Unendliche Weiten …

Es war der 16. August, der zweite Reisetag der „deutschen“ Weltfahrt. Wieder einmal konnte der Journalist Max Geisenheyner vor lauter Aufregung nicht schlafen und verließ gegen zwei Uhr morgens seine Schlafkabine, um nichts zu verpassen:

„Ich muß das erste Fleckchen russischer Erde sehen, den ersten russischen Menschen. Es ist das Land Tolstois, über das wir fahren, das armselige Land der kleinen Bauern. Hier ist nicht der Schwung der südlichen russischen Landschaft zu finden, nicht die Romantik der Novellisten. Hier steht vielleicht das Haus des Bauern, über dem die ‚Macht der Finsternis‘ ist. Um drei Uhr kriecht ein Strahl vorsichtig über die Landschaft. Um vier Uhr beginnt es heller zu werden, ich sehe die russische Erde wie einen großen, grünen, ungepflegten Teppich, in den winzige Getreidefelder eingewebt sind. Ein paar Baumgruppen sind zu sehen, kleine Seen, viele Tümpel. Und dann kroch am graugrünen Horizont ein glühender Punkt hoch und legte sich in wenigen Minuten wie ein breites Feuer in den Schnittpunkt von Himmel und Land. Die Sonne ging auf über Rußland! Der Himmel mit Wolken wattiert, die Strahlen schießen durch hundert dicht bei dicht gelagerter grauschwarzer Wolken, die nun brennen und lohen.“

Sibirische Sümpfe © Archiv der Luftschiffbau Zeppelin GmbH

Nach und nach füllt sich der Salon mit den anderen Reisegästen. Es gibt Frühstück. Kapitän Lehmann speist ebenfalls mit den Passagieren:

„Am anderen Morgen, als ich zwischen Wache und vierstündigem Schlaf rasch frühstücke, sind wir schon tief in Rußland. Welch weltweiter Unterschied zwischen dem sauber und ökonomisch aufgeteilten deutschen Vaterland und diesem Riesenland voll Öde und ungehobener Schätze!“

Über hundert Kilometer lang erscheint die Landschaft menschenleer, weit und breit weder Häuser noch Tiere. Doch endlich sieht Geisenheyner die ersten russischen Menschen:

„Einmal entdecke ich zwei Bauern auf dem Felde. Sie müssen dort geschlafen haben, denn als sie das Luftschiff sehen, rennen sie wie verrückt über die Wiesen einer kleinen Holzhütte zu und verschwinden darin.“

Ähnliche Reaktionen auf das Erscheinen des Zeppelins beobachtete auch Kapitän Lehmann:

„Wir sehen Menschen wie versteint zu uns hinaufstarren, andere rennen bei unserem Anblick davon, rennen um die Wette mit dem Vieh, das ebenfalls in Todesängsten auseinanderstiebt.“

LZ 127 lag ruhig in der Luft, die Reisenden waren entspannt. Bis auf eine Ausnahme hatten alle akzeptiert, dass die Fahrtroute nicht über Moskau verlief. Max Geisenheyner:

„Aber der Russe erklärt: ‚Moskau, Industrie, viele Leute, Sibirien nicht gut‘. Eckener in seiner Lederjoppe kommt, um seine Wache anzutreten. Er hat auch nur vier Stunden geschlafen. Er sieht den Russen und erklärt ihm, daß ein neues Tief im Süden festgestellt sei, dem er ausweichen müsse. Der Russe nickt, aber er hat kein Wort verstanden.“

Versumpfter Flusslauf in Sibirien © Archiv der Luftschiffbau Zeppelin GmbH

Hugo Eckener beunruhigte das in keiner Weise. Er ist sicher, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Für ihn ist diese Angelegenheit damit erledigt, aber er weiß zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass ihn die Episode nochmals einholen sollte. Er schreibt:

„Während die Bewohner Moskaus vergeblich auf ihren Dächern nach dem Schiff Ausschau hielten, zog dieses in ruhiger Fahrt nach Nordosten seine Bahn.

Wir gingen bis fast zur Breite von Leningrad hinauf, bis zur Stadt Wologda. Hier erst änderten wir unseren Kurs in eine rein östliche Richtung auf die Stadt Perm zu, die am Fuße des Uralgebirges dort gelegen ist, wo wir das Gebirge in möglichst geringer Höhe überfliegen konnten.

Wir flogen in einer durchschnittlichen Höhe von nur 600 bis 700 Metern und konnten so das uns neue Land vortrefflich betrachten, zumal kaum 2 – 3 eigentliche Nachtstunden in dieser nördlichen Breite zu durchlaufen waren. Welch ungeheure Weiten, welch ausgedehnter Wald- und Ackerboden schon bald nach Überschreiten der Grenze, nach unseren Begriffen nur spärlich von Dörfern und bäuerlichen Siedlungen durchsetzt, immer spärlicher, je weiter wir in das mittlere und dann in das östliche Rußland dieser Breite hineinkamen! Wie traumhaft weltverloren erschien uns so manches kleine Dorf, das inmitten meilenweit ausgedehnter Waldungen oder am Ufer eines kleinen Flusses in behaglicher Beschaulichkeit still und friedlich dalag.“

Wologda war die erste russische Stadt, die der Zeppelin erreichte. Zwischen den gemütlich wirkenden Holzhäusern standen rund dreißig Kirchen. Geisenheyer beschreibt ausführlich:

„Goldene Kirchenkuppeln in der hell strahlenden Sonne, die Stadt, fächerförmig angelegt, scheint völlig zu schlafen. Ein paar weiße Kirchen leuchten hoch aus den ebenmäßig angelegten Straßen mit den niedrigen breiten Holzhäusern empor. Unsere Propeller brummen in den Schlaf der erschreckten Bewohner. Einen einzigen Menschen sehe ich in roter Jacke mit schwarzer Pelzmütze auf dem Platz vor einer Kirche stehen.“

DER URAL

Um die Mittagszeit näherte sich LZ 127 dem Ural, der dicht bewaldet unter dem Schiff lag. Das Gelände war nur sanft geschwungen und hügelig. Kapitän Sammt fasst das so zusammen: „Überall, wohin man sah, Wald, Wald, Wald!“

Urwald und Sumpf am Jenissei © Archiv der Luftschiffbau Zeppelin GmbH

Etwas nördlich von Perm ging der Zeppelin langsam auf eine Höhe von 1000 Metern. In der Ferne sehen die Reisenden Feuer und Qualm, wie Max Geisenheyner schildert:

„Ganz dicht bei einem Städtchen, das nur in Umrissen zu erkennen ist, der erste ungeheure Waldbrand. Er hat sich in den dichten Wald förmlich hineingefressen. Aber nicht nur in einer Linie. Er hat Feuerreiter nach allen Seiten ausgeschickt, die von dem Hauptzweig ausgehend nach links und rechts vorgedrungen sind. Graurote Rauchwolken ballen sich über den Bäumen und vernebeln die Aussicht. Ungezählte Kilometer breit und lang ist der Wald niedergebrannt.“

Kapitän Sammt war sehr beeindruckt von den ungeheuren Waldbränden und schreibt:

„Soweit das Auge reichte, Rauch und Feuer! Offensichtlich war niemand da, der löschte. Manchmal fuhren wir direkt durch dicken Rauch. Selbst in die Kabine drang der Brandgeruch.“

Auch Hugo Eckener fand die brennenden Wälder „eindrucksvoll und erstaunlich“ und berichtet:

„Wir zählten wohl ein Dutzend ausgedehnte Brände und hatten mehr als eine halbe Stunde durch einen so dichten Qualm zu fahren, daß man keine 30 Meter nach vorn oder nach hinten sehen konnte.“

Die Reisenden kamen aus dem Rauch heraus und befanden sich nun über der Grenze Europas und Asiens, etwa 50 Kilometer nördlich von Jekaterinenburg, wo die Transsibirische Bahn beginnt.

Luftschiffkapitän Eckener beurteilt die bisherige Leistung und den Verlauf der Weltfahrt:

Wir waren ca. 3200 Kilometer von Berlin entfernt, und hatten dies Strecke in 29 Stunden mit abgedrosselten Motoren durchlaufen. Damit konnten wir sehr zufrieden sein.“

TUNDRA UND TAIGA

Hinter dem Ural mit seinen qualmenden Wäldern begannen die Tundren Asiens in ihrer, wie Lehmann es ausdrückt, „grauenhaften Eintönigkeit.“

Hugo Eckener und seine Mannschaft suchten nach dem besten Weg und steuerten auf nordöstlichem Kurs weiter in der Richtung, in der sie die Einmündung des Flusses Irtisch in den Ob vermuteten.

Sie wollten einen sicheren Ausgangspunkt für die Überquerung der Sumpflandschaft finden. Eckener skizziert, was sie sahen:

„Die Landschaft wurde immer einsamer und in ihrer trostlosen Verlassenheit, ich möchte fast sagen, furchtbarer und abschreckender. Denn sie ging allmählich in jene ‚Taiga‘ genannten Sumpfstrecken über, die in ungeheuren Weiten zu beiden Seiten des Ob liegen. Kein Mensch hatte vielleicht bisher diese entsetzlichen Öden in ihrer ganzen Weite und in ihren wüstesten Teilen geschaut.“

Tunguska © Archiv der Luftschiffbau Zeppelin GmbH

Weitaus dramatischer beschreibt Geisenheyner die Landschaft:

„Die Tundren, das war die Hölle, die wir gesehen haben, und die höllischen Erscheinungen haben uns Tausende von Kilometern weit begleitet. Sie standen höhnisch wartend tage- und nächtelang zu beiden Seiten des Schiffes. Trübe Wasserspiegel zwischen trügerischem Algengewächs. (…) Graublaue Wolkenbänke ringsum. Im Westen ein ziegelroter Abendwolkenbalken. Die Sonne eine matte Scheibe ohne Leuchtkraft. Alle Flächen schmutzig und schwarz. Stumpf und trübe die Wassertümpel. Die Algen giftiger Grünspan.“

Das Luftschiff fuhr in einer Höhe von etwa 300 Metern in ruhiger Fahrt über das ausgedehnte, trostlos wirkende Gebiet. Nach der Überquerung des Irtisch und des gewaltigen Ob stand LZ 127 um Mitternacht in dem weiten Sumpf- und Waldland zwischen Ob und Jenissej. Das Ziel war die Stelle, an der sich die sogenannte untere Tunguska in den Jenissej ergießt. Über das Fahren in stockdunkler Nacht schreibt Hugo Eckener:

„Es war recht schwierig, in der dunklen Nacht einen genauen Kurs in dem völlig monotonen, weg- und steglosen Gebiet zwischen Ob und Jenissej zu verfolgen, solange der Boden unsichtbar war.“

Wolkenfront an der Tunguska © Archiv der Luftschiffbau Zeppelin GmbH

Auch in dieser Nacht hielt es Max Geisenheyner nicht lange in seinem Bett aus. Während sein Kainengenosse Kauder ruhig und friedlich schlief, stand er auf und ging in die Führergondel.

„Ich saß in der dunklen Führergondel, die nur durch kleine, abgedämpfte, bewegliche elektrische Birnen erhellt war, deren Licht über die Land- und Wetterkarten hin- und herbewegt wurde. Ich saß auf der breiten, gelben, hölzernen Bank an dem großen, stets offenen Fenster, an dem der Luftzug von der nahen Spitze des Schiffes her mit voller Gewalt vorbeistreicht. Schweigend hantierten die Offiziere. Sie bestimmten mit dem Sextanten nach den Sternbildern den Standort des Schiffes, nahmen aus dem kleinen, schmalen Fenster, das gerade für eine Hand Platz hat, die Wettermeldungen der Funker entgegen. Um zwei Uhr wurde jemand ausgeschickt, um Dr. Seilkopf, den Meteorologen der Hamburger Wetterwarte, aus der Schlafkabine zu holen, zum drittenmal schon in dieser Nacht.  Er kam, wie immer, frisch, bereit, brennend interessiert, seine großen Brillengläser standen schräg über der Wetterkarte. Er malte nach den Telegrammen geheimnisvolle Zeichen und Kreise, während Lehmann und Flemming sich über ihn beugten.“

Dr. Seilkopf setzte sich noch ein wenig zu Geisenheyner und gemeinsam bestaunten sie den beeindruckenden Sternenhimmel. Dann verabschiedete sich der Meteorologe, um wieder in seiner Schlafkabine zu verschwinden, wo er sich angezogen ins Bett legte – jederzeit bereit, wieder aufzustehen, wenn es notwendig war.

Lehmann und Flemming verschwanden in den vordersten Teil der Gondel, der auch „die Brücke“ genannt wurde. Geisenheyner folgte ihnen.

„Nun stand ich im Kopf des Schiffes! Hier waren die Ganglien seines Gehirns. Hier wurde seine Höhe bestimmt, eine Richtung, hier wurde den Böen getrotzt, die Gleichgewichtslage bestimmt. Hier standen ununterbrochen, Tag und Nacht in stetiger Abwechslung von vier Stunden die Steuerleute am Höhen- und Seitensteuer. Das Seitensteuer, ganz vorne, wo die beiden Seitenkurven der Gondel spitz zusammenlaufen, das Höhensteuer, links, wo die ‚Brücke‘ beginnt. Kapitän Lehmann erklärt mir die Apparatur. (…) Ich verstehe gar nichts davon. Und doch war es schön, zuzuhören. Denn hin und wieder wurde mir ein Zusammenhang klar, ich bekam eine Ahnung von der Präszision der Technik, von der im Grunde so einfachen Klarheit dieser genialen Erfindung, die ‚Zeppelin‘ heißt und deren Name sich wie ein lustiges Kinderspielzeug anhört. Knud Eckener am Höhensteuer in blauer Hose und weißem Hemd führte mich in die Geheimnisse seines Steuerrades und seiner Apparate ein. Er weiß auf dem ganzen Schiff Bescheid. Er hat von der Pike an gedient, hat, wie alle Offiziere, von Grund auf jede Schlosser- und Monteurarbeit mitgemacht. Kapitän Lehmann meinte, ich solle doch einmal das Steuer bedienen.“

Geisenheyner durfte tatsächlich das Luftschiff steuern und war erstaunt, wie schwer es zum Teil war. Am Schluss war er voller Verständnis für die Navigatoren:

„War es da ein Wunder, daß da manchmal der Navigierende nach vier Stunden in Schweiß gebadet und erschöpft war?“

FORTSETZUNG FOLGT…

Zu Teil 1: Im Zeppelin rund um den Globus

Zu Teil 2: Die Wettfahrt um die Welt beginnt

Zu Teil 3: Gespannte Vorfreude

Zu Teil 4: An  Bord der LZ 127 „Graf Zeppelin“

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