Die Weltfahrten enden

Als der Tag anbrach, wollte Eckener auf dem Flugplatz in Los Angeles landen. Warum das so problematisch war und wie die Zeppeliner die Schwierigkeiten bewältigten, erklärt Kapitän Sammt:

„Da sich die Bodenschicht während der Nacht stark abgekühlt hatte, mußten vor der Landung mehr als 1000 m3 abgeblasen werden, um das Schiff schwerer zu machen, daß es von der bereitstehenden Marine-Landeabteilung sicher gehalten und an den Mast gebracht werden konnte. Damit war auch die zweite Teilstrecke der Weltfahrt mit 9650 km bewältigt.“  

Die Reisenden verbrachten nur diesen einen Tag in Los Angeles. Dennoch wurden sie, um sich ausruhen zu können, ins Hotel „Ambassador“ chauffiert.
Eckener, der gesundheitlich noch nicht ganz auf der Höhe war, wollte unbedingt einige Stunden lang schlafen und sagte dem Hotelpersonal, er wolle unter keinen Umständen geweckt werden. Gerade mal eine Stunde Schlaf war ihm vergönnt, dann weckte ihn das penetrante Schrillen des Telefons. Hugo Eckener:

“Halb noch im Schlaf, nahm ich den Hörer ans Ohr und fand am anderen Ende des Drahtes den deutschen Konsul in San Francisco: Er habe soeben gehört, daß Herr Hearst eine Einladung zu einem großen Diner habe ergehen lassen. Er selbst sei nicht eingeladen, wie es seiner Stellung doch gebühre, und er bäte mich, dafür zu sorgen, daß er noch eingeladen werde, es sei Eile geboten, da er noch von San Francisco nach Los Angeles fahren müsse. Empört schrie ich ihn an: ‚Und deswegen wagen Sie es, mich jetzt aus meinem Schlaf zu stören!‘ Ich sagte ihm noch einige Worte mehr, die er sich nicht hinter den Spiegel gesteckt haben wird, und hängte ab.“

Als Eckener sich anschließend beim Hotelpersonal über diese Störung beschwerte, erfuhr er, der Konsul habe wegen „dringlichen Regierungsangelegenheiten“ auf ein Gespräch bestanden. Ob der Konsul es doch noch zur Party geschafft hatte, ist nicht bekannt.
Die Weltfahrenden wurden nach Hollywood gebracht, wo das Fest des Weltfahrt-Sponsors William Randolph Hearst für die Passagiere und die Besatzungsmitglieder stattfand. Wieder einmal wurde die großartige Pionierleistung gefeiert und gewürdigt. Hans von Schiller erinnert sich:

„Ein kleines Luftschiffchen der Goodyear Zeppelin Corporation besuchte uns auf dem Platz. Abends noch ein Diner mit den Filmgrößen, es gab: Eckenersuppe, Lehmannschnitzel und zum Nachtisch Schillereis!“

Die Zeppeliner waren sich bewusst, dass sie Außergewöhnliches erlebt und geleistet hatten. Vor allem diesen letzten Fahrtabschnitt hatten sie in Rekordgeschwindigkeit gemeistert. Von der japanischen Küste zur amerikanischen Westküste hatten sie nur 67 Stunden gebraucht! Eckener berichtet:

„In San Francisco hatte man eine längere Fahrtdauer angenommen. Es war ein Wettbüro aufgezogen worden, und es zeigte sich, daß bei weitem die meisten Wetten zwischen 80 und 90 Stunden lagen. Unter 70 Stunden hatte nur ein Mann gewettet (…). Dieser Herr kam zu mir, als wir in Los Angeles gelandet waren, und erzählte mir freudestrahlend, daß er 20000 Dollar gewonnen habe. Ich erwartete, daß er mir die Hälfte davon anbieten würde, aber er tat es zu meiner großen Überraschung nicht.“

Sämtliche Filmgrößen der damaligen Zeit waren auf Hearsts Fest anwesend. Einige der Gäste ließen sich trotz der Prohibition nicht vom Trinken abhalten. Max Geisenheyner:

„Mit einem Bankett, bei dem mehr als tausend Personen saßen und aßen, kleine erleuchtete Zeppeline wie Spielzeuge durch die Luken des Saales herein- und wieder heraussurrten, wurden wir weggefeiert. Ich habe noch Chaplins verehrungsvolles Gesicht im Gedächtnis. Er trug einen schwarzen Rock, einen hohen Umlegekragen, saß in der Nähe Eckeners und lächelte hin und wieder. Kellner gingen an unseren Tischen entlang und schenkten unablässig Wasser in unsere Gläser, während im Saale die Kalifornier aus der hinteren Hostentasche Whiskyflaschen zogen und uns zuprosteten. Wir saßen nur eine Stunde. Händedrücken, noch eine Zigarre von Lubitsch als Abschiedsgeschenk, einen Gruß an Wiesbaden von Frau Lubitsch, Händeschütteln am ganzen Filmtisch und schon schwebten wir wieder in der Luft.“

 

HOCHSPANNUNG

Ganz so schnell gingen sie dann doch nicht in die Luft.  Denn ebenso wie bei der Landung bereiteten die hohen Temperaturen nun beim Start Probleme. Außerdem ahnte niemand, wie gefährlich dieser Start wirklich werden würde. Albert Sammt über das Wagnis:

„Als wir abends starten wollten, war das Schiff zu schwer. Zuviel Wasserstoff war durch die Überdruckventile während der heißen Nachmittagsstunden entwichen. Eine Nachfüllung war unmöglich, da kein Gas mehr verfügbar war. Darum reduzierten wir Kraftstoff und Wasserballast auf ein Mindestmaß. Außerdem mußte ein Teil der Besatzung mit der Bahn nach Lakehurst nachkommen. So brachte man das Schiff wenigstens in der kälteren Bodenschicht zum Schweben, jedoch wollte es nicht in die darüberliegende wärmere Schicht steigen, als wir um Mitternacht zu starten versuchten. Ich war mittschiffs und versuchte das letzte Tröpfchen Ballastwasser aus den Säcken herauszuschütteln.
Da entschloß sich Dr. Eckener zu einem gewagten Manöver. Er befahl: ‘Alle Maschinen äußerste Kraft voraus!‘ und ließ so das Schiff beschleunigen, wenige Meter über dem Boden schwebend. Plötzlich tauchte quer zur Fahrtrichtung eine Hochspannungsleitung von rund zwanzig Meter Höhe auf. Die hintere Maschinengondel raste zirka fünf Meter über dem Boden dahin. Dr. Eckener befahl dem Höhensteurer – es war sein Sohn Knut – den Schiffsbug mit dem Höhenruder dynamisch nach oben zu drücken. Dabei senkte sich das Heck, und die untere Stabilisierungsflosse schlug zweimal auf den Boden auf. Nachdem der Schiffskörper zu einem Drittel über die Leitung hinweggesetzt war, wurde das Heck des Schiffes durch einen entsprechenden Höhensteuerausschlag angehoben – so hat Dr. Eckener das Luftschiff wie ein Springpferd mit einem Abstand von nur drei Meter über die Hochspannungsleitung gebracht.“

LZ 127 am Landemast in Los Angeles
LZ 127 am Landemast in Los Angeles © Archiv der Luftschiffbau Zeppelin GmbH

Dieses Manöver hätte leicht in einer Katastrophe enden können. Die Stabilisierungsflosse war nur ein wenig eingedrückt und noch funktionsfähig.
Laut den Aufzeichnungen und einer Fotografie des Kapitäns Bauer waren die ausgebooteten Besatzungsmitglieder nicht mit dem Zug gefahren, sondern per Flugzeug nach Lakehurst gebracht worden.
Das „abgespeckte“ Luftschiff würde nun Nordamerika überqueren, was Eckener als navigatorisch schwierig einstufte:

„Ich dachte an das tückische Wetter in diesem Gebiet, mit tropischer Hitze in den Wüsten von Arizona und Texas, mit plötzlichen Kaltlufteinbrüchen und Gewitterfronten aus dem Nordwesten, mit den Tornados und mit den Hurrikanen, die um diese Zeit schon aus dem Karibischen Meer ins Land stoßen konnten.“
Während der Überquerung der Vereinigten Staaten mussten die Passagiere etwas auf Komfort verzichten. Max Geisenheyner:

„Unsere Fahrt war eine Luxusbeförderung der Bahn gegenüber. Nur einen Luxus durften wir uns nicht gestatten, den des Waschens. Denn um besser hoch zu kommen, hatte Flemming über dem Flugplatz von Los Angeles das ganze Wasser auslaufen lassen. Aber ich wußte mir zu helfen. Ich entdeckte die Blumenvase von Lady Drummond-Hay, warf die Blumen aus dem Fenster und hatte so einen Liter Wasser für die Reise erobert.“

Eckeners Befürchtungen bezüglich eventueller Wetterkapriolen waren zum Glück unbegründet und die Fahrt war recht angenehm. Hugo Eckener über den weiteren ‚Verlauf:

“In Oklahoma, in Kansas City, in Davenport, Rock Island, überall konnten wir mit Überraschung und Vergnügen beobachten, mit welcher außerordentlichen Spannung die Weltfahrt des Schiffes und sein Erscheinen über der Stadt verfolgt wurden. Aber was wir in Chicago erlebten, übertraf denn doch jede Erwartung und Fantasie. Die Mittelwestler sind ein starker und ehrgeiziger Menschenschlag. Was in Chicago in bezug auf Lärmerzeugung und andere Begeisterungskundgebungen bei unserem Erscheinen geleistet wurde, ist doch vielleicht als ein Rekord in dieser Beziehung anzusehen, der sobald nicht geschlagen werden dürfte. Die weiten Anlagen am Michigansee waren von Hunderttausenden besucht, und jeder tat sein Bestes, um Sirenen, Hupen, Dampfpfeifen und Böllerschüsse wenn möglich zu übertönen. (…)
Wir fuhren jetzt über den See, um Ford in Detroit und dann weiterhin Cleveland am Erieseezu überqueren. Kurz nach Mitternacht waren wir über Akron, wo wir unserem Freund Litchfield, dem Präsidenten der amerikanischen Zeppelinwerft, einen Gruß zuwinkten.“ 

Kapitän Lehmanns schildert die Überquerung mit etwas knapperen Worten:

„Von Wolkenkratzern, Straßenschluchten und Seeufer winken uns Millionen Hände zu. Cleveland und Detroit passieren wir bei Nacht; am Ankermast von Cleveland schwebt, in Scheinwerferlicht gebadet, die ‘Los Angeles‘, die wir vor einem halben Jahrzehnt als LZ 126 hergebracht haben und deren Kommandant unser Fahrgast Rosendahl ist.“

 

LAKEHURST

In den frühen Morgenstunden landete der Zeppelin in Lakehurst. Kapitän Lehmann:

„Für die Amerikaner hat unsere Weltfahrt hier begonnen und ist hier zu Ende. In 21 Tagen 7 Stunden 12 Minuten einschließlich aller Aufenthalte hat ‚Graf Zeppelin‘ den Erdball umkreist.“

Mittlerweile waren die Zeppeliner des Feierns fast schon überdrüssig, aber sie kamen nicht drum rum, wie Lehmann beschreibt:

„Wir haben uns geschworen, nicht mehr an Festlichkeiten mitzumachen, höchstens die stille Schnellheirat unseres Fahrtgenossen Wilkins mit der hübschen Schauspielerin Suzanne Bennett. Aber versuche einer, solchen Schwur zu halten, wenn Amerika in Ekstase ist und feiern will! Ehrenparade, Triumphzug von Battery bis Rathaus, Bankett im Hotel Astor, private Einladungen zwischen geschäftlicher Besprechung.“

Und Albert Sammt schwärmt:

„Wieder wurden wir zum Centralpark gebracht, dort in verschiedene Autors verteilt und im Triumphzug den Broadway hinuntergefahren bis zum Rathaus. Wieder, nun zum dritten Mal, stiegen wir die Stufen zur Empfangshalle hinauf, wo ein großer Globus aufgestellt war. Darauf mußte Dr. Eckener die ganze Route unserer Weltfahrt einzeichnen. Der Bürgermeister Jimmy Walker begrüßte uns nun schon wie alte Freunde. Die amerikanische und die deutsche Nationalhymne wurden gespielt und gesungen. Als wir dann die große Treppe hinunterstiegen, war die spontane Begeisterung so groß, daß wir uns vor Menschen fast nicht retten konnten.“

Konfettiparade in New York für die Weltfahrer
Konfettiparade in New York für die Weltfahrer © Archiv der Luftschiffbau Zeppelin GmbH

ENDSPURT

Während der nächsten beiden Tage wurde „Graf Zeppelin“ für die Heimfahrt nach Friedrichshafen gerüstet. Der Start in Lakehurst war am 1. September früh am Morgen. Das Wetter war schön und der Schiebewind günstig. In der Hoffnung, die Weltfahrtbegeisterung für den Zeppelinkonzern nutzen zu können, war Hugo Eckener zu geschäftlichen Verhandlungen in den Vereinigten Staaten geblieben. Kapitän Lehmann schreibt:

„Er übergibt mir das Kommando, ich bringe ‘Graf Zeppelin‘ über den Atlantik heim und vollende so die Weltreise auch für Friedrichshafen. An die Stelle ausgeschiedener Fahrgäste sind vierzehn neue getreten, darunter zwei Damen und ein Herr, der dabei erwischt wird, als er auf verschwiegenem Örtchen raucht. Die anderen Passagiere hätten den Übeltäter vor Entrüstung am liebsten über Bord beworfen; ich kann ihn nicht in Ketten legen, die allgemeine Verachtung ist für den Rest der Reise Strafe genug.“

Albert Sammt resümert:

„Außer den vielen wertvollen Erfahrungen und der weltweiten Anerkennung für den Pioniergeist deutscher Technik haben wir sehr viel Philatelistenpost mitgebracht. Aus der ganzen Welt waren uns Briefe mitgegeben worden, die mit Sonderbriefmarken frankiert waren und mit Sonder- und Bordstempeln versehen wurden – Belege dieser einmaligen Fahrt also, die heute sehr gesucht sind. So haben die Philatelisten neben der Unterstützung durch Hearst sehr viel zur Finanzierung der Weltfahrt beigetragen. So war auch die ‚deutsche‘ Weltfahrt nach 20 Tagen und vier Stunden beendigt. 12 Tage und 12 Stunden reine Fahrzeit brauchten wir für 32200 km Strecke.
Wie lange sollte es noch dauern, bis ein Reisender per Flugzeug schneller die Welt umrunden konnte?“

Feierlicher Empfang auf dem Werftgelände in Friedrichshafen
Feierlicher Empfang auf dem Werftgelände in Friedrichshafen © Archiv der Luftschiffbau Zeppelin GmbH

Über 36.000 Kilometer Luftweg hatte der Zeppelin absolviert – bis dato ein echter Rekord. Insgesamt war die „amerikanische Weltfahrt“ schneller als die „deutsche Weltfahrt“. Das tat aber der Wiedersehensfreude in Friedrichshafen keinen Abbruch. Auf dem Landeplatz fand eine Art Volksfest statt, alles war geschmückt, die Musikkapelle spielte und wieder einmal wurden die Weltfahrer gefeiert, als ob sie nicht schon genug davon hätten. Dennoch werden sie sich bestimmt ihr ganzes restliches Leben lang an dieses Abenteuer erinnern.

 

Quellen:

Hugo Eckener: Im Zeppelin über Länder und Meere, 2012, morisel Verlag München
Heinz von Eschwege: Zeppelin fährt um die Welt, Gedenkbuch der „Woche“, August Scherl Verlag, 1929
Max Geisenheyner: Mit „Graf Zeppelin“ um die Welt, Frankfurter Societäts-Druckerei, 1929
Léo Gerville-Réache: Autour du Monde au Zeppelin, La Nouvelle Revue Critique, Paris 1929
Ernst A. Lehmann: Auf Luftpatrouille und Weltfahrt, Leipzig, 1936
Albert Sammt: Mein Leben für den Zeppelin, Verlag Pestalozzi Kinderdorf Wahlwies
Hans von Schiller: Zeppelinbuch, Bibliographisches Institut Leipzig 1938

Zu Teil 1: Im Zeppelin rund um den Globus

Zu Teil 2: Die Wettfahrt um die Welt beginnt

Zu Teil 3: Gespannte Vorfreude

Zu Teil 4: An  Bord der LZ 127 „Graf Zeppelin“

Zu Teil 5: Unendliche Weiten…

Zu Teil 6: Ein Pferd rast…

Zu Teil 7: Japan im Zeppelinfieber

Zu Teil 8: Zeppeliner im Japanfieber

Zu Teil 9: „Graf Zeppelin“ überquert den Pazifik

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