Norbert Jacques und Dr. Mabuse

Der Bösewicht und sein Schöpfer

Es ist kurz nach dem Ende des Ersten Weltkriegs. Ein Dampfer legt von Lindau ab, Ziel Konstanz. Ein Herr nimmt die Stufen zum Oberdeck, stellt sich an die Reling, schaut nach Westen. Dort, in Konstanz will er endlich die Arbeit an seinem „Bodenseebuch“ fort führen. Sein Name: Norbert Jacques.

Schriftsteller, Reisender, Luxemburger in einem Deutschen Reich, das nicht mehr ist: Der verlorene Große Krieg hat soeben die alten Erbmonarchien der Mittelmächte fortgepustet und gleichzeitig die Utopien der Moderne vernichtet.

Jacques wendet den Blick vom Wasser und betrachtet seine Mitreisenden. “Quecksilbrige Gesellschaft” nennt er sie im Stillen. Nur ein Gesicht ist da, das sich abhebt, an dem er immer wieder hängen bleibt. Dieser Fremde lehnt an der Reling und sein Blick scheint alles um sich herum zu missachten. Versteinert und einsam kommt er Jacques vor, als hätte nichts hier mit ihm zu tun. „Wer ist das?“, denkt er, “ein Held oder ein Verbrecher?” Und dann nach und nach, während sich der Dampfer weiter Richtung Konstanz schiebt: “Ist er fähig die Zeit aus dem Dreck und Feuer herauszuführen, in welches uns die schlechten Elemente abstürzen lassen wollen? Oder wird er die Welt in das Böse hineinstoßen?” Jacques wird den Fremden nicht danach fragen. Stattdessen entwickelt er, wie er später weiter in seiner Biografie Mit Lust gelebt – Roman meines Lebens schildert, auf Basis dieser Begegnung seine berühmteste Figur: Dr. Mabuse.

Für mich war der Name Dr. Mabuse lange eine bloße Worthülse, die mir meine popkulturelle Sozialisation auf unerfindlichen Wegen in mein Hirn gespült haben musste. Denn, obwohl ich bis dato weder ein Buch, noch einen Film mit oder über Mabuse konsumiert hatte, kam mir bei dem Namen sofort das Bild eines Bösewichts in den Sinn: Mit gezwirbeltem Schnurrbart, der nach einer durch den Helden vereitelten Missetat in einem Heißluftballon floh.

Passt das mit dem “echten” Mabuse zusammen? Was mich als Autor zudem vor allem interessiert: Wer war sein Schöpfer, Norbert Jacques? Wie entsteht einer der berühmtesten deutschen Bösewichte? Denn jede Figur entsteht aus den Erfahrungen und Gedanken, Wertvorstellungen, dem Welt- und Menschenbild der Autor*in. Auch in Norbert Jacques‘ Dr. Mabuse müssen signifikante Anteile seiner Erfahrungen gesteckt haben. Im Falle von Dr. Mabuse finde ich diese Betrachtung besonders spannend, weil die Figur im Laufe der Zeit von einem Antihelden zu einem prototypischen Verbrecher wird.

1921 erschien Dr. Mabuse, der Spieler, der erste Roman Jacques‘, in dem die Figur auftaucht. Der titelgebende Mabuse tritt darin als Hypnotiseur, Schmuggler, Psychoanalytiker und Dieb auf. Getarnt als Arzt häuft er im Geheimen durch Betrug und Manipulation Macht und Reichtum an. Aber in Jacques‘ Roman tut er dies (im Unterschied zur späteren Verfilmung) nicht um deren selbst willen. Wie sich herausstellt, plant er mit dem gewonnenen Geld und Einfluss eine utopische Kolonie in Brasilien zu gründen, frei von den Verrottungen, die die Figur in der Weimarer Republik zu sehen glaubt, mit sich selbst als eine Art Kaiser. Am Schluss scheitert er damit an Gesetz und Staat, vertreten durch den ermittelnden Staatsanwalt von Wenk.

Schwarz-weiß Porträt von Norbert Jacques

Der 1880 im Großherzogtum Luxemburg geborene Jacques war zu Zeit der Veröffentlichung vierzig Jahre alt und hatte bis dahin vor allem Reiseberichte und Kriegsreportagen geschrieben, aber auch mehrere Romane. Im Ersten Weltkrieg hatte er aus Belgien, von der Ostfront, aus England und aus Frankreich berichtet und sich dabei, obwohl er seinen luxemburgischen Pass für die Reisen benutzte, publizistisch auf die Seite des Deutschen Reiches geschlagen. Später ließ er sich sogar einbürgern. Das Deutsche war sein „Hafen“ in der Fremde, wie auch die stark autobiographisch gefärbte Figur Baptist Biver (Sohn einer Luxemburger Kaufmannsfamilie auf Reisen in der Welt) in Jacques‘ 1909 erschienen Erzählung Hafen erkennt. 1917 hatte Jacques Piraths Insel veröffentlicht, eine Robinsonade über einen Fabrikantensohn in einer kolonial-verklärten Südsee und 1919, nach der Niederlage und dem Fall des Kaiserreichs, den Roman Landmann Hal, der von den Vorzügen eines idealisierten (deutschen) Landlebens handelt. Beide verweisen auf Jacques‘ Biografie: Bis dato befand er sich entweder auf seinen Reisen durch die Welt oder in der Provinz am Bodensee, wo er sich in Schlachters einen eigenen Hof kaufte. In der Zeit der Umstürze und Verwerfungen nach dem Krieg erschuf Jacques dann Dr. Mabuse, wie er in seiner Autobiographie schreibt.

Wie sein Schöpfer treibt Mabuse sein kriminelles Unwesen in der Grenzregion am Bodensee. Das hat historische Vorbilder: Vor allem Konstanz zog im Nachhall des Krieges und der Ausrufung der Republik viele zwielichtige Gestalten an: Schmuggler, Schwarzhändler, Agenten. Auch Mabuse betreibt Schmuggel in und aus der Schweiz und nutzt das Chaos des Systemwechsels, um sich zu bereichern. Dabei steht er selbst weder für die alte, untergegangene Welt, noch für die Neue.

Er vereint viele Eigenschaften der aufkommenden Moderne: Die damals neuartige Wissenschaft der Psychoanalyse, den grenzüberschreitenden Kapitalismus, die Börsenmanipulation und die Massenmedien. Zudem benutzt er für seine Diebstähle und Pläne damals fortschrittlichste Technik: Automobile, Motorboote, Flugzeuge, Gelddruckmaschinen. Es geht um Vorgänge am entfesselten Finanzmarkt, um Menschenhandel. Aber die Figur selbst ist der neuen Zeit gegenüber kritisch eingestellt. Er agiert gegen den vermeintlich schwachen, demokratischen Staat und will die vermeintlichen “Fehler” dieses Systems ausnutzen, um selbst ein besseres zu erschaffen, sein “Eitopomar” in Brasilien.

Der Roman war ein großer Erfolg, auch weil die Kernthemen schon damals als sehr gegenwärtig verstanden wurden. Nicht ohne Grund hatten die beiden Teile der anschließenden Verfilmung durch Fritz Lang die Zusatztitel Der große Spieler – Bild der Zeit und Inferno, ein Spiel von Menschen unserer Zeit. Aber schon in dieser Verfilmung, die 1922, ein Jahr nach Veröffentlichung des Romans erschien, veränderte sich Jacques‘ Original-Figur dann in einem entscheidenden Punkt. Der Mabuse von Drehbuchautorin Thea von Harbou und ihrem Ehemann Fritz Lang verlor seine utopische, aus seiner Sicht gesellschaftskritische Motivation. Von einem “Eitopomar” war keine Rede mehr. Er war bloßer Bösewicht.

Was bedeutet das? Aus einer politischen Perspektive heraus lassen die unterschiedlichen Versionen der Geschichte unterschiedliche Lesarten zu: Von leicht reaktionärer Kritik an der demokratischen Republik bis zu ihrer Verteidigung, gibt der Stoff im Grunde alles her.

Man könnte sowohl Film als auch Roman wesentlich einfacher als einfache Unterhaltungsgeschichte lesen, mit Mabuse als einem sinistren Schurken, der sich schon damals an Vorbildern orientiert haben musste, wie beispielsweise an Fantômas von Pierre Souvestre und Marcel Allain (1911) oder Dr. Fu Manchu von Sax Rohmer (1913). Denn Mabuse reiht sich wunderbar in diese Reihe von gebildeten, mächtigen, von Allmachtsfantasien getriebenen Antagonisten ein, die im Grunde bis heute fortgesetzt wird. In jedem James-Bond-Film und jeder Comic-Verfilmung begegnet man ihnen: Dr. No, Goldfinger, der Riddler, Lex Luthor, Thanos, James Moriaty. Sie alle wollen die Ordnung der Welt ins Wanken bringen und die jeweiligen Held*innen müssen sie besiegen, damit die Ordnung weiter besteht.

Gerade deswegen ist die Motivation von Jacques Original-Mabuse spannend.  Sie hebt ihn in gewisser Weise von einer bloßen Schurkenfigur ab und macht ihn zu einer Figur, mit dem ein Publikum eventuell sympathisieren könnte. Denn Jacques Mabuse begeht seine Verbrechen nicht aus purer Bosheit, sondern aus einem eigenen Moralkompass heraus, der festen Überzeugung, es besser zu machen als die Gesellschaft.

Aus dem diesem Grund wird Mabuse von Kritiker*innen oft als Beispiel für einen Nietzscheanischen Übermenschen bezeichnet: Übermäßig intelligent, reich und mächtig, mit einer eigenen Vorstellung von Gut und Böse und sich keinem Staat und keinen Werten unterordnend. Ein Mann, der Selbstjustiz betreibt. Die Vision des eigenen Staates mit sich als alleinigen Herrscher ist im Grunde nur die letzte Form davon. So steht dieser Mabuse gleichzeitig in einer Reihe mit Comichelden wie Batman oder Iron Man, und auf der anderen Seite wohl auch mit Terroristen und Autokraten.

Vielleicht erzählt uns dieser Mabuse ein wenig von Norbert Jacques‘ eigener Enttäuschung über den Sturz des Kaiserreiches und über seine Träume von einer anderen, vermeintlich einfacheren Gesellschaft in der von ihm so geliebten kolonialen Ferne. Jede Figur enthält Teile des Autors. Und was waren denn Jacques‘ Meinung nach „Dreck und Feuer“, die er in seiner Autobiografie beschreibt, was hielt er für „die schlechten Elemente“? Welche Rettung imaginierte er sich wovon, als er in dem Gesicht des Fremden auf der Reling seinen Mabuse entstehen sah?

Nach der Veröffentlichung und der Verfilmung des Romans war Jacques ein wohlhabender Mann. Er förderte Kunst und Literatur am Bodensee, war Mitbegründer der Künstlervereinigung “Der Kreis”, kam für Logistik und Ausstellungen auf. Und er schrieb weiter, aber seine Geschichten und Romane, die anfangs bei der Kritik viel A     nklang gefunden hatten, wurden immer simpler und kaum noch beachtet. Es waren Fortsetzungs- und Reiseromane mit Namen wie Zwei in der Südsee, Fünf in der Südsee, Die Frau von Afrika oder Der Kaufherr von Shanghai, dazu ein ganzes Füllhorn mehr.

1933 folgte dann die Fortsetzung des Films von Lang und von Harbou, lose basierend auf dem Romanfragment Mabuses Kolonie, das Jacques selbst nie vollendete. Ein wahnsinnig gewordener Mabuse orchestriert darin vom Gefängnis aus die Zersetzung des Staates mithilfe von Manipulation und Propaganda. Offensichtliche Parallelen zu Hitlers Aufstieg und der Machtergreifung führten zu einem Verbot des Films in Deutschland.

Jacques selbst blieb die ganze Nazizeit über in Deutschland. Seine Töchter schickte er nach Luxemburg, von seiner jüdischen Frau ließ er sich scheiden und heiratete neu. Nach anfänglichen Meinungsverschiedenheiten, inklusive kurzzeitigem Schreibverbot und Inhaftierung arrangierte er sich mit den Faschisten, betrieb bei Auftritten in Luxemburg sogar Propaganda für den Anschluss an das Dritte Reich. Nach dem Krieg kam er vor ein luxemburgisches Strafgericht und wurde für immer aus dem Großherzogtum ausgeschlossen. 1954 starb er als Bürgermeister seiner Wahlheimat Schlachters.

Seine Kreation Mabuse hat ihn überlebt. Ein Jahr vor seinem Tod hatte Jacques die Rechte an seiner Figur an eine Produktionsfirma verkauft, 1960 erscheint dann ein dritter Film über Mabuse. Es ist der letzte Spielfilm des zwischenzeitlich aus Nazideutschland geflohenen Fritz Lang: Die tausend Augen des Dr. Mabuse. Er handelt von einem Hotel, das von den Nazis gebaut wurde, um seine Gäste auszuspionieren. Im Hintergrund scheint Dr. Mabuse die Fäden zu ziehen, allerdings ist dieser eigentlich 1933 zu Tode gekommen. Am Ende stellt sich heraus, dass der Arzt Prof. Jordan in dem Wahn lebt, das Werk des verstorbenen Mabuse vollenden zu müssen. Und der eigentlich Verstorbene geht weiter um. Denn diesem Werk folgten fünf weitere Mabuse-Filme, in denen dieser teilweise selbst auftritt, oder andere Bösewicht von seinem Geist heimgesucht werden und in seinem Willen Verbrechen begehen.

Dazu gab es Horrorfilme aus dem Ausland, deren Titel (Aus Scream and Scream wird Die lebenden Leichen des Dr. Mabuse) und Namen (der von Vincent Price gespielte Antagonist Dr. Browning wird in der deutschen Fassung zu Dr. Mabuse) für den deutschen Markt so geändert wurden, dass sie etwas mit dem in Deutschland beliebten Bösewicht zu tun haben.

Mabuse war kein purer Heißluftballonbösewicht, aber vielleicht wurde er es mit der Zeit immer mehr. Aber selbst wenn man das so sehen will, macht das die Beschäftigung nicht weniger spannend. Denn auch die größten Klischees besitzen einen Ursprung, der nicht von der Geschichte zu trennen ist und einige spannende Beobachtungen zulässt.


Für die weitere Beschäftigung mit Dr. Mabuse bietet sich unser Buchclub am 21. Juni und am 19. Juli (beides Dienstag) jeweils 17.30 – 19 Uhr im Restaurant im Zeppelin Museum an. Dann besprechen wir Jacques Roman „Dr. Mabuse, der Spieler“.
Infos und Anmeldung bei Susanne Nikeleit (wiss. Mitarbeiterin Diskurs & Öffentlichkeit): nikeleit@zeppelin-museum.de


von Markus Thielemann

Porträt von Markus Thielemann

Geboren 1992 in Ludwigsburg, aufgewachsen in der niedersächsischen Provinz. Studium der Geographie und Philosophie in Osnabrück und des Literarischen Schreibens und Lektorierens in Hildesheim. Arbeit und Praktika unter anderem beim Erich-Maria-Remarque-Zentrum. 2020 Teilnahme an der Romanwerkstatt des Literaturforums im Brecht-Haus. 2021 Publikation des Romandebüts „Zwischen den Kiefern“ im Katapult Verlag.

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