Japan im Zeppelinfieber

Endlich sahen die Weltfahrenden wieder menschliche Ansiedlungen und kultivierte Gärten. Der Unterschied zum unwirtlichen, trostlosen und fast menschenleeren Sibirien hätte kaum größer sein können! Begeistert beschreibt Kapitän Lehmann seine ersten Eindrücke von Japan:

„Am anderen Morgen grüßen wir über der Insel Hokaido hinab zu den ersten Japanern, die unter ihrem spitzen, breitrandigen Strohhut schier verschwinden. Nach Sibirien welch ein Labsal: alles Inselland in Reisfelder, Gartenbeete, blitzsaubere Wohnsiedlungen aufgeteilt! Sofort schlägt diese wohltuende Ordnung eine Brücke der Sympathie von uns Deutschen zu den Söhnen des Fernen Ostens.

Am 19. August, 8.45 Uhr – mitteleuropäischer Zeit gerechnet, die unsere Uhren natürlich längst verlassen haben – überschreitet das deutsche Luftschiff ‚Graf Zeppelin‘ das Weichbild von Tokio. In 99 Stunden hat es die Strecke zurückgelegt, für die der Sibirienexpreß die fünffache Zeit benötigt. Mit dem Dampfer gar braucht man von Deutschland bis Japan 42 Tage. Tokio gleicht aus der Vogelperspektive einer modernen amerikanischen Großstadt, um die sich tausend Dörfer zusammendrängen.“

Bejubelt von Millionen Menschen, Sirenengeheul, hupenden Autos und Schiffen, drehte das Luftschiff rund anderthalb Stunden lang seine Begrüßungsrunden über der Stadt. Kapitän Sammt wunderte sich über den begeisterten und herzlichen Empfang des japanischen Volkes und schreibt:

„Schließlich hatten sie vor elf Jahren noch Krieg gegen Deutschland geführt. Auch hier brach das Luftschiff endgültig das Eis der Feindschaft.“

Obwohl die Zeppeliner den kaiserlichen Palast bei ihrer Runde über Tokio respektvoll aussparten, warf einer der Journalisten ganz in der Nähe der Palastanlage in einem Luftpostabwurfbeutel einen Bericht ab., wie sich Kapitän Hans von Schiller erinnert:

“[Dieser] fällt in einen Teich, doch schnell stürzt sich ein kleiner Japanerjunge in den Teich und lieferte die Post auch richtig ab, wie man später feststellen konnte.“

LZ 127 “Graf Zeppelin“ steuerte nun über den belebten Hafen von Yokohama, im Hintergrund erhob sich der beeindruckende Fujiyama. Zahllose Passagierdampfer aus aller Welt lagen dort vor Anker und auch hier wurde gehupt und gejubelt.

Dann erreichten die Weltreisenden den Marineflugplatz Kasumigaura mit einer ehemals deutschen Luftschiffhalle.

Luftschiffhalle in Kasumigaura © Archiv der Luftschiffbau Zeppelin GmbH

Die große Halle hatte ursprünglich in Jüterbog gestanden und im Ersten Weltkrieg die Zeppeline beherbergt. Nach dem Ende des Krieges war sie als Reparationsleistung an Japan abgegeben worden.

Karl Beuerle, Fahringenieur bei der Luftschiffbau Zeppelin GmbH, war einige Wochen zuvor per Dampfschiff nach Tokio gereist, um alles für den Aufenthalt des Zeppelins vorzubereiten. Er hatte neben Werkzeug auch Ersatzteile mitgebracht.

Schätzungsweise 50.000 Japanerinnen und Japaner – Eckener spricht sogar von Hunderttausenden – waren zur Luftschiffhalle auf den von unzähligen bunten Schirmchen aus Papier und Seide gerahmten Marinestützpunkt gekommen, um den Zeppelin zu begrüßen. Einige von ihnen sollen sogar schon tagelang in der Nähe des Flugplatzes kampiert haben.

Auch Deutsche, die in Japan lebten, waren angereist, um dieses Weltereignis nicht zu verpassen.

PROBLEME BEIM LANDEN

Die Landung gestaltete sich allerdings schwierig, da durch den Treibstoffverbrauch sowie die Hitze des japanischen Sommers das Luftschiff sehr leicht geworden war. Kapitän Sammt:

Die japanische Haltemannschaft zieht das Luftschiff an den Landetauen nach unten© Archiv der Luftschiffbau Zeppelin GmbH

„Als wir die Motoren stillsetzten und das Schiff also nicht mehr dynamisch tief halten konnten, ging es nach oben durch. Also mußten wir Gas durch die Ventile über den First abblasen, bis das Schiff ausgewogen war. Wir ließen unsere Landungsseile fallen, die sofort von der geschickten und disziplinierten Haltemannschaft ergriffen wurden. Die Leute zogen das Schiff kräftig nach unten, da schralte der Wind plötzlich um, so daß das Schiff hinten angehoben wurde. Die Gefahr bestand, daß das Vorderschiff auf den Boden aufschlug. Wir waren gezwungen, in letzter Minute noch Wasserballast abzugeben. Nach dem Öffnen einer Ballasthose stürzten 150 kg Wasser mit einem Schlag nach unten. Unglücklicherweise war das Schiff in diesem Moment an die Stelle herübergetrieben worden, wo die Ehrengäste standen, darunter auch die deutsche Kolonie. Ausgerechnet eine Dame der deutschen Gruppe bekam das Ballastwasser ab. Sie war patschnaß und stand da wie eine Marmorsäule. Dr. Eckener befürchtete nun wieder eine diplomatische Komplikation und bereitete sich darauf vor, sich für das Mißgeschick zu entschuldigen. Aber auf einmal breitete die Dame vor uns die Arme aus und rief: ‚Ach wie herrlich! Es ist ja Bodenseewasser!‘ Allgemeines Gelächter und Hallo – die Situation war wieder einmal gerettet.“

Einer der Offiziere fragte Hugo Eckener, ob die Menschen näherkommen dürften, um das Luftschiff genauer betrachten zu können. Angesichts der großen Menschenmenge war Eckener besorgt und befürchtete, die Leute könnten vor lauter Begeisterung den Zeppelin in Stücke reißen und als Souvenir mitnehmen. Sammt schildert, was weiter geschah:

„Schließlich sagte er aber zu dem Offizier: ‚Wenn Sie garantieren können, daß die Leute nicht zu nahe herankommen, bin ich damit einverstanden.‘ Der Offizier antwortete: ‚Jawohl, das kann ich garantieren!‘, erhob seinen Säbel und die ganze ungeheure Menschenmasse bewegte sich auf das Luftschiff zu. Wir dachten: ‚Na, das kann ja nicht gutgehen…‘

Als die ersten auf etwa 200 Meter an das Schiff herangekommen waren, hielt der Offizier seinen Säbel wieder hoch – und die ganzen Fronten erstarrten: die vordersten Leute warfen sich auf den Boden, die zweite Linie setzte sich auf einen Fuß, die dritte Linie saß in der Hocke und so fort – und die hintersten nahmen noch ihre Kinder auf die Schultern. Es war für uns ein unglaublicher Eindruck – soviel Disziplin, das war unvorstellbar! Und dann das ungeheure Geschrei: Bansai! Bansai! Bansai!“

Der Zeppelin wurde von den japanischen Matrosen in die Halle gebracht, beschwert und sicher vertäut. Passagiere und Besatzung stiegen aus und wurden von zahlreichen Begrüßungszeremonien regelrecht überwältigt.

Vor der Luftschiffhalle war ein riesiges Festzelt aufgebaut, in dem kleine Häppchen und kühles japanisches Bier gereicht wurden. Hier begann nun die offizielle Begrüßung. Hugo Eckener:

Hugo Eckener mit japanischen Gastgebern bei einem Empfang in Tokio © Archiv der Luftschiffbau Zeppelin GmbH

„Der Herr Verkehrsminister in Gehrock und Zylinderhut, unter ‚lauter uniformierten Larven die einzige zivilistisch fühlende Brust‘, hielt eine schöne und feierliche Ansprache, und ich wurde dann gebeten, einige Worte der Entgegnung zu sprechen. Zu diesem Behufe sollte ich mich weithin sichtbar auf einen Tisch stellen, und ein Dolmetscher nahm neben mir Platz. Und nun vollzog sich etwas, was mir später ungeheuer lustig vorkommen sollte:

Ich war auf diese plötzlich an mich gestellte Aufforderung durchaus nicht vorbereitet und von der Reise sehr müde und ziemlich abgespannt. Ich suchte infolgedessen zunächst nach Worten und half mir über diese Besinnungszeit mit einigen phrasenhaften Sätzen über das ‚Land der aufgehenden Sonnen und Kirschblüte‘ hinweg, die nach meinem Gefühl nicht gerade sehr glücklich ausfielen. Der Dolmetscher übersetzte diese Sätze, und dann sprach ich sachlich ein weniges über die Bedeutung der Fahrt.“

FREMDE SITTEN 

Im Anschluss an diese erste Begrüßung wurden die Passagiere in ein Tokioter Hotel gebracht, während die meisten der Besatzung von den Marineoffizieren in Kasumigaura in ein Teehaus eingeladen wurden. Mit dem Auto wurden sie dorthin gebracht. Dann ereignete sich folgende Begebenheit mit Hugo Eckener, die Kapitän Lehmann erzählt:

Japanische Geishas © Archiv der Luftschiffbau Zeppelin GmbH

„Flemming und ich sind mit ihm, als wir vor der breiten hell leuchtenden Eingangstreppe des Teehauses aussteigen, wo unsere Gastgeber in feierlichem Anzug schon warten. Im Hintergrund auf wunderbar spiegelblank lackiertem Stabfußboden ganze Reihen von Geishas in den farbenprächtigsten Gewändern – und alles Volk, Gastgeber, Gäste, Geishas, alle gehen sie auf Strümpfen! Nach japanischer Sitte werden im Haus niemals Schuhe getragen, geschweige denn richtige Stiefel und so werden auch wir mit freundlicher Miene und Gebärdenspiel aufgefordert, die unsrigen auszuziehen.

Schon stellen wir alle, wie beim ‚Rührt Euch!‘, brav den rechten Fuß vor, diensteifrig herbeistürzende Geishas knien vor uns, um uns die Schuhbänder zu lösen, da bemerken Flemming und ich, wie Dr. Eckener etwas einzufallen scheint. Er bekommt ein nervöses Zucken in den Füßen, wir hören ihn erst brummen, dann knurren, und schließlich erklärt er ganz laut und kategorisch: ‚Ich ziehe meine Schuhe nicht aus!‘

Während Gastgeber und Geishas verständnislos und verbindlich lächeln, nimmt er Flemming und mich in eine dunkle Ecke und erklärt den Sachverhalt. Da sagt Flemming mit seiner tiefen, ruhigen Stimme: ‚Na, Herr Doktor, da behalten wir eben alle drei die Stiefel an und erklären einfach, Ausziehen sei gegen unsere Religion!‘

Wir kommen um diese Erklärung herum, denn die Japaner haben inzwischen unser Widerstreben, wenn auch noch nicht dessen Grund erkannt und verhelfen uns mit großen Wollbeuteln, die uns übergezogen werden, zu wunderschönen Elefantenbeinen, in denen wir das Fest dann mitmachen können.“

Und was war nun der Grund?

Eckener hatte sich kurz vor der Landung noch schnell frische Kleidung angezogen und war in seiner engen Kammer mit dem Fuß irgendwo hängengeblieben. Dabei riss er sich ein großes Loch in eine seiner Socken und war dann damit aus Zeitmangel einfach schnell in die Stiefel geschlüpft…

Flaschenlager mit Wasserstoffgas zum Nachfüllen © Archiv der Luftschiffbau Zeppelin GmbH

Einige der Besatzung, darunter auch Kapitän Sammt, waren auf dem Flugplatz beim Zeppelin geblieben, um 8.400 Kubikmeter Wasserstoff nachzufüllen. Der japanische Hallenoffizier hatte sich Sammt gleich nach der Landung vorgestellt und mitgeteilt, dass er ihm für die gesamte Zeit des Aufenthalts zur Verfügung stehe, um zu helfen. Außerdem sei er für die komplette Versorgung des Luftschiffs zuständig. Sammt berichtet:

„Tatsächlich ist er nicht mehr von meiner Seite gewichen, solange wir in Tokio waren. Ich fragte ihn, ob er Gas nachfüllen könne. Er erwiderte: ‚Jawohl, sofort, die Leute stehen bereit.‘ Um 23 Uhr waren wir fertig, und ich verließ zusammen mit dem Offizier per Auto den Flugplatz. Draußen herrschte buntes Treiben. Alles war mit deutschen und japanischen Fahnen beflaggt. Halb Japan versammelte sich hier um diese mitternächtliche Stunde. Wegen der hohen Temperatur waren die meisten Japaner nur spärlich bekleidet. An vielen Verkaufsständen wurde alles Mögliche geboten: Reis, Lampions, Fächer, Geschenkartikel und vieles andere mehr. Die ganze Szene beleuchteten unzählige bunte Lampions. Kurzum, dieser fernöstliche Jahrmarkt faszinierte mich.“

Kapitän Sammt und der Hallenoffizier fuhren bis zu einem Flugzeugstützpunkt, wo die meisten der Zeppeliner untergebracht waren. Durch einen Park mit Zwergkiefern, Treppchen und zierlichen Brücken ging es zum Offizierskasino, wo sich die Bediensteten mehrmals fast bodentief vor ihnen verneigten und Speis‘ und Trank anboten. Doch Sammt wollte nur noch ein Bad nehmen und danach schlafen gehen. Er schreibt:

„Dennoch brachten sie erst noch etwas zu trinken und führten mich dann nach hinten ins Badehaus. Dort standen viele große Holzbottiche, gefüllt mit heißem dampfenden Wasser. Ich stieg in einen rein – und konnte dieses heiße Wasser anfangs fast nicht aushalten. Neben jedem Holzbottich stand ein großer Kupferkessel voll mit eiskaltem Wasser – das waren also die bekannten japanischen Wechselbäder.

Nach diesem wohltuenden Bad ging ich in das Schlafzimmer hinauf. Dort waren Betten mit Moskitonetzen aufgestellt. Schnell bin ich unter so ein Netz gekrabbelt und schlief sofort ein.“

FORTSETZUNG FOLGT…

Zu Teil 1: Im Zeppelin rund um den Globus

Zu Teil 2: Die Wettfahrt um die Welt beginnt

Zu Teil 3: Gespannte Vorfreude

Zu Teil 4: An  Bord der LZ 127 „Graf Zeppelin“

Zu Teil 5: Unendliche Weiten …

Zu Teil 6: Ein Pferd rast …

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