Emmy La Quiante „Die Erste“ geprüfte Ballonführerin der Welt

Die dritte im Bunde unserer Ballonfahrerinnen hat es mir nicht leicht gemacht! Als „Erste“ wollte ich sie unbedingt mit vorstellen.

Denn die „Erste“ war ein Attribut, mit dem Zeitschriften Anfang des 20. Jahrhunderts öfters Frauen vorstellten, welche in ihren Bereichen Pionierinnen, ja eben, „die Erste“, waren. Das konnte eine Professorin, eine Ärztin, eine Richterin oder auch eine Maurerin sein. Und Emmy La Quiante war anscheinend sogar die erste geprüfte Ballonführerin der Welt!

Im Artikel „Die Frau als Luftschifferin“ aus der Zeitschrift „Die Woche“ von 1908 heißt es über sie:

„Besondere Erwähnung verdienen in Deutschland die Damen, die schon die Befähigung zur selbstständigen Führung erhalten haben oder sich um diese Qualifikation bewerben. Es sind dies in erster Linie Frau La Quiante, die im vergangenen Jahr zur Ballonführerin im Berliner Verein ernannt wurde und am vergangenen 3. Mai bei der internen Zielfahrt des Berliner Vereins von Schmargendorf aus allein als Konkurrentin bei einer Wettfahrt aufgetreten ist. Es dürfte ihre Fahrt die erste sein, bei der eine Dame in Deutschland allein in einem Freiballon aufgestiegen ist.“

Die Informationen, die es über Emmy (in einigen Quellen auch Emma genannt) gibt, sind spärlich. Überliefert ist noch, dass sie 1909 den 2. Preis bei der Breslauer Fuchsjagd belegte (hier verfolgen die Wettbewerbsteilnehmer einen vorausfahrenden Ballon) und wahrscheinlich 1931 in Berlin verstarb. Zu ihrem Ehemann gibt es ein paar mehr Fakten: Charles la Quiante war Oberleutnant (oder Hauptmann) und wohl auch Fabrikbesitzer.

Sie waren beide Mitglieder des Luftschifferklubs Berlin, Charles war auch aktiver Alpinist und bis 1950 Mitglied im deutsch-österreichischen Alpenverein, überlebte seine Frau also um etliche Jahre. Von ihm ist noch überliefert, dass er im 1. Weltkrieg als Kommandant des Luftschiffs LZ 90 eingesetzt war. So weit, so wenig. Zu wenig für einen Artikel!

Zwei Damen und ein Herr aus „Wir Luftschiffer“ (Die mittlere Dame könnte Emmy La Quiante sein)

Bis, ja bis ich auf einen Artikel von ihr selbst stieß! Eigentlich zwei: Im ersten „Damen im Korb“ veröffentlicht im Buch „Wir Luftschiffer“ von 1909 beschreibt sie die Entwicklung des weiblichen Ballonsports. Im zweiten Artikel, entdeckt im „Sportbuch“ von 1910 erzählt sie selbst von einer Ballonfahrt mit einer weiteren Passagierin „Frau Dr. G.“, der sie bei dieser Fahrt die Prüfung als Ballonführerin abnimmt. Als dritter Passagier im Korb ist der Mann von Frau G. dabei (anscheinend auch ein „Luftschiffer“). Bei Frau Dr. G. wird es sich übrigens um Margarete Gocht gehandelt haben, als weitere weibliche Ballonführerin aus dieser Zeit bekannt.

Margarethe Gocht aus „Wir Luftschiffer“. Gocht war wahrscheinlich „Frau Dr. G.“, der sie in ihrer Erzählung die Ballonprüfung abnimmt

Also lassen wir sie selbst zu Wort kommen und steigen als „virtuelle Passagiere“ mit in den Ballon:

„Als ich am 12. Januar vom Berliner Verein für Luftschifffahrt die Aufforderung erhielt, am nächsten Tage einen Ballon von Bitterfeld aus zu führen und bei dieser Gelegenheit einer Dame, Frau Dr. G., die Prüfung als Ballonführerin abzunehmen, sah ich mit wenig Hoffnung der Witterung des nächsten Tages entgegen. Schnee und Regen klatschten gegen die Fensterscheiben, und eine Böe jagte die andere. Der Himmel verfinsterte sich, zwischendurch kam ein Sonnenblick. Die Wetterlage hätte im Sommer ein Gewitter herbeigeführt, im Winter ging’s wohl mit den harten Böen ab, aber die Aussicht auf eine ständige Wetterlage und stetige Winde war gering. Das waren keine günstigen Aussichten für eine Ballonfahrt.

Wenig Trost brachte auch der Blick auf die Wetterkarte, die in keinem Luftschifferhaushalt fehlen darf. Zwar wanderte das über Skandinavien gelagerte Minimum stetig nach Osten, doch das Maximum im Süden hatte entschieden die Tendenz, sich westwärts zu entfernen. Es blieb also nur die den Berufsmeteorologen so geläufige Prognose übrig: Die Wetterlage und Windrichtung kann bleiben – aber auch ganz anders werden.

 Um 5 Uhr abends verließ ich Berlin. Als wir am nächsten Morgen in Halle erwachten, lachte die helle Sonne ins Zimmer und mit frohem Eifer wurden die Vorbereitungen zur Fahrt getroffen. Gegen neun Uhr fuhren wir mit dem Auto nach Bitterfeld, wo wir gegen zehn Uhr anlangten.

 Als wir uns der Chemischen Fabrik „Elektron“, unserem Lieferanten für Wasserstoffgas, näherten, erblickte ich meinen alten Freund, den Ballon „Ernst“, der mich so manches Mal durch die Lüfte getragen, schon in vollem Glanze. Die Füllung war beendet, der Ansatz abgebunden, und ungeduldig zerrte der Ballon an den Auslaufleinen, der Abfahrt entgegenstrebend. Schnell musste nun auch der Korb fertiggestellt werden. Während Frau Dr. G. Vorräte und die wärmenden Hüllen verstaute (der Ballonfahrer muss noch viel mehr mit Platz und Gewicht geizen als der Segler), sorgte ich für die Instrumente und Karten, während Herr Dr. G. durch Pilotballons, die er selbst angefertigt hatte, die Fahrtrichtung festlegte.

 Bald meldete er mir, dass unsere Fahrt bei reinem Westwind genau nach Osten gehen würde. Nun war auch der Korb fertig; er wurde an den Ring geknebelt, die Instrumente an die Korbleinen gebunden; es ging ans Abwiegen. Und es war die höchste Zeit. Der Wind hatte aufgefrischt, und die nicht sehr zahlreiche Mannschaft hatte Mühe, den Ballon, der unter den immer mehr wirkenden Sonnenstrahlen emporstrebte, zu bändigen.

Eine Schar von Zuschauern hatte sich eingefunden, von denen die meisten sogar den Weg von Halle nicht gescheut hatten, um dem Aufstieg beizuwohnen.

Mit neun Sack Ballast waren wir abgewogen, „Aufreißen!“ hieß das Kommando, und stolz erhob sich der Ballon, um uns nach wenigen Augenblicken unsanft wieder der Mutter Erde an die Brust zu werfen. Eine Böe hatte ihn niedergedrückt. Also schnell noch einen Sack Ballast heraus, und nun erhebt sich der „Ernst“ wirklich langsam und majestätisch unter dem jubelnden Abschiedsgruß der Zuschauer, denen wir lebhaft grüßend zuwinken.

 Aber nicht lange dürfen wir uns mit den immer kleiner werdenden Menschen beschäftigen. Galt es doch jetzt, die Navigation zu übernehmen und eventuell zu verhüten, dass der Ballon heruntergeschlagen würde. Die vielen Starkstromleitungen der dortigen Industrieanlagen bilden eine große Gefahr für den Luftschiffer. Doch auch diese Sorge schwand; der Ballon blieb in ruhigem Steigen bis zu einer Höhe von siebenhundert Metern wo er bald seine Gleichgewichtslage fand.

Wir konnten uns jetzt also der Feststellung der genauen Richtung und Geschwindigkeit widmen. Bald hatte Herr Dr. G. die Genugtuung, zu sehen, dass die durch die Piloten festgelegte Richtung genau mit der von uns eingeschlagenen übereinstimmte; sie ging direkt nach Osten. Blieb nur noch die Geschwindigkeit festzustellen, mit der wir flogen.  

Dass wir schnell vorwärts kamen, sah ich; doch, als wir, an der Elbe angelangt, mit Sicherheit die Geschwindigkeit von sechzig Kilometer pro Stunde messen konnten, waren wir doch einigermaßen überrascht. Also Eilzugsgeschwindigkeit. Aber welche Verschiedenheit im Fahren! Während der Eisenbahnpassagier in rußiger Luft unter ratterndem Lärm geschüttelt wird, fliegen wir in erhabener Stille durch den Äther dahin.

Nichts erinnert an Eigenbewegung. Kaleidoskopartig rollt sich unter uns das Bild der Erde ab, es wechseln die Wälder mit dem gleichmäßig gewebten Teppich der Felder. Wie Spielzeug liegen dazwischen die Häuser der Ortschaften. Vor uns das breite, silberne Band der eisbedeckten Elbe.  

Doch man weiß, dass der Strom, so lieblich er von oben anzusehen ist, doch stets ein Hindernis für den Luftschiffer bildet. Mit magischer Gewalt zieht die Luft über größeren Wasserflächen den Ballon an und hält ihn fest. So ging’s auch uns.

Während wir in flotter Fahrt direkt auf die Elbe bei Schmiedeberg zusteuerten, machte der Ballon plötzlich rechtsum und folgte dem Lauf des Stromes. Aber auch das hatte sein Gutes. Gerade als sich der „Ernst“ endlich entschloss, die Elbe zu passieren, überflogen wir Dommitzsch, die Heimatstadt meiner Korbgenossin. Durch das fröhliche Knallen der ersten Flasche begrüßten wir die Stadt und tranken auf das Wohl der neuen Ballonführerin. Denn als solche bewährte sie sich ausgezeichnet. Sie quälte sich weidlich. Das Schleppseil hatte sie längst ausgelegt, für Damenhände eine schwere Arbeit; sie wies jede Hilfe dabei zurück, ebenso betrachtete sie das Hanteln mit den dreißig Kilogramm schweren Ballastsäcken als ihr Reservatrecht. 

Weiter ging unsere Fahrt. Zwischen Dobrilugk und Kirchhain führte uns der Weg über Finsterwalde auf Spremberg zu. Wieder lag ein Wasserlauf vor uns, aber obgleich die Karte mir sagte, es müsse die Spree sein, sträubte ich mich gegen die bessere Einsicht.

Meine Fahrtgenossen beschuldigten mich des Lokalpatriotismus; doch ich sagte: „Mein Vaterland muß größer sein“. Als wir aber näher herankamen (der Ballon stand jetzt auch tiefer), sahen wir, dass wir bei den idyllischen, mit Wiesen bedeckten Ufern der Pleiße angelangt waren. Kurz darauf überflogen wir sie. Ihre Anziehungskraft veranlasste sehr reichlich Ballast zu geben, so dass wir gleich darauf auf unsere höchste Höhe, über neunhundert Meter, emporschnellten.

Doch der Ballastvorrat ging zu Ende. Wir mussten ans Landen denken. Kurz hinter Sorau hielten wir nach einem geeigneten Terrain Umschau, und als sich hinter Sagan an dem wunderschön gelegenen Orte Eckersdorf ein großes, unbestelltes Feld zeigte, wurde in siebenhundert Meter Höhe Ventil gezogen. Der Ballon fiel, – ein Sack heraus zum Abfangen – der Korb – setzt auf – herunter die Reißbahn – langsam sinkt die gewaltige Hülle und fällt zusammen. Der Korb stand, ohne zu kippen, eine sehr glatte Landung.

Mit großem Enthusiasmus wurden wir, besonders wir Damen, von der hinzueilenden Bevölkerung begrüßt, Groß und Klein half uns nach Kräften bei der Verpackung des Ballons und sie entließen uns nur gegen das feste Versprechen, wieder bei ihnen zu landen.“

Nach dieser angenehmen Landung steigen wir aus und kehren in die Gegenwart zurück (ohne den Ballon noch mit verpacken zu müssen). Ich hoffe, die Fahrt hat Euch gefallen!

In ihrem ersten Artikel äußerte sich Emmy übrigens auch zur „Kleidung der Luftschifferin“:

„Die Haupteigenschaften, welche man von einem solchen verlangen muss, sind durch den Zweck, dem es dienen soll, gegeben. Es soll dauerhaft bequem, bei Kälte und Wärme zu tragen, durch Sonne und Regen nicht leidend, nicht hinderlich, mit einem Worte ein Sportanzug sein; nicht ein kokettes Kostüm aus Seide und Tand, das seinen Zweck, die Trägerin zu verschönen, nur vor, nicht nach der Fahrt erfüllt, darf es sein.“

Hier ein Bild aus einer Zeitschrift von 1909. Ob es wohl die Kriterien der praktisch veranlagten Emmy erfüllte? Zumindest gehörten schon einmal Hosen dazu, die Damen damals nur bei sportlichen Aktivitäten trugen. Dazu meint sie kategorisch:

„Es ist dringend nötig, dass die Luftschifferin bei der Landung den Rock abgelegt hat, um volle Bewegungsfreiheit zu haben.

Und wenn es schon ein Rock sein musste, dann wenigstens fußfrei, wie sie weiter ausführt. Und so hatten weibliche Führerinnen im Korb im doppelten Sinne „die Hosen an.“

Wie wir gesehen haben, waren die drei Pionierinnen ganz unterschiedliche Persönlichkeiten. Jede von ihnen hatte mit Widerständen zu kämpfen und wurde das eine oder andere Mal wegen ihres Geschlechts übergangen, benachteiligt oder nicht ernst genommen. Das belegen die überlieferten Geschichten und meine Annahme ist, dass es dazu noch weitere Anekdoten gibt, die nicht überliefert sind.

In jedem Fall gingen alle drei Frauen ihren Weg und setzten sich durch. Und trotz ihrer verschiedenen Beweggründe vereinte sie eins: ihre Leidenschaft für das Ballonfahren.

Grete Otto
Grete Ottos Passion ist die Zeit der Belle Epoque. Eine Zeit, in der viel passierte – ob nun in der Gesellschaft, Technik oder Wissenschaft! Eine Schlüsselposition hatte dabei das Bürgertum – als treibende Kraft dieser Entwicklung. Auf ihrer Webseite www.buergerleben.com und in den sozialen Medien (www.facebook.com/buergerleben/www.instagram.com/buergerleben) stellt die Historikerin Themen der Zeit vor: wie wurde Anfang des 20. Jahrhunderts gekocht, wohin fuhr man in den Urlaub, welche Kleidung trugen die Frauen und warum hießen Autos zunächst Selbstfahrer? Daneben betätigt sie sich als Autorin und hält Vorträge zu verschiedenen Themen.

Auch mit den neuen Verkehrsmitteln, die entstanden, beschäftigt sie sich: „In den Wochenzeitschriften aus dieser Zeit spürt man die Faszination, die von den neuen Flugobjekten ausging. Es herrschte eine Aufbruchsstimmung und Begeisterung, gerade wenn von Zeppelinen, Ballonen und Flugzeugen die Rede war. Die Menschen strömten zu den Vorführungen und jubelten den neuen Flugobjekten begeistert zu. Wird die Geschichte der Aviatik vorwiegend von Männern geschrieben, möchte ich mit meinem Artikel auch auf die weiblichen Luftschifferinnen – so nannte man sie damals übergreifend, hinweisen.“

Quellen:

Artikel „Damen im Korb“ aus „Wir Luftschiffer“, 
Hrsg. Dr. Bröckelmann, Verlag von Ullstein & Co., 1909

Artikel „Der Luftsport der Damen“ aus „Großes Illustriertes Sport-Buch“, 
Hrsg. Theodor Rulemann, Verlagsdruckerei „Merkur“, ca. 1910

 

 

2 Kommentare

  1. Ich bin ein Enkel von der Bllonfahrerin Gocht.Wie bekomme ich noch Literatur
    über sie.E.Heil

    • Simone Lipski
      Simone Lipski Antworten

      Lieber Herr Heil,

      unsere Archivleiterin Barbara Waibel einige Informationen zu Frau Gocht gefunden, leider keine weiterführende Literatur.
      Name (Geburtsname / Ehename): Margarete Kassler / Margarete Gocht
      Lebensdaten 02.10.1873 – ?
      Verheiratet mit dem Orthopäden und Ballonführer Prof. Dr. Hermann Gocht. Beide sind Gründungsmitglieder der Sektion Halle/Saale des Sächsisch-Thüringischen Vereins für Luftschiffahrt (Gründung im November 1908)
      1915 Ruf an die Universität Berlin, Umzug nach Berlin.
      Mitfahrerin beim ersten Aufstieg in der Sektion Halle am 02.12.1908, Mitglied im Berliner Verein für Luftschiffahrt. Als fünfte Deutsche erhielt sie das Ballonführerpatent am 01.02.1909.
      Mitfahrerin am 26./27.06.1909, 11.07.1909, am 13.01.1909.
      Fahrten als Ballonführerin am 29./30.05.1909 (Nachtfahrt), am 20./21,07.1909 (Nachtfahrt), am 25.07.1909.
      Bis zum 01.10.1913 machte sie 14 Freiballonfahrten, davon acht selbständige Fahrten.
      Nach dem Ersten Weltkrieg wurde sie Mitglied im Bitterfelder Verein für Luftschiffahrt, 1935 ist sie dort noch als Mitglied nachweisbar

      Vielleicht hilft Ihnen das ja schon weiter, wen es nicht alles Hinweise sind, die Sie schon kennen.

      Herzliche Grüße
      Ihr Museumsteam

Kommentar schreiben

Navigate