Happy Birthday – 100 Jahre Maybach-Automobile

Es mag verwundern, dass 2021 100 Jahre Automobilmarke Maybach gefeiert wird. Schließlich steht in der Gründungsurkunde von 1909 des zunächst Luftfahrzeug-Motorenbau GmbH benannten Unternehmens in § 3: „Gegenstand des Unternehmens ist die Herstellung von Fahrzeug-Motoren und deren Zubehör für Luft- und Wasser-Fahrzeuge sowie der Vertrieb dieser Erzeugnisse.“ Also Mobilität in der Luft und im Wasser; zu Lande war eigentlich nicht vorgesehen.

In der Luft

Wilhelm Maybach (1846-1929), Mitbegründer des Unternehmens, war um die Jahrhundertwende als „König der Konstrukteur“ gefeiert worden und gilt heute als Vater des modernen Automobils, des ersten Mercedes. Bis zu seinem Ausscheiden aus der Daimler-Motoren-Gesellschaft 1907 verschrieb er sich der Motoren- und Automobilkonstruktion, zunächst an der Seite von Gottlieb Daimler, nach dessen Tod 1901 eher isoliert. In seinem ebenfalls begabten Sohn Karl (1879-1960) fand er einen gelehrigen Schüler. Karl war unter anderem bei der Entwicklung eines Sechszylinder-Reihenmotors für einen Mercedes-Rennwagen beteiligt und bildete sich bei Praktika im In- und Ausland fort. Der Briefwechsel zwischen Vater und Sohn bezeugt ihren intensiven Austausch zu technischen Fragen. Ab 1906 arbeitete Karl Maybach im französischen Saint-Ouen im Konstruktionsbüro von Graf de Lavelette und arbeitete dort an einem 150 PS starken Automobilmotor.

Wilhelm Maybach (rechts) und sein Sohn Karl Maybach, beide Pioniere der Antriebstechnik. Copyright Daimler AG

Die Zerstörung des Luftschiffs LZ 4 bei Echterdingen nach einer Zwischenlandung, verursacht durch Probleme der Daimler-Motoren, veranlasste Wilhelm Maybach, Graf Ferdinand von Zeppelin am 8. August 1908 per Brief auf eine Motorkonstruktion seines Sohnes Karl hinzuweisen, der „in allen Teilen so gut durchdacht und ausgeführt ist, daß er sich für Dauerleistung besonders eignet.“ Dabei hatte Wilhelm Maybach selbst maßgeblich die Vierzylinder-Daimler-Luftschiffmotoren während seiner aktiven Zeit in der Daimler-Motoren-Gesellschaft mitentwickelt. Von Zeppelin ließ sich auf den Vorschlag ein und am 23. März 1909 kam es zur Gründung der Zulieferfirma für geeignete Motoren für die Luftschiffe, als Tochterunternehmen der Luftschiffbau Zeppelin GmbH. Karl Maybach wurde technischer Leiter, nach einiger Zeit Mitgesellschafter wie auch sein Vater. Das Unternehmen errichtete 1912 erste Gebäude und nannte sich in Motorenbau GmbH um; erst im Mai 1918 kam ein Maybach dazu: Maybach-Motorenbau GmbH.

1909, noch in Bissingen in einer befreundeten Fabrik, kam der erste Sechszylinder-Luftschiffmotor Typ AZ auf dem Prüfstand, 1911 war LZ Schwaben ausschließlich mit Maybach-Motoren ausgestattet. 1914 bewirkte der Beginn des Ersten Weltkriegs einen weiteren Schub in der Motorentwicklung. Der erste Höhenflugmotor der Welt (Typ Mb IVa) wurde in Flugzeugen und Luftschiffen eingesetzt.

Die deutsche Niederlage 1918 und die Bedingungen des Versailler Vertrags von 1919 veränderten alles: eine neue unternehmerische Ausrichtung musste her. Karl Maybach setzte auf zwei Sparten: auf schnelllaufende Dieselmotoren vor allem für den Schienenverkehr sowie auf Benzinmotoren für Landfahrzeuge wie Automobile.

Zu Lande: der Weg zum Maybach Typ 22/70 PS

Karl Maybach erläuterte zur neuen Ausrichtung 1919: „Aufgrund unserer Erfahrungen werden wir einen erstklassigen Fahrzeugmotor entwickeln und diesen in verschiedenen Leistungen bauen. Wir werden diese Motoren den inzwischen zahlreich gewordenen Automobilfirmen im In- und Ausland zum Einbau in ihre PKW, LKW und sonstige Fahrzeuge anbieten.“ (zitiert nach Alfred Sapper, Unternehmensarchiv Rolls-Royce Powersystems AG, mündliche Überlieferung)

Vermutlich 1919 wurde ein Versuchsmotor (Typ W 1) mit einer Leistung von 46 PS bei 2.000 U/min entwickelt und in einem gleichnamigen viersitzigen Tourenwagen auf einem Daimler-Chassis getestet. Hier waren sicherlich die Erfahrungen, die Karl Maybach bei der Daimler-Motoren-Gesellschaft und in Frankreich erworben wurde, hilfreich. Der zweite Sechszylinder-Motor Typ W 2 war der erste betriebsreife Maybach-Pkw-Motor; er brachte 70 PS bei 2.200 U/min und hatte einen Hubraum von 5,7 Liter.

Kompakt und leistungsfähig: Der Maybach-Motor Typ W 2, das Herzstück des ersten Automobiltyps von Maybach, Typ 22/70 PS (W 3). Rolls-Royce Power Systems AG

Die niederländische Automobil- und Flugzeugfabrik Trompenburg interessierte für den W-2-Motor und bestellte im Februar 1920 sagenhafte 1.000 Motoren für ihre unter dem Markennamen Spyker angebotenen Pkw. Sagenhaft blieb es leider, nach ersten Lieferungen wurden im August 1921 wegen Zahlungsschwierigkeiten weitere gestoppt. Positiv bei dieser kurzen Episode war die erfolgreiche Bewährung des Maybach-Motors in Spyker-Wagen, die beispielsweise bei der Dauerrekordfahrt im Sommer 1921 teilnahmen (Konkurrenzfahrt Paris – Den Haag).

So entschied sich das Friedrichshafener Unternehmen, einen größeren Sprung zu wagen und selbst ein komplettes Automobil anzubieten. Im Spätsommer 1921 wurde das erste Maybach-Chassis nach Cannstatt an den Karosseriehersteller Chr. Auer geliefert (wie eine Produktion für Fahrgestelle in so kurzer Zeit aufgebaut werden konnte, wird aus den Quellen nicht klar).

Es war ein Freitag

Am Freitag, dem 23. September 1921, öffneten sich die Messepforten der Automobilausstellung in Berlin. Auf dem Stand Nr. 25 der Maybach-Motorenbau GmbH waren die so genannte Herrenfahrerlimousine mit der Auer-Karosserie, ein Chassis „ohne Schaltung“, ein W-2-Motor und ein 60-PS-Bootsmotor (marinisierter Pkw-Motor) mit Wendegetriebe zu sehen. Damit war eine weitere Automobilmarke geboren: Maybach.

Vom 23. September 1921 bis 3. Oktober 1921 präsentierte sich die Maybach-Motorenbau GmbH auf der Automobilmesse in Berlin. Rolls-Royce Power Systems AG
Die Technik unter der Karosserie: ein Maybach-Chassis auf dem Messestand. Das Bild stammt aus der Zeitschrift „Der Motor“. Daimler AG
Premiere in Berlin: Die Herrenfahrerlimousine mit einer Karosserie von Chr. Auer. Daimler AG

Erst drei Jahre zuvor, im Mai 1918, war durch eine Umbenennung der Familienname Teil des Firmennamens geworden (Maybach-Motorenbau GmbH). Die Einführung eines passenden Markenzeichens, dem markanten Doppel-M im Bogendreieck, ermöglichte die unverwechselbare und sichtbare Kennzeichnung der Produkte aus Friedrichshafen. Der Kühler des 1921 in Berlin ausgestellten Wagens erhielt eine Kühlerplakette mit dem Emblem. Spätere Modelle hatten die bekannten Kühlerfiguren, und auch an bzw. auf verschiedenen Bauteilen und Karosserieflächen innen und außen wurde das Doppel-M eingesetzt.

Das Maybach-Emblem auf einem Tankdeckel eines Maybach-Oldtimers. Rolls-Royce Power Systems AG
Beim Ausstellungswagen von 1921 fehle die Kühlerfigur, sie kam erst später zum Einsatz. Rolls-Royce Power Systems AG

Das Unternehmen bezeichnete in der Bilanz von 1921 diese Premiere lapidar als „mit grossen Schwierigkeiten ins Leben gerufene Herstellung von Personenwagen“. Bis zum 2. Oktober 1921 dauerte die Berliner Automobilmesse; wie viele Bestellungen vor Ort akquiriert werden konnten, ist nicht überliefert, 1922 wurden 46 W-2-Motoren und 11 W-3-Chassis bilanziert, 1923 32 Chassis.

Die Technik unter der Karosserie

Einer der stärksten besuchten Stände ist der der Firma Maybach-Motorenbau. Die Neuerungen an den dort ausgestellten Wagen sind nicht alltäglicher Natur“, urteilte die Berliner Zeitung am Mittag Ende September 1921. Neben dem leistungsstarken 70-PS-Motor sowie einer Vierradbremse (ein Novum) warb Maybach mit einer leichten Bedienung: Der Fahrer sollte die Hand nicht vom Lenkrad nehmen müssen; deshalb wurden die Handschalthebel und das übliche Wechselgetriebe weggelassen und durch ein einfaches Planetengetriebe ohne besondere Kupplung mit Betätigung der Gänge durch einen Fußhebel ersetzt.

Eine Maybach-Anzeige vom Herbst 1921, erschienen in „Der Motor“. Daimler AG

Aus Friedrichshafen stammte das Chassis mit dem Antriebsstrang; die Karosserien der bis ca. 1941 gebauten rund 1.800 Maybach-Fahrzeuge wurden bei den von den Kunden präferierten Karosseriehersteller individuell hergestellt.

W-3-Chassis auf dem Weg zum Karosseriehersteller vermutlich Mitte der 1920er-Jahre. Rolls-Royce Power Systems AG

Automobile aus Friedrichshafen

305 W-3-Wagen sind in den Bilanzen bis 1928 nachgewiesen. Es folgten verschiedene Sechszylinder-Wagen mit höherer Leistung und verbesserten Getrieben und Fahrwerken. Die Krönung des Friedrichshafer Automobilbaus war der im Dezember 1929 vorgestellte Maybach Typ 12, später Zeppelin. Was Wilhelm Maybach über den ersten deutschen Zwölfzylinder-Wagen im deutschen Automobilbau dachte, wissen wir leider nicht; er starb am 29. Dezember 1929.

Drei Limousinen Typ Zeppelin DS 7 oder DS 8 auf dem Gelände der Maybach-Motorenbau GmbH, im Hintergrund die Luftschiffhallen in Friedrichshafen. Rolls-Royce Power Systems AG

Festzuhalten ist: wirtschaftlich war der Automobilbau nicht lukrativ, der Umsatz im Vergleich zu den Großdieselmotoren und zu den Hochleistungsmotoren, die mit der deutschen Aufrüstung für mittelschwere und schwere Militärfahrzeuge in Frage kamen, abfallend. Der Zweiten Weltkrieg beendete diese Ära: die Maybach-Motorenbau GmbH nahm nach 1945 den Automobilbau samt Motoren und Getriebe nicht mehr auf und konzentrierte sich hauptsächlich auf schnelllaufende Großdieselmotoren.

Was bleibt nach 100 Jahren?

Heute fahren sowohl rund 150 historische Maybach-Klassiker und als auch seit 2002 gebauten Mercedes-Maybach-Fahrzeuge auf unseren Straßen oder stehen in Ausstellungen oder Verkaufsräumen. Wie das zusammen passt, ist eine andere Geschichte. Freuen wir uns in diesem Jubiläumsjahr 2021 über die Geburtsstunde einer Automobilmarke aus Friedrichshafen, deren Macher im technischen Bereich immer wieder überraschten, und deren Fahrzeuge noch heute begeistern.


Dr. Heike Weishaupt

Die Technikhistorikerin Dr. Heike Weishaupt besitzt (leider) kein Maybach-Automobil, genießt dafür umso mehr, in einem Maybach-Oldtimer mitfahren zu dürfen. Nach 4 Jahren in Untertürkheim (Daimler) und 19 Jahren in Friedrichshafen (Rolls-Royce Power Systems) wohnt sie seit 2010 auf der Schwäbischen Alb im Alb-Donau-Kreis und arbeitet im Stadtarchiv von Heidenheim an der Brenz.

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