Mit Wopsie und Klebepunkten – die Vermittlung von „Vernetzung der Welt“

Am Zuckerhut Rio de Janeiro

Am Sonntag, 3.11., endete im Zeppelin Museum die Ausstellung Vernetzung der Welt. Pionierfahrten und Luftverkehr über den Atlantik, die sich mit der ersten Atlantiküberquerung eines britischen Luftschiffs im Jahr 1919 befasste und in diesem Zusammenhang die generelle Entwicklung des Luftverkehrs beleuchtete.

Zur Ausstellung fand ein umfangreiches Begleitprogramm statt, aber auch in der Ausstellung selbst waren partizipative Formate zu finden. Der folgende Text stellt die im Rahmen der Ausstellung präsentierten Formate und die Reaktionen der Besucher*innen vor. Wir möchten die Vor- und Nachteile der jeweiligen Projekte identifizieren, um die Erfahrungen für zukünftige Ausstellungen zu nutzen.

Von Beginn an kam der Frage nach Möglichkeiten der direkten und aktiven Einbeziehung der Besuchenden ein hoher Stellenwert zu. Diese sollten unmittelbar auf die Ausstellung reagieren, ihre Meinung äußern und Eindrücke weitergeben können. Auch Kinder sollten in Form eines Mitmachangebots angesprochen werden.

Das sicherlich räumlich präsenteste Format war die interaktive Weltkarte im hinteren Bereich des Ausstellungsraums. Das Thema Flugverkehr war nicht nur hoch aktuell, es besaß auch eine hohe Anschlussfähigkeit. Diese Haltungen der Besucher*innen sollten in der Ausstellung sichtbar werden. Die Abteilung Diskurs & Öffentlichkeit entwickelte hierzu gemeinsam mit den Kurator*innen Fragen, über die man in der Ausstellung abstimmen konnten. „Werden Sie aufgrund des Klimawandels in Zukunft weniger fliegen?“ konnte einfach mit Ja/Nein beantwortet werden und war dabei die offensichtlichste Frage. Wir wollten jedoch erreichen, dass Luftverkehr in einem neuen, ökologischen Kontext reflektiert wird. Heutzutage ist Fliegen für viele von uns etwas Selbstverständliches, doch 1919, als das erste Luftschiff den Atlantik überquerte, war Fliegen etwas Außergewöhnliches, eine Erfahrung, die viele Menschen in ihrem Leben niemals machen würden. Mit der Frage „Wenn Sie nur noch an einen einzigen Ort auf der Welt fliegen könnten, wohin würden Sie fliegen?“ wollten wir auf diesen Umstand aufmerksam machen und die Besucher*innen anregen, diese Thematik auf die eigene Lebensweise anzuwenden.

Die Weltkarte vor der Schließzeit
Die Weltkarte nach der Schließzeit
Die Weltkarte nach der Schließzeit

Während der Corona-Pandemie wurde der Flugverkehr beinahe vollständig eingestellt. Selbstverständlich haben wir uns in diesem Zusammenhang im Museum gefragt, ob sich der Blick auf das Fliegen dadurch verändert hat. Um diesen möglichen Perspektivwechsel abbilden zu können, entschieden wir uns, eine neue Farbe für die Antworten einzuführen, um ein Vorher/Nachher-Bild zu erzeugen. In der ersten Auswertung zeichnete sich keine Veränderung der Perspektive ab.

Diagramm zum Einbruch des Flugverkehrs

Neben der Möglichkeit, über Klebepunkte auf einer Weltkarte abzustimmen, wurde ein virtuelles Gästebuch eingerichtet, um eine digitale Diskussion anzustoßen. Während vor und nach dem Shutdown die Möglichkeit, sich über Klebepunkte zu äußern, intensiv genutzt wurde, blieb das digitale Gästebuch beinahe leer. Ein erster Erklärungsansatz für diese unterschiedlichen Resultate könnte die Attraktivität der persönlichen Interaktion in der Ausstellung sein: Besucher*innen möchten sich mit einem sichtbaren Zeichen beteiligen, eine Spur hinterlassen. Dies schien für viele attraktiver zu sein als ein in ein digitales Gästebuch zu schreiben, wo das Gesagte erst einmal im „Nichts“ zu verschwinden scheint.

Virtuelles Gästebuch
Das virtuelle Gästebuch nach Ender der Ausstellung

Insgesamt kann das Format der interaktiven Weltkarte als Erfolg bezeichnet werden. Viele Besucher*innen haben an der Aktion teilgenommen, sodass die Karte letztlich ein differenziertes Spektrum an Antworten abbildet.

Als Fazit für kommende Ausstellungen lässt sich festhalten, dass die partizipative Auseinandersetzung mit der Thematik der Ausstellung auf diese Weise – offene Fragen, analoge sichtbare Abstimmungsmöglichkeit im Raum – sehr gut funktioniert. Die Besucher*innen reflektieren die Inhalte mit Bezug auf ihre eigene Lebenswelt und können so einen erweiterten, individuellen Zugang zur Ausstellung finden.

Ein weiteres partizipatives Format war die Wopsie-Schnitzeljagd. Wopsie ist eine Katze, die sich bei der Atlantiküberquerung als blinder Passagier an Bord des Luftschiffs R 34 geschlichen hatte. Sie war bei der Besatzung sehr beliebt und auch die Medien interessierten sich sehr für sie. In Anlehnung an diese Geschichte wurde eine Schnitzeljagd durch das Museum konzipiert, bei der die jüngeren Besucher*innen anhand einer Schatzkarte acht Wopsie-Plüschkatzen finden mussten. Jede Wopsie trug einen Buchstaben am Halsband, die zusammen das Lösungswort „Atlantik“ ergaben. Die Idee dieses Formats war, einen spielerischen Zugang zur Ausstellung zu bieten.

Eine der acht versteckten Wopsies
Eine der acht versteckten Wopsies

Auch dieses Format stellte sich als voller Erfolg heraus. Die große Nachfrage an Katzen übertraf unsere anfänglichen Erwartungen um ein Vielfaches; der Unterhaltungsfaktor des Suchspiels wurde überdeutlich. Nachdem wir einen sehr sympathischen Brief von einem Jungen erhalten hatten, der gerne eine der Katze aus dem Suchspiel „adoptieren“ wollte, entschieden wir, die Wopsie-Aktion auch nach Ende der Ausstellung weiterzuführen. So wurde ein Aufruf auf den sozialen Medien verbreitet, selbst Wopsies zu gestalten, um eine der „originalen“ zu gewinnen. Dadurch konnten die für die Ausstellung gekauften Katzen nachhaltig weiterverwendet werden und es fand eine neue Art der Aneignung statt: Ausstellungsstücke werden Teil der Lebenswelt der Besucher*innen.

Der Erfolg dieser Schnitzeljagd zeigt, dass eine solche Aktion auf weitere Ausstellungen übertragen werden kann. Doch sollte das Spiel in Zukunft stärker an einzelne Exponate geknüpft werden, so dass auch die jüngeren Zielgruppen die Themen der Ausstellung umfassender reflektieren.

Großer Beliebtheit erfreute sich zudem die von der Kommunikationsabteilung ins Leben gerufene Postkartenaktion. In Kooperation mit Südmail konnten Besucher*innen in der Ausstellung Postkarten schreiben und kostenlos in die ganze Welt versenden. So wurde die „Vernetzung der Welt“ auf einer sehr persönlichen Ebene unmittelbar erlebbar. Es fand eine Kommunikation außerhalb des Museums statt, für die das Museum als Ausgangspunkt diente, aber keinen Einfluss auf diese Kommunikation nahm. Die Postkarten der Besucher*innen trugen die Ausstellung individuell und personalisiert nach außen.

Die Auswertung dieser Aktion hat gezeigt, dass mit 31.529 versendeten Postkarten (25.553 national, 5.976 international) eine große Anzahl Besucher*innen das Angebot genutzt hat. So kann resümiert werden, dass Besucher*innen generell Spaß daran haben, sich innerhalb einer Ausstellung auszutauschen, genauso aber über die Ausstellung mit Menschen außerhalb des musealen Raums zu interagieren.

Alle drei partizipativen Formate in der Ausstellung können als große Erfolge gewertet werden. Die Besucher*innen erhielten die Möglichkeit, sich aktiv zu beteiligen, miteinander zu kommunizieren, aber auch mit Menschen außerhalb des Museums in Kontakt zu treten. Dies zeigt, dass partizipative Elemente Ausstellungsformate enorm bereichern und dabei sowohl Hemmschwellen abbauen und Bindungen erzeugen können. Da im Zeppelin Museum die Abteilung Diskurs & Öffentlichkeit bei der Planung der Ausstellungsprojekte von Anfang an involviert ist, können solche pädagogischen Formate in Konzeption und Ausstellungsarchitektur sinnvoll und erfolgreich eingebunden werden.

 

Autorinnen:
Charlotte Ickler und Antje Mayer sind wissenschaftliche Mitarbeiterinnen der Abteilung Diskurs & Öffentlichkeit. Sie konzipieren Material zu Ausstellungen, konzipieren Führungen und führen Vermittlungsangebote durch.

VOR 120 JAHREN: Zweiter und dritter Aufstieg des ersten Zeppelin-Luftschiffes LZ 1

Nach dem ersten Aufstieg des LZ 1, der sehr erfolgreich verlaufen war (wir berichteten), wurden am Luftschiff einige technische Veränderungen vorgenommen, die aus den gemachten Erfahrungen resultierten. Am 24. September 1900 waren die Arbeiten abgeschlossen. Das Luftschiff wurde mit Brennstoff und Ballast versorgt, die Wasserstofffüllung sollte am nächsten Tag stattfinden. Doch in der darauffolgenden Nacht geschah ein Unglück, welches Hugo Kübler in seinem Bericht an die „Gesellschaft zur Förderung der Luftschiffahrt“ beschreibt:

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Luftschrauben rasten in die Tiefe…Große Fahrt des Z III (LZ 6) zum Kaiser nach Berlin Ende August 1909 – Teil 1

Ende August 1909 unternahm Graf Zeppelin seinen zweiten Versuch, mit einem Luftschiff den Kaiser in Berlin zu besuchen und zu beeindrucken. Sein erster Versuch mit dem Luftschiff Z II (LZ 5) war einige Wochen zuvor in Bitterfeld geendet und Z II inzwischen ans Militär nach Köln abgeliefert worden (wir berichteten).

Aber noch war das Luftschiff Z III (LZ 6) nicht startklar und in Manzell gab es noch jede Menge zu tun. Außerdem konnte Z III im Vergleich mit seinem Vorgänger zahlreiche Innovationen aufweisen, die Kapitän Georg Hacker hier aufzählt:

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Urknall am Bodensee

Als Graf Zeppelin sein erstes Luftschiff am 2. Juli 1900 von der Manzeller Bucht aus aufsteigen ließ, muss ihm klar gewesen sein, dass es sich um ein sehr bedeutendes Ereignis handelte. Deshalb hatte er auch schon im Vorhinein ordentlich die Werbetrommel gerührt.
Einen großen Knall gab es trotz des explosiven Wasserstoffs, dem damals einzig möglichen Traggas, glücklicherweise nicht, aber mit Sicherheit dröhnten und stampften die Motoren lautstark.

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An Bord des LZ 127 „Graf Zeppelin“

Während Hugo Eckener auf seinem „Sorgensitz“ darüber nachdachte, welche Route das Luftschiff nehmen sollte, schrieben Lady Drummond Hay und ihre Kollegen unermüdlich alles auf, was sie sahen und erlebten. Anschließend wurden die Texte als Telegramm in die Welt geschickt. Auch Dr. Megias, der spanische Arzt, sandte viele Telegramme an das spanische Königshaus, an seine Freunde und Verwandten. „An Bord des LZ 127 „Graf Zeppelin““ weiterlesen

Im Zeppelin rund um den Globus

LZ127 Graf_Zeppelin in der Halle

Tausende von Kilometern hatte es schon erfolgreich zurückgelegt, das Luftschiff LZ 127 „Graf Zeppelin“, von einigen auch liebevoll nur „Der Graf“ genannt.
Vermehrt kam der Wunsch auf, LZ 127 solle doch nach so vielen glücklich absolvierten Fahrten endlich einmal die Welt umrunden.
Dr. Hugo Eckener, Luftschiffkapitän und der Geschäftsführer der Luftschiffbau Zeppelin GmbH, war die Idee nicht unsympathisch, doch mussten zuvor zwei grundlegende Fragen geklärt werden:

„Die erste Frage war: Wer bezahlt diese Fahrt? Die zweite war: Welchen Weg kann man nehmen?
Die Kosten der Reise mußte man wenigstens auf eine Million Reichsmark schätzen (…) Wie sollte man dies Kosten aufbringen? Von der deutschen Regierung war wegen ihrer damals noch sehr spröden Haltung gegenüber dem Zeppelinschiff wenig zu erhoffen. Wir mußten uns in der Hauptsache selbst helfen.“

In dieser Situation sprang der amerikanische Medienmogul William Randolph Hearst in die Bresche und bot den Zeppelinern an, die Hälfte der Reisekosten zu tragen. Im Gegenzug sicherte er sich die Exklusivrechte auf die weltweite Berichterstattung – Europa ausgenommen.

Die andere Hälfte der Kosten wurde von den Briefmarken- und Luftpostsammlern erbracht, die hohe Summen für die Beförderung ihrer Luftpost bezahlten. Deutsche und europäische Verlage schickten Reisejournalisten mit, um über den europäischen Teil der Weltfahrt berichten zu können. Außerdem kamen für die noch verbliebenen Plätze an Bord zahlende Passagiere hinzu.

Zeppelin-Sammlerpost mit Sonderstempel zur Weltfahrt. Bildquelle: Archiv der Luftschiffbau Zeppelin GmbH
Zeppelin-Sammlerpost mit Sonderstempel zur Weltfahrt. Bildquelle: Archiv der Luftschiffbau Zeppelin GmbH
Bearbeitung von Sammlerpost auf dem Friedrichshafener Postamt. Bildquelle: Archiv der Luftschiffbau Zeppelin GmbH
Bearbeitung von Sammlerpost auf dem Friedrichshafener Postamt.Bildquelle: Archiv der Luftschiffbau Zeppelin GmbH

Nachdem die finanzielle Frage geklärt war, wurden nun verschiedene Fahrtrouten diskutiert.
Laut Hugo Eckener schienen nur zwei Routen möglich:

„die durch das Mittelmeer in den Indischen Ozean und dann weiter in die Chinesische See, und die andere nördlich von den hohen Gebirgen Zentralasiens über den Baikalsee und weiter durch das Amurtal nach der Mandschurei und über Nordostchina nach Japan hinüber.“

Da die Wetterverhältnisse auf den Chinsischen Meeren als unberechenbar galten und jederzeit ein Taifun aufkommen könne, wurde die zweite Route über den Baikalsee und das Amurtal erörtert. Dort könnten tiefhängende Wolken oder Nebel die Orientierung beeinträchtigen. Also kam Hugo Eckener zu dem Schluss, einen dritten Weg zu wählen,

„nämlich den über das mittlere Rußland und Sibirien bis Jakutsk, um dann das etwa 2000 Meter hohe Stanowoi-Gebirge bei Fort Ajan zu überqueren und in das Ochotskische Meer zu kommen. Von hier aus führte dann eine etwa 3000 Kilometer lange Endstrecke in ziemlich genau südlicher Richtung, zwischen der langestreckten Insel Sachalin und dem asiatischen Festland hindurch, nach Tokio.“

Eine Fotomontage zur Weltfahrt 1929 zeigt LZ 127 Graf Zeppelin über dem Globus (Hochformat oder Querformat). Bildquelle: Archiv der Luftschiffbau Zeppelin GmbH
Eine Fotomontage zur Weltfahrt 1929 zeigt LZ 127 Graf Zeppelin über dem Globus und Friedrichshafen. Bildquelle: Archiv der Luftschiffbau Zeppelin GmbH

Auf Wunsch Hearsts sollte die offizielle Weltfahrt in den Vereinigten Staaten beginnen und enden, wie Kapitän Hans von Schiller beschreibt:

„Da Hearst den Löwenanteil trägt, so hat er eine Forderung stellen können. Wir müssen in Lakehurst bzw. bei der Freiheitsstatue unsere Fahrt beginnen und endigen. Dr. Eckener erklärte nun, daß es dadurch gewissermaßen zwei Weltfahrten gäbe, die amerikanische und die deutsche, die von Friedrichshafen nach Friedrichshafen führte; man müsse abwarten, wer das Rennen gewinnen würde!“

Weiter geht es im zweiten Teil…