Margarete Grosse – Himmels- und Gipfelstürmerin

Wenn man über Margarete Grosse (1876-1951) spricht, muss man im gleichen Atemzug ihre jüngere Schwester Elsbeth (1879-1947) erwähnen, mit der sie viele Abenteuer zusammen erlebte. Denn die Schwestern unternahmen nicht nur Ballonflüge, sondern auch alpine Touren.

 Elsbeth und Margarete Schindler 1910, Quelle Achim Schindler

Margarete und Elsbeth wuchsen in Meißen in bürgerlichen Verhältnissen auf. Ihr Vater war Kaufmann. Er stammte aus einfachen Verhältnissen und war vielleicht gerade deshalb sehr erpicht darauf, dass seine Töchter eine gute Bildung bekamen. So unterstützte er das pädagogisches Studium von Margarete. Sie schloss 1899 als Beste ab und bekam dafür vom Vater eine Studienreise in die Schweiz spendiert, auf der sie ihre jüngere Schwester Elsbeth begleiten durfte. Beide Schwestern waren bei ihrem Aufenthalt in Genf und im französischen Chamonix von der alpinen Bergwelt begeistert. Aber sie wollten diese Berge nicht nur von der Ferne aus bestaunen, sondern auch selbst besteigen.

Nach einigen Fehlversuchen – Schuld daran waren Unerfahrenheit, mangelnde Ausrüstung und auch eine knappe Kasse – bestiegen die Schwestern 1904 den 3660 Meter hohen Großvenediger und danach weitere Gipfel – 1908 immerhin auch das 4478 Meter hohe Matterhorn und später den Mont Blanc.

Parallel begeisterten sie sich für den Ballonsport. Vielleicht hatte sie auch der Rektor der Fürsten- und Landesschule in Meißen, Professor Poeschel, dazu angeregt, der seit 1904 Ballonsport betrieb. Margarete verstand sich als seine Schülerin und die Schwestern begnügten sich zunächst als Mitfahrerinnen bei seinen Ballonfahrten.

Margarete arbeitete bis zu ihrer Pensionierung als Lehrerin in der mittleren Bürgerschule (später 1. Volksschule) in Meißen. Eine ihrer Schülerinnen, die spätere Künstlerin Many Jost, beschrieb sie in Erinnerung an ihre Schulzeit 1911/12 folgendermaßen:

Die Französischlehrerin, die wir im 7. Schuljahr bekamen, war ein seltsames Wesen. Sie hatte sehr rote Haare, die auf dem Kopf oben zu einem Krönchen gesteckt waren…Das Gesicht war nicht schön und voller Sommersprossen…Sie trug immer weiße, hochgeschlossene Blusen, schwarze, lange weite Röcke mit einer sehr engen Taille…Im 8. Schuljahr erfuhren wir, dass sie mit ihrer Schwester den Mont Blanc ohne Führer bestiegen hatte…Als aber bekannt wurde, dass diese zwei mutigen Frauen auch noch Ballonfahrerinnen waren, sahen wir unsere komische Französischlehrerin fast als „Übermenschen“ an.

Beide Schwestern blieben unverheiratet. Was Margarete anging, zu dieser Zeit galt noch das „Lehrerinnen-Zölibat“. Frauen durften nur unverheiratet unterrichten und verloren bei Heirat nicht nur ihre Stellung, sondern auch all ihre Pensionsansprüche. Erst nach dem 1. Weltkrieg wurden diese Bestimmungen aufgehoben, auch wenn sie in den Bundesländern schon davor unterschiedlich gehandhabt worden waren. Finanziell konnte man mit einem Lehrerinnengehalt keine großen Sprünge machen. Die beiden Schwestern erhielten zwar glücklicherweise nach dem Tod der Eltern 1909 eine größere finanzielle Hinterlassenschaft, aber sie mussten zeitlebens „rechnen“.

Nach Befüllen des Ballons (Margarethe und Elisabeth Schindler)

So wurde bei ihrer ersten Alpenfahrt im Juli 1909 über die Nordalpen der Ballon mit dem billigeren, aber gefährlicheren Leuchtgas (statt Wasserstoff-Füllung) gefüllt. Suchten (und fanden) sie für diese Fahrt noch einen Führer, so legten beide Schwestern erfolgreich die Prüfung zur Ballonführerin ab. Davon gab es wenige in Deutschland – neben den hier vorgestellten Ballonführerinnen waren es laut einer Ausgabe der Sonntagszeitung von Anfang 1913 insgesamt „12 Damen, die das Recht haben, einen Ballon zu führen“ (Sonntagszeitung für die deutsche Frau Jg. 12/13). Daneben gab es über 250 Ballonfahrerinnen (die aber nicht selbst einen Ballon führen durften).

Quelle Achim Schindler

Über diese Fahrt berichtete Margarete in der Zeitschrift „Daheim“. Der Ballon, mit dem sie fuhren, hatte übrigens den Namen „Graf Zeppelin“ und wurde ihnen von ihrem Dresdner Verein zur Verfügung gestellt. Allerdings war dieser eigentlich für zwei Personen vorgesehen und die drei Mitfahrer hatten wohl nicht viel Platz (obwohl die Schwestern sehr schlank waren). Man hatte ihn gewählt, „um Gewicht zu sparen“.

Neben den spektakulären Alpenfahrten unternahmen die Schwestern auch Nachtfahrten und erreichten beim nationalen Wettfliegen im März 1910 einen Rekord. In knapp 23 Stunden flogen sie von Dresden 871 Kilometer bis in die Südkarpaten! Dabei waren sie in einen Schneesturm geraten, den sie aber -offensichtlich- meisterten.

Ballonfahrt über die Kalkalpen – Abschied von Innsbruck

Während in anderen Ländern, z.B. in Frankreich, spezielle Luftschiffervereine für Frauen gegründet wurden, war Margarete Grosse dafür nicht zu haben. Sie meinte, das wäre nicht notwendig und sah sich im Luftschifferverein mit gleichen Rechten wie die Männer repräsentiert.

Natürlich wusste und bemerkte auch sie, dass auch im Ballonfahrer-Alltag eben keine Gleichberechtigung herrschte: Am Anfang des Berichts „Unsere Ballonfahrt über die Kalkalpen“ vom Sommer 1909 heißt es:

„Die Hauptschwierigkeit bestand für uns darin, einen Führer zu finden“.

In einem Artikel in der Deutschen Luftfahrerzeitschrift von 1913 äußerte sie sich:

Es ist Tatsache, daß wir deutschen Ballonführerinnen unter einem – ich muß wohl sagen: Mißstand zu leiden haben: wir finden sehr schwer Mitfahrer. Wer noch nicht Führer ist, zieht es vor, unter Leitung eines Herrn zu fahren…“

Auch wenn männliche und weibliche Ballonführer zusammen fuhren, übernahmen die Männer meist die Führung. Es blieb den Frauen also nichts weiter übrig, als entweder mit gleichgesinnten Frauen zu fahren oder doch „nur“ Mitfahrerinnen zu sein. Margaretes Klage zeigt aber auch, wie ambitioniert sie war. Sie wollte sich eben nicht mit dieser Rolle zufrieden geben, sondern ihr Können als Ballonführerin zeigen und vervollkommnen. In ihrem 1911 erschienenem Artikel „Über Alpenluftfahrten“ kommt das sehr schön zum Ausdruck:

 „Wer mit dem Luftschiff oder Flugzeug fährt, der ist entweder Führer – dann ist er verantwortlich für das Leben anderer und für kostbares Material…Oder er ist Mitfahrer. Dann vertraut er sich ganz fremder Intelligenz und Gewissenhaftigkeit an…“

Es geht hier um die Zukunft des Luftverkehrs über die Alpen, den sie auch eher in Luftschiffen und Flugzeugen sieht, wobei sie -natürlich- hervorhebt, dass solche Fahrten vom Erlebnis her nicht mit einer alpinen Ballonfahrt vergleichbar sind. Aber es zeigt ihre Einstellung: Die Bereitschaft, als Führerin eines Ballons die Verantwortung für die Fahrt und die weiteren Insassen zu übernehmen.

Der 1. Weltkrieg beendete zunächst die Planung weiterer sportlicher Projekte. In den 20er Jahren betätigten sich die Schwestern vor allem als Alpinistinnen. Während der Nazizeit, in der mutige Fliegerinnen wie die schon erwähnten Elly Beinhorn und Hanna Reitsch gefeiert wurden, fanden Margarete Große und ihre Schwester kaum noch Beachtung. Natürlich wurden sie auch älter und ihre Unternehmungen weniger spektakulär. Nach dem 2. Weltkrieg gerieten sie weitgehend aus dem Blick der Öffentlichkeit. Elsbeth starb 1947. Margarete schrieb danach ihre Lebenserinnerungen (die leider nirgends erhältlich sind). Sie erschienen 1951, im gleichen Jahr starb auch sie. Ihr letzter Wunsch wurde erfüllt: die Asche der Schwestern wurde nach Frankreich gebracht und von ihrem alten Bergführer vom Gipfel des Mont Blancs verstreut.

Teil 1: Pionierinnen der Lüfte
Teil 2: Käthe Paulus (1868-1935) – Luftakrobatin und Erfinderin

Grete Otto
Grete Ottos Passion ist die Zeit der Belle Epoque. Eine Zeit, in der viel passierte – ob nun in der Gesellschaft, Technik oder Wissenschaft! Eine Schlüsselposition hatte dabei das Bürgertum – als treibende Kraft dieser Entwicklung. Auf ihrer Webseite www.buergerleben.com und in den sozialen Medien (www.facebook.com/buergerleben/www.instagram.com/buergerleben) stellt die Historikerin Themen der Zeit vor: wie wurde Anfang des 20. Jahrhunderts gekocht, wohin fuhr man in den Urlaub, welche Kleidung trugen die Frauen und warum hießen Autos zunächst Selbstfahrer? Daneben betätigt sie sich als Autorin und hält Vorträge zu verschiedenen Themen.

Auch mit den neuen Verkehrsmitteln, die entstanden, beschäftigt sie sich: „In den Wochenzeitschriften aus dieser Zeit spürt man die Faszination, die von den neuen Flugobjekten ausging. Es herrschte eine Aufbruchsstimmung und Begeisterung, gerade wenn von Zeppelinen, Ballonen und Flugzeugen die Rede war. Die Menschen strömten zu den Vorführungen und jubelten den neuen Flugobjekten begeistert zu. Wird die Geschichte der Aviatik vorwiegend von Männern geschrieben, möchte ich mit meinem Artikel auch auf die weiblichen Luftschifferinnen – so nannte man sie damals übergreifend, hinweisen.“

Quellen:

Artikel „Unsere Ballonfahrt über die Kalkalpen“,
Margarete Große; Zeitschrift Daheim 1909/Nr. 52
Artikel „Über Alpenluftfahrten“,
Margarete Große, Zeitschrift des deutschen und österreichischen Alpenvereins, 1911 
(Jahrbuch, 42. Ausgabe)
Zeitungsartikel: Zwei Himmelstürmerinnen aus Meißen (Meißner Tageblatt 11. April 2019)
Artikel „Wer waren Margarete und Elsbeth Große?“
Achim Schindler, Interessengemeinschaft Sächsische Bergsteigergeschichte, Heft 26/2018

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