Gespannte Vorfreude

Als LZ 127 am 10. August 1929 in Friedrichshafen landete, hatten die Weltreisenden bereits rund 7.000 Kilometer zurückgelegt. Hans von Schiller fasst die erste Etappe noch einmal kurz zusammen:

„Am Abend des 8. August verließ dann das wiederum überbesetzte Schiff New York und landete am Geburtstage Dr. Eckeners, am 10. August, nach einer Rekordzeit von 55 Stunden und 19 Minuten in Friedrichshafen.“

Im Heimathafen am Bodensee wurde der Zeppelin auf etwaige Schäden untersucht und aufgrund der gemachten Erfahrungen an manchen Stellen optimiert. Außerdem wurden die Motoren gewartet sowie eine Notausrüstung zusammengestellt und mit an Bord genommen. Dann wurden die Vorräte aufgestockt und das Schiff, wie von Schiller formuliert, „bis an die Halskrause mit Brennstoff beladen“.

Der Zwischenstopp in Friedrichshafen dauerte fünf Tage, da noch nicht alle Reisegäste anwesend waren.

Schon vor Ort war Max Geisenheyner, ein Reisejournalist der „Frankfurter Zeitung“, der bereits etwas Zeppelinerfahrung hatte und nun auf die Abfahrt wartete. Einen Tag zuvor schreibt er in sein Notizbuch:

© Archiv der Luftschiffbau Zeppelin GmbH
© Archiv der Luftschiffbau Zeppelin GmbH

„14. August. Es ist 1 Uhr nachts. Ich liege im Bett. Das Fenster zum See ist weit auf. Vom Hotel her kommt Tanzmusik heraufgeklettert. Sie mischt sich in das Rauschen der Bäume, und die Sterne sind wie ein Funkenregen über den Himmel gestreut. Manchmal höre ich von unten undeutlich ein Gespräch. Tritte knirschen auf dem Kies. Es ist wie ein stilles, sanftes Schlürfen.  (…)
Draußen kommt eine starke Luft vom See. Unten wird quäkend Grammophon gespielt. Das Lachen der Tanzenden ist ermunternd. Es lockt, man möge hinuntergehen.“

Geisenheyner konnte den Verlockungen widerstehen und blieb im Bett lieben. Doch als der Morgen graute, hielt er es nicht mehr lang im Hotel aus.

Sehr früh lief er zur Zeppelinwerft, um für seinen Reisebericht erste Recherchen zu machen.

In der riesigen Luftschiffhalle sah er zunächst nur ein Dutzend Männer. Aber als er genauer schaute, konnte er noch viel mehr entdecken:

„An den mächtigen grauen Flanken des Schiffes hingen Arbeiter in kleinen Schaukeln, um den Anstrich zu erneuern und die Dichtigkeit des Stoffes zu prüfen. Für die Führergondel wurde der Schutzpuffer zurechtgemacht, um sie vor hartem Anprall auf der Erde zu schützen. Natürlich mußte ich auch die kleine Holzleiter hinaufklettern, um einen Blick in die Gondel zu tun, die ich seit dem Abenteuer von Toulon im Mai des Jahres nicht mehr gesehen. In dem Speisesaal – er umfaßt fünfmal fünf Meter – wurde gerade aufgeräumt. Die Polsterstühle standen in der Halle und wurden geklopft. Papa Eckeners Sorgensitz hatte das nicht nötig, dieweil er aus Rohrgeflecht bestand. In der kleinen Küche des guten dicken Koches Manz, bei dessen Anblick man schon Hunger bekommt, war alles blitzsauber geputzt. In dem kurzen Laufgang zwischen Passagiergondel und Führerraum traf ich Funkoffizier Speck. Es gab ein fröhliches Wiedersehen. Ganz vorne in der Führergondel, diesem seltsamen Raum aus Marienglas, blinkendem Stahl, geheimnisvoll durchzogen von Ketten und Drähten, bespickt mit Rädern und Rädchen, stand Knud Eckener, der viel zu bescheidene, kluge, blonde, und prüfte eine Apparatur. Wir drückten uns die Hand, lachten und guckten uns in die Augen. Darin stand geschrieben: Weltfahrt! Feine Sache, was?! (…)
Auf dem großen gelben Klapptisch lag eine Weltkarte. Ich tastete den Weg nach Tokio mit dem Finger ein wenig ab. Ich dachte an die zwei Jagdgewehre, die wir mitnehmen wollten, falls uns ein russischer Mistral eine Notlandung bescherte und hatte schon den Duft eines selbstgebratenen sibirischen Bärenschinkens in der Nase.“

 

Start der deutschen Weltfahrt

Bild der Mannschaft vor LZ 127 © Archiv der Luftschiffbau Zeppelin GmbH
Bild der Mannschaft vor LZ 127 © Archiv der Luftschiffbau Zeppelin GmbH

Endlich war der große Tag da – der erste Tag der deutschen Weltfahrt hatte begonnen! Max Geisenheyner notiert in sein Büchlein:

„15. August morgens vier Uhr. Halbe Dämmerung. Durch die noch dunklen Straßen wandern Tausende der Halle zu. Dazwischen die Autos, die Motorradfahrer, die Radler. Der Eingang zur Werft schwarz von Menschen. (…)

Von weither leuchten die Scheiben der Halle in einem matten, bläulichen Licht, als inszeniere Max Reinhardt dort ein neues Mirakel. Die Scheinwerfer ziehen dünne, lange Streifen über das Gelände und über tausend Köpfe. Was Karten hat, drängt von der Rückseite in die Halle. Immer wieder prallt jeder zurück vor dem Anblick dieser seltsam erleuchteten, gewaltig blinkenden Schwanzfeder, an die sich der Leib des Schiffes anschließt. Dazu glühen tausende von kleinen Birnen, schweben die dunklen Motorgondeln in der Luft, kreisen einige Propeller und erfüllen den Raum mit dem Toben einer Meeresbrandung.“

Es herrschte viel Lärm und Getümmel in der großen Zeppelinhalle, als Geisenheyner in der Menschenmenge Kapitän von Schiller entdeckte. Der Reisejournalist erzählt, wie damals der Check-In ablief:

„An der Passagiergondel werden die Namen der Mitreisenden ausgerufen: deutsche, französische, englische, amerikanische Namen. Kapitän von Schiller ruft den meinen. Ich stehe bepackt mit zwei Mänteln, einem roten Sweater, einem Fernstecher, einer Aktentasche und acht Tafeln Schokolade da und gucke immer noch den Zeppelin an. Schiller lacht und haut mir eine auf die Schulter. Er kennt seine Pappenheimer. Er macht übrigens alles, verteilt die Kabinen, stellt die Fahrkarten aus, beantwortet die dümmsten Fragen mit leuchtendem Augenaufschlag, ist immer vergnügt, ein Idealist, der vor keiner Handreichung zurückschreckt, wenn sie nur seinem geliebten Zeppelin dient.“

Langsam hob der “geliebte Zeppelin“ unter den Jubelrufen der Schaulustigen und Abschiednehmenden ab und die nächste Etappe der großen Fahrt um die Welt begann. Kapitän Albert Sammt:

„Um 4.35 Uhr begann endlich die ‚deutsche‘ Weltfahrt. Das Luftschiff stieg in den blaugrünen Morgenhimmel. Der wunderschöne Sonnenaufgang, vom Luftschiff aus betrachtet, war gleich das erste Ereignis für die Passagiere und die Besatzung.“

Auch Kapitän Ernst Lehmann beschreibt den historischen Moment:

„Am 15. August, morgens 4.35 Uhr, hebt sich das Schiff mit 41 Mann Besatzung, 20 Fahrgästen und 400 Kilo Post vom Boden ab. Die Passagiere sind Vertreter der Presse, des Films, der Regierungen und des Militärs, dazu einige Private, Deutsche, Amerikaner, Japaner, ein Schweizer, ein Russe, ein Franzose, ein Spanier, ein Australier. Die einzige Dame an Bord ist wieder Lady Drummond Hay, unser Glückstier ihr kleines schwarzes Kätzchen (…).
Der interessanteste unter den Mitfahrenden ist der Polarforscher Sir Hubert Wilkins. Mr. Leeds, mit der Großfürstin Xenia von Rußland verheiratet, bbetrachtet nachdenklich den Vertreter Sowjetrußlands; ich vermute, sie würden sich nicht verstehen, auch wenn Herr Karklin noch eine andere Sprache verstünde als Russisch.“

Karklin sollte im Verlauf der Fahrt einige Probleme bereiten.

Zunächst aber verstauten die Reisenden ihr Gepäck in ihren Kabinen, wie Max Geisenheyner schildert:

„Ich habe Kabine 4, das obere Bett. Ich werde hier zusammen mit Gustav Kauder, der unten liegt, in idealer Konkurrenz schnarchen. Der Abgeordnete der Sowjetrepubliken, Karlin, schläft zusammen mit dem reizenden Spanier, Dr. Megias, dem Leibarzt der Königin von Spanien, was ihm hoffentlich nichts schaden wird. Commander Rosendahl, selbst fähig, einen Zeppelin zu lenken, hat sich den Oberhäuptling der Hearstpresse, Herrn von Wiegand als Schlafgenossen erworben. Der junge Leeds, unser Milliardärssohn, hat Leutnant Richardson von den amerikanischen Marinefliegern zum Genossen. Eine Villa für sich allein hat nur Lady Drummond bezogen. Man hängt seine Kleider in einen der beiden zehn Zentimeter tiefen Wandschränke, deren Türen aus buntgemustertem Stoff bestehen, tut die Mäntel daneben an die Haken, legt den Kleinkram ab. (…) Im Salon wird bereits mit Kaffeetassen geklappert. Die Passagiere spitzen die Ohren, kommen aus ihren Zellen und setzen sich in langsamen Trab zu den Tischen. Auf einem der großen Fensterbretter steht Leeds‘ Grammophon. Ein stattliches amerikanisches Instrument, aus Messing konstruiert. Es ist noch nicht einmal fünf und schon rollt eine Platte unter der Nadel. Muß es sein? Seien wir großzügig und zum Vergnügen bereit. Auf irgendeine Art und Weise wird man schon einmal die Nadeln beiseite schaffen. können.“

Gruppenbild im Salon © Archiv der Luftschiffbau Zeppelin GmbH
Gruppenbild im Salon © Archiv der Luftschiffbau Zeppelin GmbH

Besagtes Grammophon hatte schon vor der Abfahrt aus Lakehurst für Ärger gesorgt, was der französische Journalist Léo Gerville-Réache beobachtet hatte. Leeds habe als erstes sein Grammophon in den Passagiersalon gestellt und eine gute Musikauswahl dabeigehabt. Als aber Dr. Eckener den „phonograph“ gesehen habe, sei er wütend geworden, habe gesagt, dass ein Grammophon auf einer solchen Expedition nichts zu suchen habe. Eigenhändig habe er den Musikapparat aus dem Salon durch das gesamte Luftschiff getragen und in einer Ecke des Hangars verstaut.

Mr. William D. Leeds sei dabei stets hinter ihm gelaufen, habe sich das Grammophon wieder geschnappt, in den Zeppelin zurückbracht und in seiner Kabine damit einen wütenden Foxtrott gespielt.

Eckener sei daraufhin noch erboster geworden und meinte, man müsse wohl das Gepäck dieses Passagiers nochmals genau untersuchen. Ihm ging es dabei vor allem um die Gewichtsverhältnisse auf dem Schiff.

Daraufhin nahm Leeds seinen Koffer, seine Hemden und Pyjamas und sagte zornig: „Sie können diese Sachen aus dem Luftschiff entfernen, aber lassen Sie mir mein Grammophon!“

Schlussendlich konnte Leeds das Grammophon auf die Weltreise mitnehmen und die Fahrgäste mit Symphonien, Rhapsodien, amerikanischem Jazz und hawaiianischen Klängen erfreuen.

Geisenheyner berichtet von einem Japaner, der gleich nach dem Start zu tanzen begonnen hatte:

„Siehe da, der japanische Journalist Kitano tanzt sachlich und ernsthaft vertieft einen Charleston-Solo auf dem Fleck als Morgengymnastik. Ich begrüße Herrn von Wiegand, einen gewiegten, amerikanischen Journalisten, der befähigt ist, aus dem Oeffnen und Schließen eines Zeppelinfensters ein Extrablatt zu machen. Er ist vor einigen Tagen erst aus Tokio zurückgekommen, wo er als Manager der Hearstpresse vorgefühlt hat, was sich dort alles tun würde. Er ist ein feiner, mitteilsamer Mensch, stets hilfsbereit, Weltmann und immer tätig. Er erzählt Wunderdinge von dem Empfang, der unser wartet. Aber ich habe widerstreitende Empfindungen. Denn wir sind noch nicht einmal in Ulm.“

Seit dem Start in Friedrichshafen war auch noch keine Stunde vergangen, aber die Journalisten schrieben regelrecht um die Wette.

Als die Donau in Sicht kam und sich wie ein feines blaues Band durch die Landschaft schlängelte, kam Kapitän von Schiller aus der Führergondel zu den Passagieren und teilte auf Englisch, Französisch und Deutsch mit,

„daß man auf dieser ersten Fahrt über zehntausend Kilometer, auf der es keine Bahnstationen, keine Haltestellen und Wartesäle gäbe, eigentlich nur den kleinen Finger in die Waschschüssel tauchen dürfe, um sich damit über das Gesicht zu fahren, weil Wasser gespart werden müsse. Es fiel zum ersten Male das gewichtige Wort ‚Expedition‘.“ [Zitat Geisenheyner]

Gegen halb sechs Uhr fuhr man über Ulm, dann über das Schwaben- und das Frankenland. Sieben Uhr morgens wurde Nürnberg erreicht. Weiter ging es über Leipzig und gegen 11 Uhr wurde Berlin erreicht.

Luftbild von Berlin © Archiv der Luftschiffbau Zeppelin GmbH
Luftbild von Berlin © Archiv der Luftschiffbau Zeppelin GmbH

Dort wollten sich die Weltfahrer von der Hauptstadt verabschieden und zogen große Schleifen über der Stadt – vorbei an sämtlichen Wahrzeichen.

Die Journalisten warfen ihre ersten Berichte über der Stadt ab. Geisenheyner winkte mit einer Serviette aus dem Fenster.

Hugo Eckener:

„Wir glaubten es natürlich der reichshauptstädtischen Bevölkerung schuldig zu sein, uns ihr bei der Ausreise zu zeigen und sozusagen Grüße an die Bevölkerung der japanischen Hauptstadt mitzunehmen. Die Berliner verstanden das richtig und winkten begeistert Grüße zu dem in langsamer, niedriger Fahrt die ‚Linden‘ abfahrenden Schiff hinauf.
Wir nahmen unseren Weg über Stettin, um unserem Kapitän Flemming die Möglichkeit zu geben, seiner alten Mutter, die dort wohnte, einen Abschiedsgruß hinabzusenden, gingen dann die Ostseeküste entlang über Danzig, Königsberg und Tilsit, um etwa um 18 Uhr die russische Grenze zu überschreiten. Wie nun weiterfahren?“

FORTSETZUNG FOLGT…

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