»Man muss die Bilder nur lesen können« – Interview mit Felicitas E. M. Köster zum 140. Geburtstag ihres Großvaters Karl Caspar

Derzeit sind mehrere Werke von Karl Caspar (1879-1956), wie auch seiner Frau Maria Caspar-Filser (1878-1968), in den Wechselausstellungen „Eigentum verpflichtet. Eine Kunstsammlung auf dem Prüfstand“ und „Aufbruch ins Unbekannte. Die Klassische Moderne am Bodensee“ zu sehen.
Anlässlich des 140. Geburtstags von Karl Caspar am 13. März führte Dr. Mark Niehoff, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Abteilung Kunst, ein Interview mit Kaspars Enkelin, Felicitas E. M. Köster, über ihren Großvater, sein Schaffen und die Beziehung zu Maria Caspar-Filser.

 

Mark Niehoff: Welche persönlichen Erinnerungen haben Sie an Karl Caspar?

Felicitas E. M. Köster: Ich erinnere mich, dass mein Großvater sehr großzügig und geduldig war.

Haben Sie auch Modell für ihn gesessen?

Schon als Baby, wie auch für meine Großmutter Maria Caspar-Filser und für meine Mutter Felicitas Köster-Caspar. Aber es war Karl Caspar, von dem ich gezeichnet und gemalt wurde, zum Beispiel hat er zu meiner Geburt am Palmsonntag die zauberhafte Geburtstagsanzeige gezeichnet. Und er hat mich auf dem Arm meiner Mutter gemalt, als Mutter und Kind-Motiv. Ich stelle mir gerne vor, dass ich ihn auch zu weiteren Themen inspiriert haben könnte.

Mit Freude erinnere ich mich daran, dass er für mich ein eigenes kleines Palmeselchen aus Holz entworfen und bemalt hat. Als ich das Laufen gelernt hatte, konnte ich meinblaues Eselchen auf seinen Rädern an der Leine durch die Zimmer des Hauses vergnügt hinter mir nachziehen und es folgte mir auf Schritt und Tritt.
Später dann als Kind durfte ich im Atelier auf die Rückseiten der Gemälde mit Kohle zeichnen.

Und Ihr Großvater hatte nichts dagegen?

Nein, er hat es sogar angeboten und gefördert. „Weil es gerne malt, ist das Kind beschäftigt und stört uns nicht bei der Arbeit im Atelier“, war die Devise. Wenn mir einmal ein Bildchen besonders gut gelungen war, wurde ich natürlich gelobt. Diese Kohlezeichnungen konnten nachher leicht wieder abgewischt werden und ein paar meiner Kinderzeichnungen sind sogar erhalten geblieben.
Gerne habe ich auch zugesehen, wie auf den Staffeleien die Gemälde entstanden sind und den Duft von französischem Terpentin und frischen Ölfarben mag ich auch heute noch sehr gern, da werden Kindheitserinnerungen wach.

Sie haben damals in unmittelbarer Nähe zu Ihren Großeltern gelebt?

Ja, wir sind immer eine Großfamilie gewesen, immer drei Generationen in einem Atelierhaus.

Man verbindet Karl Caspar ja vor allem mit den christlichen Themen. Als Plakatmotiv für die Ausstellung „Aufbruch ins Unbekannte“ haben wir aber die „Frauen am Meer“ ausgewählt.

Karl Caspar: Frauen am Meer (1914)
Karl Caspar: Frauen am Meer (1914) © Köster/VG Bildkunst, Bonn 2019

Ich bin darüber begeistert, denn diese Facette seines Oeuvres ist derzeit leider fast vergessen. Er hat eine Reihe von Aktbildern geschaffen, die in ihrer Qualität den Vergleich mit den besten Werken in der Kunst standhalten. Dieses großformatige Gemälde „Frauen am Meer“ wie auch „Die Frauen am Brunnen“ – von dem das Zeppelin Museum eine Zeichnung im Bestand hat – sind vor dem Ersten Weltkrieg 1914 in Florenz entstanden. Von Dezember 1913 bis August 1914 wohnten Karl Caspar und Maria Caspar-Filser in Italien, dann mussten sie nach Deutschland zurückkehren, um sich den Militärbehörden zu stellen, wie es lapidar in seinem Pass vermerkt wurde.

Wie würden sie den Stellenwert anderer Motive und den Einfluss Italiens in Karl Caspars Werk bewerten?

Italien war sehr wichtig, er reiste bereits als Student dorthin. Er konnte sich mit dem Stipendium der Stuttgarter Akademie eine Romreise finanzieren und 1907 realisieren.

1906 hatte er als 25Jähriger sein erstes großes expressives Wandbild in der Heudorfer Kirche geschaffen und zwei Jahre später wurde der Einfluss Italiens in weiteren Fresken von ihm bewusst eingesetzt. Aber er ist kein Kirchenmaler, seine Gemälde mit den christlichen Themen entstanden ohne Auftrag.

Im Bestand des Zeppelin Museums befindet sich auch das Werk „Der barmherzige Samariter“, ein weiteres großformatiges Werk, das auch 1914 in Florenz entstanden war. In der Ausstellung zeigt das Gemälde die Stigmatisation des heiligen Franziskus. Das Bild würde ich auch als Motiv aus Italien sehen.
1911 hat Karl Caspar mit seiner Frau eine mehrwöchige Italien-Rundreise unternommen, um ihr die Schönheit des Südens zu zeigen und mit ihr dort zu malen. Über die Gemälde-Ausstellung in Thannhausers Moderner Galerie in München wurde in der Presse und insbesondere zu den Italienbildern von Maria Caspar-Filser vermerkt, dass Italien zum Erlebnis geworden sei und dass so ohne alles Fremdeln noch niemand Italien gemalt hätte. Das war allein der Verdienst von Karl Caspar, er hat in ihr die Liebe zu Italien geweckt und das hat beide ein Leben lang verbunden.

Ausstellungsansicht „Eigentum verpflichtet“: links Maria Caspar-Filser: Frühling am Bodensee (1921), rechts Karl Caspar: Der barmherzige Samariter (1914)

Ich erinnere mich an Tage, an denen sie ihre Italien-Bilder, große Gemälde und kleine Ölstudien der vergangenen Jahrzehnte, reihum im Atelier aufgestellt haben. Dazu wurden   Geschichten von den Reisen und Erlebnisse zu den Bildern erzählt. Nach einer Weile sagte mein Großvater dann zu mir: Komm wir gehen nach Italien. Hand in Hand sind wir in den unteren südlichen Teil des Gartens spaziert und dort stand unter Mirabellen- und Akazienbäumen eine Rundbank. Wir setzten uns und blickten über Wiesen und Felder hin zu den Bergen und hinter den Bergen, da war das Italien wie auf den Bildern.

Ich werde immer wieder gefragt: „Gibt es denn keine Tagebücher“ und so weiter. Die braucht es nicht, man muss die Bilder nur lesen können.

Karl Caspar hat 1933 im Gegensatz zu den anderen Professoren der Münchener Akademie den von den Nationalsozialisten initiierten Protest gegen Thomas Mann nicht unterschrieben.

Als einziger seiner Kollegen hat er den „Protest der Richard-Wagner-Stadt gegen Thomas Mann“ nicht unterschrieben und er hat sich auch geweigert, seine Unterschrift unter das Pamphlet „Die deutsche Kunst ist in Gefahr! Eine Erklärung des Deutschen Künstlerbundes 1933“ zu setzen, das war eine Naziorganisation gegen die moderne Kunst, deren Namensgleichheit auch heute noch zu Verwechselungen führt.

1937 ist er dann in den vorzeitigen Ruhestand gezwungen worden. Die Versetzungsurkunde von Berlin mit Datum des 24. November 1937 mit Hitlers Unterschrift existiert.

Bereits seit Ende der 20iger Jahre bekam Karl Caspar Postkarten und Briefe mit Drohungen und Schmähungen in der Presse, das fing sehr früh an. Er wusste, was auf ihn zu kam und er hat doch zehn lange Jahre durchgehalten, vor allem für seine Schüler, wie er das in seinen Briefen schrieb. In der Ausstellung „Entartete Kunst“ in München wurden drei Gemälde von Caspar angeprangert mit dem Kommentar „Solche Meister unterrichten bis heute die deutsche Jugend“.

In der Zeit der NS-Diktatur entstanden dann nur noch sehr wenige Gemälde?

Es entstanden nach 1933 nur noch wenige Werke, mein Großvater hat hauptsächlich gezeichnet. Es folgten Ausstellungs- und Malverbot. Die Familie ging in die innere Emigration. Er bekam dann auch keine Zuteilungen von Malmaterialien mehr – Maria Caspar-Filser sowieso nicht – und er hat auf die von Freunden und Schülern besorgten Farben und Leinwände verzichtet und sie ihr überlassen. Das Haus im Inn-Tal war ursprünglich ein Landhaus als Feriendomizil und wurde nun zum Aufenthaltsort. Kein Namensschild an der Tür, ein Rückzug in die Anonymität.

In der Ausstellung „Aufbruch ins Unbekannte. Die Klassische Moderne am Bodensee“ sind viele Künstler vertreten, die sich in die innere Emigration an den Bodensee zurückgezogen haben – nicht zuletzt Otto Dix. Warum ist Karl Caspar nicht hierhin gegangen?

Karl Caspar und Maria Caspar-Filser hatten beide viele Verwandte am Bodensee, deshalb war es für sie nicht möglich, dorthin zu gehen: Am Bodensee hätten sie die Verwandtschaft gefährdet.

Karl Caspar stammte ja auch selbst aus der Region.

Ja, er ist in Friedrichshafen geboren und hat die nächsten Jahre in Langenargen verbracht, bevor die Familie dann nach Heidenheim gezogen ist als er zehn Jahre alt war. Eine Aussage von ihm war „Man kann vieles schätzen aber nur weniges lieben“ und ich bin sicher, dass er den Bodensee geliebt hat, denn er ist immer wieder zu Malaufenthalten zurückgekommen.

Ausstellungsansicht, "Aufbruch ins Unbekannte", Landschaft und Stillleben
Ausstellungsansicht „Aufbruch ins Unbekannte“, Landschaft und Stillleben von Maria Caspar-Filser

Wie war das Verhältnis der Ehepartner und Künstlerkollegen Karl Caspar und Maria Caspar-Filser?

Sie haben sich auf Augenhöhe behandelt, seit sie sich als Zehnjährige in Heidenheim kennengelernt hatten. Sie blieben in Kontakt, als sie nicht mehr im gleichen Ort wohnten entwickelte sich eine Brieffreundschaft. Als Fünfzehnjähriger schrieb Karl Caspar an Maria „wertes Fräulein“, später dann „lieber Kamerad“ und ab 1902, da waren sie inoffiziell verlobt, kommt dann natürlich „liebste Maria“ und „mein Schatz“ usw. Karl Caspar war sehr eloquent und konnte sich auch sehr gut schriftlich ausdrücken und Maria Caspar-Filser hat alle Briefe von ihm aus der Brautzeit gesammelt und verwahrt.

Im ersten Brief, nachdem sie in Heidenheim getrennt worden waren, weil die Familie Filser nach Balingen auf der Schwäbischen Alb verzog, schreibt er ihr zu Weihnachten „nochmal herzlich dankend für die Unterweisung im Malen grüßt Sie…“ Dieser zehnseitige Brief hat zudem auf jeder Seite ein bis zwei Zeichnungen von Karl Caspar. Vermutlich wird Maria Filser ihm darauf geantwortet haben, aber ihre Briefe sind nicht erhalten geblieben. Sie hat ihn zum Malen gebracht, würde ich sagen, und lebenslang dabei unterstützt.

Aus der Ansprache als „Kamerad“ lässt sich ja auch eine freundschaftlich-kollegiale Beziehung ableiten.

Aus den Briefen geht auch hervor, dass es immer wieder Schulausstellungen der Studenten der Stuttgarter Akademie gab, bei denen sie sich schon früh mit ihren Werken der Öffentlichkeit präsentiert haben. Es wurde nicht so in den Ateliers vor sich hingemalt. Beide gingen früh in Kunstvereine und wurden auch schon sehr früh als Mitglieder in den Deutschen Künstlerbund aufgenommen. Beide haben schon sehr früh angefangen, sich der Öffentlichkeit zu stellen, und es waren zwei Künstlerkarrieren, die über einen langen Zeitraum parallel verliefen, zusätzlich zu einer glücklichen Ehe.

In diesen frühen Ausstellungen wurde immer wieder auch eine „Kollektion“ gezeigt, also eine Reihe von Gemälden innerhalb einer Ausstellung. Das wurde dann später in den Ausstellungen der Künstlervereinigungen übernommen, die sie mitgegründet hatten. Karl Caspar sorgte als langjähriger Vorsitzender der Neuen Münchener Secession dafür, dass auch einzelne Künstler immer auch mit mehreren Werken innerhalb der jährlichen Ausstellungen präsentiert wurden. So hat Karl Caspar nach dem frühen Tod von Franz Marc seine Gedächtnis-Ausstellung organisiert und in den 20iger Jahren eine Ausstellung von Nolde, wofür er stark angegriffen wurde. Auch eine große Corinth-Ausstellung, das beruhte alles auf Karl Caspars Verbindungen aus den Künstlervereinigungen.

Also war er auch jemand, der die Werke seiner Künstlerkollegen bekannt machen wollte?

Die großen norddeutschen Expressionisten hat er in Süddeutschland bekannt gemacht, ja. Dieses Fördern von anderen Künstlern ging natürlich zu Lasten seines Werkes, das nicht sehr umfangreich ist. Ich habe Karl Schmidt-Rottluff noch kennengelernt, der mir bestätigt hat, wie unparteiisch Karl Caspar in den Jurys war und es hat mich sehr berührt wie er über ihn sprach.

Er stimmte also auch für Künstler, deren Werke weit entfernt waren von seinem eigenen Werk? Gab es auch mal eine persönliche Begegnung zwischen Karl Caspar und Otto Dix?

Ja natürlich, sie kannten sich von Ausstellungen und saßen zusammen in den Jurys. Dix war im Gesamtvorstand und Karl Caspar im engeren Vorstand des Deutschen Künstlerbundes. Und dann hat Dix auch in München in der „Neuen Sezession“ ausgestellt und mir wurde erzählt, dass Dix besonders Karl Caspars Bild der Magdalena mit dem Ausdruck ihrer Hingabe mochte.


Karl Caspars und Maria Caspar-Filsers Werke sind in der Ausstellung „Eigentum verpflichtet. Eine Kunstsammlung auf dem Prüfstand“ noch bis 6. Januar 2020 und in „Aufbruch ins Unbekannte. Die Klassische Moderne am Bodensee“ noch bis 12. Mai 2019 zu sehen.


Dr. Mark Niehoff ist seit August 2018 wissenschaftlicher Mitarbeiter der Abteilung Kunst. Zuvor studierte er Kunstgeschichte, Geschichte und Klassische Archäologie in Münster. Sein wissenschaftliches Volontariat absolvierte er dort im LWL-Museum für Kunst und Kultur.
Im Januar 2019 schloss er erfolgreich seine Promotion ab.

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