Zwischen Technik und Kunst: Die fotografische Ausbildung bei Marta Hoepffner

Marta Hoepffner war ab 1929 an der Frankfurter Kunstschule die Schülerin von Willi Baumeister. Als er 1933 seine Professur verlor, hat auch sie die Schule verlassen. Die Impulse, die Hoepffner von Baumeister erhalten hat, waren prägend für ihre künstlerische Entwicklung.

Aber auch Marta Hoepffner hat als Lehrerin zahlreiche Künstler*innen ausgebildet und beeinflusst. Bereits seit 1943 war ihr Frankfurter Atelier auch Ausbildungsstätte. 1949 eröffnete sie gemeinsam mit ihrer Schwester Madeleine Hoepffner eine Fotoprivatschule in Hofheim am Taunus. Eine mutige wie auch zwangsläufige Entscheidung, denn es gab Mangel an Ausbildungsstätten, aber zugleich eine extrem große Nachfrage. Neben den Meister- und Ferienkursen wurde für Berufsanfänger*innen eine zweijährige Ausbildung angeboten. 1962 wurde Irm Schoffers Teilhaberin der Schule, die als Lehrerin mit neuen Techniken die Ausbildung bereicherte. Gastdozent*innen ergänzten das Angebot, Madeleine Hoepffner unterrichtete Fotojournalismus. 1971 wurde die Fotoschule nach Kressbronn an den Bodensee verlegt. Nach über 25 Jahren Lehrtätigkeit zog sich Marta Hoepffner 1975 aus dem Schulbetrieb zurück.[1]

Tom Fischer: Selbstbildnis im Spiegel, 1970

Zahlreiche Schüler*innen haben in dieser Zeit Fotokurse und ihre Ausbildung absolviert. Wir haben mit dem Fotografen, Regisseur und Filmproduzenten Tom Fischer gesprochen, der von 1969 bis 1970 an der Fotoschule von Marta Hoepffner war.

Guten Tag Herr Fischer, es freut uns sehr, dass wir Sie für das Gespräch gewinnen konnten und dass Sie sich Zeit nehmen, uns Rede und Antwort zu stehen.

Ich finde das ja ganz spannend, wobei ich Ihnen nicht zu viel Hoffnung machen will. Mit der Erinnerung ist es nach 50 Jahren so eine Sache. Ich war 1969 und 1970 bei Marta Hoepffner in der Ausbildung, also relativ gegen Ende der Existenz der Fotoschule. Leider musste ich diese dann aus persönlichen Gründen abbrechen. Ich habe also nur das erste Ausbildungsjahr mitgemacht.

Was war Ihre Motivation an die Fotoschule von Marta Hoepffner zu gehen?

Ich hatte mich mit 15 Jahren entschieden Fotograf zu werden und mich vorher schon intensiver mit Fotografie beschäftigt, Klassenkameraden fotografiert, war in der Schülerzeitung sehr aktiv involviert usw. Die Frage war dann, wo ich eine Ausbildung zum Fotografen machen kann. Und damals war natürlich die Situation eine andere als sie heute ist. Es gab außer einem Fotografenmeister, zu dem man in die Lehre gehen konnte, nur relativ wenige Fotoschulen innerhalb Deutschlands. Ich erinnere mich an die Alternativen, das war der Lette Verein in Berlin, die Photografische Lehranstalt in München, beide Schulen waren eher technisch orientiert. Dann gab es natürlich die Folkwang Schule in Essen als das konträre Angebot, sehr künstlerisch, und eben Marta Hoepffner. Die Fotoschule von Marta Hoepffner hatte für mich den großen Vorteil, dass sie sich in der Nähe von meinem Elternhaus in Frankfurt befand. Insofern war es naheliegend zu ihr zu gehen. Und auch vom Lehrangebot war es nicht nur technisch sondern auch künstlerisch, es war also ein Mittelweg.

Der Schulausweis von Tom Fischer

Wie kann man sich denn den Unterricht vorstellen? Gab es eine Art Stundenplan, Prüfungen?

Mein Zeugnis nach dem ersten Jahr

Ich denke, der Unterricht war sehr themenorientiert und es war so in der Richtung wie man heute sagt ‚learning by doing‘. Wir haben Themen bekommen, die, wenn ich mir das jetzt rückblickend angucke, natürlich aus dem ganzen Spektrum, das Marta Hoepffner selbst abgedeckt hat, resultierten. Daran haben wir dann gearbeitet. Wahrscheinlich sogar auch mit einem gewissen Schwergewicht auf den experimentellen Sachen. Wir haben Solarisationen, Reliefs, High Key Beleuchtung, Low Key Beleuchtung, Fotogramme und Makrofotografie gemacht. Spezielle Techniken haben wir auch gelernt, z.B. über Kontrastentwicklungen. Aber auch Selbstporträts, die Marta Hoepffner sehr viel gemacht hat.

Ich erinnere mich jetzt nicht an einen konsequenten Stundenplan, eher vielleicht wirklich an Themenschwerpunkte. Ich habe mein Zwischenzeugnis nach dem ersten Jahr gefunden, da sind einzelne Fächer bewertet, woraus man jetzt schließen kann, dass es auch irgendwie diese Art Struktur gegeben haben muss. Die Fächer waren sehr unterschiedlich – Experimentelle Fotografie zum Beispiel, Architekturfotografie, Werbefotografie, Porträtfotografie und ein paar theoretische Fächer, Fotochemie usw.

 Wie war die Struktur unter den Schüler*innen? Gab es mehr Männer oder mehr Frauen? Wie war der Austausch untereinander?

Also es war relativ ausgeglichen, Tendenz ein bisschen mehr männlich vielleicht. Eigentlich waren es alles relativ junge Leute bis, ich würde schätzen, Mitte 20, die alle ein fotografisches Berufsziel in den Augen – im Hinterkopf hatten.

Gut, wir haben diese Themen, die ich angesprochen habe, natürlich teilweise gemeinsam bearbeitet. Wenn wir rausgegangen sind, um eine Bildreportage zu machen oder um Motive zu suchen, ist man gemeinsam zu zweit, zu dritt losgegangen in verschiedenen Connections.

Neben dem Experimentieren hat sich Marta Hoepffner ja auch sehr für technische Innovationen interessiert, also zum Beispiel den Elektronenblitz. Wurden diese Innovationen dann auch im Unterricht eingeführt bzw. vorgestellt?

Also ich denke, dass das vor meiner Zeit passiert ist. Ich habe so eine vage Erinnerung, dass wir irgendwann mal mit einem Braun Hobbyblitz, Reportageblitzgerät, gearbeitet haben und so im Nebensatz fiel, dass Marta Hoepffner da irgendwie involviert war.

Marta Hoepffner agierte sehr im Hintergrund, wobei das eben möglicherweise daran liegt, dass ich nur das erste Ausbildungsjahr gemacht habe, was vielleicht mehr ein Grundlagenjahr war und sie dann vom Künstlerischen her mehr im zweiten Ausbildungsjahr aufgetreten ist, das weiß ich nicht.

Einmal wurde ich zu ihr gerufen, das war dann schon eine aufregende Sache. Die Fotoschule war ja in einer alten Villa auf einem Riesengrundstück, also eine sehr besondere Atmosphäre. Es passierte eigentlich alles im Erdgeschoss und im Souterrain, wo die Labors waren, und Marta Hoepffner war im ersten Stock und ich musste zu ihr. Ich dachte schon ‚Oh Gott, was habe ich angestellt, was ist passiert?‘. Aber sie sprach mich auf ein Foto an, das ich gemacht habe und hat mich hochgelobt für dieses Foto, worüber ich natürlich sehr begeistert war. Ich will damit sagen, auch wenn sie im Hintergrund war, hat sie die Arbeiten zu sehen bekommen und wenn sie es für nötig hielt, hat sie ein Feedback gegeben.

Und was war das für ein Foto? Was hat Marta Hoepffner daran besonders gut gefallen?

Das war eine Innenarchitektur-Aufnahme von der Jahrhunderthalle in Höchst und ja, da ging es wahrscheinlich um die Bildauffassung, um die Perspektive und so.

Tom Fischer: Jahrhunderthalle Großer Saal, 1970

Welche Rolle hat Irm Schoffers in Ihrer Ausbildungszeit gespielt?

Irm Schoffers war eigentlich unsere Hauptlehrerin, die sehr viel Labor, sehr viel Technik unterrichtet hat. Also von ihr habe ich sicherlich viel mitgenommen – da ging es auch mehr um die technischen Fakten, wie funktioniert überhaupt eine Solarisation, wie funktioniert eine Relieffotografie und so was.

Es gibt eine ganz lustige Anekdote: Wir haben irgendwann den Farbentwicklungsprozess gelernt und der ist ja sehr diffizil und sehr komplex mit vielen einzelnen Schritten und unterschiedlichen Zeiten, die man einhalten muss. Man ist dann die ganze Zeit eingepfercht in der Dunkelkammer, und da kam ein Kommilitone auf die Idee und hat ein Musikband produziert. Da wurde dann angesagt ‚Jetzt nimmst du das Blatt aus der Sowieso-Schale und tust es in die nächste Schale‘ und dann ging die Musik weiter. Also auf die Art und Weise war die Dunkelkammer sehr unterhaltsam.

Tom Fischer: Serielle Montage, 1970

Die Schwester von Marta Hoepffner war auch an der Schule als Lehrerin tätig. Welche Rolle hat Madeleine Hoepffner an der Schule gespielt?

Madeleine Hoepffner habe ich mehr als Geschäftsführerin in Erinnerung. Sie war für den organisatorischen und den geschäftlichen Teil zuständig. Eigentlich war sie auch ein bisschen die Grande Dame, sie war immer sehr elegant und sehr gepflegt angezogen. Jetzt war ich überrascht, als ich im Rahmen der Ausstellung gelesen habe, dass sie auch unterrichtet hatte.

Und was würden Sie sagen, wie hat Marta Hoepffner Ihr künstlerisches Schaffen geprägt? Was haben Sie am meisten mitgenommen aus dieser Zeit?

Das ist eine schwierige Frage. Ich denke, wenn man sich jeden Tag in diesem Umfeld bewegt und es war ja schon ein sehr künstlerisches Umfeld, dann hat das einen großen Einfluss. Ich kann den jetzt nicht konkret greifen. Das ist einfach so eine Grundchemie oder ein Grundtenor, was man da vielleicht mitnimmt.

Zu meiner Zeit an der Fotoschule, 1969 bis 1970, war Hoepffner bereits sehr stark mit ihren Variochromatischen Lichtobjekten beschäftigt. Die habe ich auch gesehen. Sie haben mich allerdings zur damaligen Zeit nicht so angesprochen, weil sie mit Fotografie natürlich relativ wenig zu tun haben. Ich wollte ja fotografieren lernen. Auch mit dem Ziel dann Werbefotograf zu werden. Heute finde ich diese Arbeiten ganz toll, also am liebsten hätte ich selbst so ein Objekt.

Ihre Ausstellung hat mich insofern sehr beeindruckt, als dass ich durch die Ausstellung erst begriffen habe, was für eine tolle Ausbildung ich genossen habe. Dass ich in diesem Umfeld fotografieren gelernt habe. Weil mir auch viele der Arbeiten von Marta Hoepffner gar nicht so präsent waren.

Vielen Dank für das aufschlussreiche Gespräch, Herr Fischer!

Alle Fotos © Tom Fischer, Frankfurt

Weitere Informationen zum Werk von Tom Fischer finden Sie hier!

[1]     Roswitha Schlecker: Die Fotoprivatschule Marta Hoepffner, in: Marta Hoepffner. Fotokünstlerin und Pädagogin. Lichtbilder – Bilder des Lichts, Hofheim am Taunus 1997, S.108-117.

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