedrige Fallhöhe nicht ausreichte, um den Sprengstoff zu zünden.

Das Luftschiff driftete weiter und streifte mit seinen Halteseilen Hausdächer, Telefon- und Stromleitungen. Die Fahrt des L-8 endete kurze Zeit später mit einer unkontrollierten, aber sanften Landung mitten auf der Bellevue Avenue in Daly City. Feuerwehrleute und Schaulustige hatten die Szene beobachtet und waren schnell an der Unglücksstelle. Nachdem festgestellt wurde, dass kein Mensch in der Gondel war, schnitt die Feuerwehr die Hülle auf, um darin nach den beiden Männern zu suchen. In einem Infoblatt der amerikanischen Marine-Luftschiffer-Vereinigung wurde diese Vorgehensweise folgendermaßen getadelt:

Leider wurde sie [Anm.: L-8] schnell von einer Gruppe von lokalen Feuerwehrleuten attackiert, die, offensichtlich nicht vertraut mit den Prinzipien eines unstarren Luftschiffs, ihre Hülle mit Äxten aufschlitzten, um die „Männer da oben drin“ zu erreichen

Vgl. Cook 2007, S.15

Die Untersuchung, Spekulationen und Verschwörungstheorien

Kurz nach dem endgültigen Aufsetzen des besatzungslosen Blimps trafen Angehörige der US-Marine vor Ort ein, um die Vorgänge zu untersuchen.

Das Luftschiff war bis auf kleinere Schäden, die durch das Streifen von Objekten oder das Aufsetzen in Daly City verursacht werden konnten, unbeschädigt. Das in Bildern gut sichtbare Erschlaffen der Hülle lässt sich damit erklären, dass L-8, über seine Prallhöhe gestiegen war, was dann zum Abblasen von Traggas über die Sicherheitsventile geführt hatte. Außerdem waren die Ballonetts nicht mehr prall gehalten. Die Funkanlage war funktionstüchtig, das Rettungsfloß und die Schusswaffen der Besatzung noch an Bord. Sensible Unterlagen wie Karten und technische Zeichnungen, die im Notfall zu vernichten waren, fand man ebenfalls im dazugehörigen Fach. Nur die Tür stand offen. Es wurden auch keine Anhaltspunkte für eine mögliche Wasserung oder einen Brand gefunden. Die Motoren waren ausgeschaltet, die elektrische Zündung aber aktiv und die Gashebel auf volle und halbe Kraft voraus eingestellt.

Theoretisch wären die beiden erfahrenen Luftschiffer selbst bei einem Motorausfall in der Lage gewesen, den Ballast oder die Wasserbomben abzuwerfen, um sich wie ein Ballon zum Festland zurücktreiben zu lassen. Nach der Auswertung von Augenzeugenberichten wurde recht schnell klar, dass Cody und Adams schon von Bord gewesen sein mussten, als das Luftschiff die Küste erreichte. Daher nahm man an, dass die zwei verschollenen Männer entweder mit ihren Rettungswesten, die zu jeder Zeit an Bord getragen werden mussten, im Pazifik treiben oder vielleicht von einem Schiff aufgesammelt wurden, dass nicht auf Funksprüche reagiert. Letztendlich ließ sich das Verschwinden der Besatzung nicht aufklären. Leutnant Cody und Fähnrich Adams wurden nach einer mehrwöchigen Suche als vermisst eingestuft und im August 1943 für tot erklärt.

Es wurde viel über mögliche Gründe für das Verlassen der Gondel spekuliert. Der offizielle Untersuchungsbericht der Luftschiffereinheit in Moffett Field legte als Theorie vor, dass sich einer der beiden Piloten aus der Tür gelehnt haben könnte, um den Verlauf der verdächtigen Ölspur besser zu erkennen, und dabei aus der Gondel gestolpert sei. Bei einer Rettungsaktion durch den anderen hätte letzterer ebenfalls ins Wasser fallen können. Durch die starke Strömung hätte es die beiden Verunfallten wie in den Pazifik hinaustreiben können.

Eine weitere Theorie, die schnell aufkam, besagte, dass die Besatzung vielleicht von dem hypothetischen japanischen U-Boot überrascht und entweder gefangengenommen oder getötet wurde. Dagegen spricht jedoch, dass keine Schäden durch Beschuss oder ähnliche Fremdeinwirkung zu finden waren und die für eine feindliche Kriegspartei sehr interessanten Dokumente an Bord nicht entwendet wurden. Ebenfalls wäre ein für längere Zeit aufgetauchtes U-Boot vermutlich schnell entdeckt worden.

Über eine Desertation der beiden Soldaten wurde ebenfalls spekuliert.  In der Popkultur kamen auch Mythen über eine Entführung durch Außerirdische und geheime Radartests des US-Militärs mit potenziell tödlicher Mikrowellenstrahlung auf.

Das Schicksal von L-8

Das Luftschiff wurde nach Abschluss der Vor-Ort-Untersuchungen teilweise demontiert und nach Moffett Field gebracht. Dort wurde der Blimp instandgesetzt und fuhr, ab Juli 1943 mit einer neuen Hülle versehen, bis zu seiner Außerdienststellung und Demontage am 25. März 1944 zahlreiche Fahrten als Ausbildungsschiff.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges kaufte Goodyear, nunmehr eine Firma ohne Beteiligung des Zeppelin-Konzerns, einige seiner kommerziellen Werbeluftschiffe zurück, darunter auch die zerlegte ehemalige Ranger. Die erneuerte Hülle fand in der NC-15A Mayflower Verwendung, während die Unglücksgondel bis 1966. Die darauffolgenden drei Jahre wurde diese modernisiert und für den Bau des Luftschiffs GZ-20 America verwendet.

Zu guter Letzt wurde die mittlerweile vierzig Jahre alte Gondel, welche sich nach dem Vorfall den Beinamen The Flying Dutchman (eng. für „Der fliegende Holländer“) eingefangen hatte, 1982 mit der America außer Dienst gestellt. Heute kann man sie, rückgebaut in den Zustand der Zeit als Militärluftschiff, im Museum der Marinefliegerei in Pensacola, Florida, besichtigen.


Literatur

Cook, Jeffrey: The Flying Dutchman – The Mystery of the L-8, in: The Noon Balloon Vol. 74 (2007), S.14-17.

Geoghegan, John J.: Mystery of the Ghost Blimp, in: Aviation History Vol. 25/2 (2014), S.44-49.

Kamiya, Gary: Ghost blimp’s enduring mystery – How did crew vanish before Bay Area crash? San Francisco Gate, 29.09.2018 [https://www.sfgate.com/bayarea/article/Ghost-blimp-s-enduring-mystery-How-did-crew-13267309.php?t=0b980509cd#photo-16244733 (11.08.2022)].

Shock, James R.: U.S. Navy Pressure Airships – 1915-1962. M&T Printers, New Smyrna, 1994.

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