„Glückliches Dasein, das nach keiner Zeit fragt“. Fritz Mühlenweg – ein Tausendsassa

Fritz Heinrich Mühlenweg (11.12.1898 – 13.09.1961) war Maler und Schriftsteller, Expeditionsteilnehmer und Übersetzer, Drogist und Rechnungsprüfer – ein vielseitig talentierter Mann, der nach seinem Tod in Vergessenheit geriet. Doch Dank des Schriftstellers und Literaturwissenschaftlers Manfred Bosch und des Verlegers Ekkehard Faude wurde sein Werk wiederentdeckt. Seit 2012 gibt es in Allensbach im Bahnhof auch ein Mühlenweg-Museum, in dem man vieles über Leben und Werk dieses kreativen Mannes erfahren kann.

Kindheit in Konstanz

Fritz Mühlenweg wuchs in Konstanz in einer Kaufmannsfamilie auf, die mit Farben und Drogerieartikeln handelte. Der Großvater Kornbeck hatte den Laden gegründet und Mühlenwegs Vater hatte 1895 in das Fachgeschäft eingeheiratet.

Der junge Fritz galt als wissbegierig, aufgeweckt und war voller Tatendrang, den er teilweise bei den Pfadfindern oder beim Rudern und Bergsteigen auslebte. In dieser Zeit zeigte sich auch sein außergewöhnliches Zeichentalent. Hinzu kam eine Begabung für Naturwissenschaften und Technik.

Nach der Mittleren Reife begann er – wie sein älterer Bruder Hans – in Bielefeld, der Heimat des Vaters, eine Ausbildung zum Drogisten. Diese wurde jäh durch den Ersten Weltkrieg unterbrochen.

Porträt von Fritz Mühlenweg aus dem jahr 1932, mit längerem Haar und Bart, in Sakko mit Krawatte.
Fritz Mühleweg, 1932. Fotoatelier Tientsin Felder Archiv Bregenz

Jugend im Krieg

Hans und Fritz wurden zum Militärdienst eingezogen. Hans fiel 1917. Fritz geriet nach Einsätzen in der Ukraine und in Frankreich in der Nähe von Metz in Kriegsgefangenschaft. 1919, nach 14 Monaten Gefangenschaft, gelang ihm auf abenteuerliche Weise die Flucht.

Danach verbrachte er ein Jahr auf der Drogistenakademie in Bielefeld, anschließend arbeitete er sechs Jahre in seinem erlernten Beruf in den Städten Bad Nauheim und Mannheim sowie in seiner Heimatstadt Konstanz. In diesen Jahren machte er auch Erfahrungen im Großhandel und als Vertreter.

In geheimer Mission…

Bis zum Jahr 1927 erfüllte Fritz Mühlenweg die Erwartungen seiner Mutter. Der Vater war bereits verstorben.

Dann meldete sich wieder Mühlenwegs Abenteuerlust. Es gelang ihm, das Nützliche mit dem Angenehmen zu verbinden:

Er wurde Rechnungsprüfer und Zahlmeister der letzten großen Expedition des schwedischen Geographen und Entdeckungsreisenden Sven Hedin in die Mongolei. „Im Auftrag der Lufthansa, hinter der in Wahrheit die Reichsregierung stand“ (Manfred Bosch), sollten die Expeditionsteilnehmer die Möglichkeit einer Fluglinie Berlin-Peking erkunden und meteorologische, topografische und prähistorische Informationen sammeln. Zudem sollten sie passende Orte für Landeplätze und Wetterstationen finden und Flugbenzinvorräte anlegen. Mühlenweg war auch für Transport und Logistik für eine Karawane von 300 Kamelen zuständig.

Manfred Bosch über die Expeditionsteilnehmer: „Unter ihnen gab es völkisch-antisemitische Phantasten und antidemokratische Strauchritter, von virulentem kolonialistischem Denken ganz zu schweigen.“

 „In der Eile sind Fehler“

„Wer an den Lagerfeuern saß, in den Jurten das unbegrenzte Gastrecht genoß, den Sandsturm erlebte und zum asiatischen Sternenhimmel aufsah, ist für Europa halb verloren.“ (Fritz Mühlenweg)

Schwarz-Weiß Aufnahme von zwei Mongolischen Menschen vor einer Jurte.
Jurtenbau. Foto: F. Mühlenweg, Felder Archiv Bregenz

Manfred Bosch schreibt in Baden-Württembergische Biographien über Mühlenweg:

„Seine eigenen Ambitionen gingen über diese Aufgaben und Funktionen indes weit hinaus: Obschon in die männerbündische Entourage Hedins mit ihren kolonialen Herrenmenschenallüren eingespannt war Mühlenweg bereit, seine eingeschleppten Vorurteile abschleifen zu lassen und dem Land mit Neugier und Respekt zu begegnen; auch lernte er als einziger Expeditionsteilnehmer Mongolisch. Er führte ein Tagebuch, ließ sich aus dem elterlichen Geschäft Malfarben schicken und schrieb lange Briefe nach Hause, die ihm später als wichtige Quelle bei der Niederschrift seiner Romane und Erzählungen dienten.“

Insgesamt nahm Mühlenweg an drei Asienexpeditionen teil. Während dieser Zeit, in der er stets Malutensilien im Gepäck hatte, wurde sein Wunsch, Maler zu werden, immer stärker. 1932, nach seiner letzten Reise, wurde er in Wien an der Akademie der Bildenden Künste aufgenommen. Er beendete das Studium zwar nicht, lernte dort aber seine zukünftige Frau Elisabeth kennen.

Domizil in Allensbach

Nach der Hochzeit siedelte sich das Paar in Allensbach an und lebte dort fortan als freischaffendes Künstlerpaar. Zunächst widmeten sich Elisabeth und Fritz Mühlenweg der Malerei, waren aber nur mäßig erfolgreich. Dann begann Fritz Mühlenweg, auch zu schreiben. Die Drogistenlaufbahn war endgültig passé.

Mühlenwegs bekamen insgesamt sieben Kinder. Sie pflegten Freundschaften mit Otto Dix und seiner Familie, mit Julius Bissier und der Schriftstellerin Tami Oelfken. Während der Kriegsjahre arbeitete Mühlenweg beim Zoll in Bordeaux und am Bodensee.

Nach dem Zweiten Weltkrieg konnte er sich neuen Aufgaben widmen und arbeitete in den 1950er-Jahren gemeinsam mit seiner Frau an Kinderbüchern. 1953 veröffentlichte er gemeinsam mit der Fotografin und Verlegerin Lotte Eckener “Das kleine Buch vom Bodensee“, das in deren Verlag erschien.

Porträt von Fritz Mühlenweg, geschossen von Lotte Eckener.
Fritz Mühlenweg, Foto: Lotte Eckener, Felder-Archiv Bregenz

Im Bann der Mongolei

Zunehmend wurden Mühlenwegs Erlebnisse in der Mongolei zum Sujet seines Schreibens. Er schrieb Romane und Erzählungen, hielt aber auch Vorträge über die drei Expeditionen.

Ein unbekannter Rezensent schrieb in den Bodensee-Heften von 1953, Ausgabe 4, nach einem Vortrag in Überlingen:

„Mühlenweg verstand es ausgezeichnet, Schlagworte wie das vom ‚Barbarenvolk der Mongolen‘ anhand der Sitten und Gebräuche des Landes ad absurdum zu führen und nachzuweisen, dass man als ‚Kulturvolk‘ gut daran täte, die Nase vor dem Rümpfen erst einmal zu schneuzen (…). Mühlenweg riß ein Fenster auf.“

Illustriert wurden seine Bücher von Elisabeth Mühlenweg, die sich ihre künstlerische Eigenständigkeit bewahrt hatte.

Cover des Buchs "Der Familienausflug" von Fritz und Elisabeth Mühlenweg
Cover des Buchs „Der Familienausflug“ von Fritz und Elisabeth Mühlenweg

Manfred Bosch über Mühlenwegs Motivation, zu schreiben:

„Zum eigentlichen Motor der Autorschaft Mühlenwegs indes wurde die seit Mitte der 1930er-Jahre rasch wachsende Kinderschar, durch die Mühlenweg – der mongolischen Tradition mündlichen Erzählens gemäß – allmählich in die Rolle des literarischen Erzählers und Formulierers seiner Abenteuer gedrängt wurde. Seine handwerklichen Grundlagen erwarb er sich in der Auseinandersetzung mit Klassikern des Kinderbuch-Genres.“

Fritz Mühlenweg selbst beschrieb seine Entwicklung so:

„Manchmal erzählte ich und merkte im Laufe der Jahre, daß meine Erzählgeschichten zwar die gleichen blieben, aber sie wurden farbiger und länger, weil die Kinder größer wurden und weil sie nach Land und Leuten fragten. Da begann ich zu schreiben.“

Literarischer Erfolg

Sein zentrales Werk war der Roman „In geheimer Mission durch die Wüste Gobi“. Von diesem Buch wurden 100.000 Exemplare verkauft – ein echter Bestseller!

In der Monatsschrift für Jugendschrifttum von 1955 heißt es: „Es ist sehr selten vorgekommen, dass ein neues Jugendbuch einen solchen Sturm der Begeisterung hervorgerufen hat.“

Mühlenweg gelang damit der literarische Durchbruch, „wenn auch um den Preis des Missverständnisses, ein Jugendbuchautor zu sein“ (Manfred Bosch). Zudem wurde der Roman in acht Sprachen übersetzt.

In diesem Werk gelang Mühlenweg laut Bosch „die scheinbar mühelose Vermittlung des Fremden durch einen menschenfreundlichen, humorvollen und weisen Erzähler, dem Mühlenweg genügend Zeit lässt, sich auf diese Weltregion einzulassen und von ihr zu lernen. Gleiches gilt für den Roman ‚Fremde auf dem Pfad der Nachdenklichkeit‘ und die Erzählsammlung ‚Mongolische Heimlichkeiten‘.“

Fritz Mühlenweg nannte seine Romane „Räubergeschichte für das Alter von zwölf bis 70.“

Neben seiner Schriftstellerei übersetzte Mühlenweg literarische Texte, vor allem Gedichte, aus dem Chinesischen ins Deutsche.

Porträt von Fritz Mühlenweg, seitlich aufgestützt liegend auf einer Wiese.
Fritz Mühlenweg, Fotograf unbekannt, Felder-Archiv Bregenz

Mühlenweg, der Maler

Außerdem malte Fritz Mühlenweg kontinuierlich weiter – hauptsächlich Städte und Seelandschaften sowie Familienportraits und Alltagsszenen in Öl. Dabei wurde er bei der Wahl der Motive maßgeblich von Otto Dix, der in Hemmenhofen in der inneren Emigration lebte, beeinflusst. Mit Dix war Mühlenweg seit 1936 bis zum Ende seines Lebens befreundet. Sie malten auch mehrmals zusammen.

Mühlenweg hatte in einer Zeit zu malen begonnen, als in Deutschland die europäische Moderne verfemt und schließlich als „entartet“ deklariert wurde. Seine malerische Entwicklung führte „von altmeisterlichen Landschaften zu Bildern eines magischen Realismus“ (Wikipedia).

Fritz und Elisabeth Mühlenweg gründeten in Konstanz gemeinsam mit anderen Künstlern die „Gruppe 38“, die 1938 erstmalig ausstellte. 1940 folgten zwei weitere Ausstellungen in Mannheim und Freiburg. Fritz und Elisabeth Mühlenweg beteiligten sich später an den jährlichen Ausstellungen in Singen und an denen der Sezession Oberschwaben-Bodensee.

1957 erlitt Mühlenweg seinen ersten Schlaganfall, 1961 verstarb er an den Folgen des dritten Schlaganfalls. Seine Frau, die ein schweres Nierenleiden hatte, starb zwei Tage nach ihm. Beide sind auf dem Allensbacher Friedhof beerdigt.

Porträt von Fritz Mühlenweg, eine Pfeife in der rechten Hand, in die Kamera blickend.
Fritz Mühlenweg, Felder Archiv Bregenz

Mühlenwegs Bücher

Das Mühlenweg-Museum in Allensbach listet seine wichtigsten Werke auf seiner Homepage auf:

1946 Der tausendjährige Bambus. Nachdichtungen aus dem Schi-King
Bereits 1944 werden seine Übersetzungen chinesischer Gedichte vom Hamburger Verleger Dulk angenommen.

1950 In geheimer Mission durch die Wüste Gobi
erscheint beim Herder Verlag in Freiburg. 
Bd.1: Großer Tiger und Kompass-Berg
Bd. 2: Null Uhr fünf in Urumtschi
1955 erhält er für diesen Roman den Friedrich-Gerstäcker Preis in Braunschweig.  
Das Buch wurde in acht Sprachen übersetzt.

1952 Tal ohne Wiederkehr 
Der Roman erscheint beim Herderverlag in Freiburg.
Titel heute „Fremde auf dem Pfad der Nachdenklichkeit“

Big Tiger and Christian erscheint erstmals in Englisch beim Pantheon-Verlag in New York.

1952 Der Christbaum von Hami
Eine Weihnachtsgeschichte am Rand der Wüste. Geschrieben für eine Jugendzeitschrift des Herder-Verlags. 

1953 Nuni
Das Kinderbuch erscheint mit Illustrationen von Elisabeth Mühlenweg. 1954 wird es als schönstes Kinderbuch ausgezeichnet.

1956 Kasperl mit der Winduhr
illustriert von Elisabeth Mühlenweg.
Mühlenweg erhält den 1. Deutschen Jugendliteratur-Preis für die Übersetzung des Glücklichen Löwen von Louise Fatio, überreicht vom damaligen Bundespräsidenten Theodor Heuss.

1957 In jenen Tagen
illustriert von Elisabeth Mühlenweg.

1960 Der Familienausflug
illustriert von Elisabeth Mühlenweg.

1961 Das Schloß des Drachenkönigs. Chinesische Märchen.

1963 Mongolische Heimlichkeiten
Erzählungen und Weisheitssprüche aus der Wüste Gobi. Erstmals ab 1951 in Zeitschriften veröffentlicht.
Nach Mühlenwegs Tod erscheinen die Erzählungen unter dem Titel „Echter und falscher Zauber“ im Herder Verlag (1963)


Quellen:

Manfred Bosch: Bohème am Bodensee, Lengwil 1997

Manfred Bosch: Baden-Württembergische Biographien 5 (2013) 281-284

Mühlenwegmuseum Allensbach, Konstanzer Str. 12, Im Bahnhof, 78476 Allensbach, www.mühlenwegmuseum.de

Wikipedia

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