Die Moderne im Zeppelin

Die LZ 127 Graf Zeppelin war das erfolgreichste Luftschiff im transatlantischen Verkehr. Mit über 590 unfallfreien Fahrten, knapp 1,7 Millionen gefahrenen Kilometern und insgesamt 34.000 Passagieren, war es zudem am längsten dauerhaft im Einsatz und fuhr unfallfrei bis zu seiner Verschrottung im Jahr 1940. Seine Kabinen und Gesellschaftsräume gestaltete Bernhard Pankok aber eigenartigerweise in „wohnlicher Atmosphäre“ mit Blümchentapeten, Brokatvorhängen und Polstermöbeln. Ein denkbar starker Kontrast und aus heutiger Perspektive kaum nachvollziehbar, bedenkt man diese avantgardistische Pionierleistung.

Das sieht auch der Deutsche Werkbund so. 1928 veröffentlicht Ernst Kropp, Hochschullehrer und Mitglied des Werkbundes, einen offenen Brief an Hugo Eckener in der Zeitschrift Die Form. Darin kritisiert Kropp, es sei einfach beschämend, „ein Wunderwerk deutscher Technik des 20. Jahrhunderts mit nachempfundenen alten englischen Ornamenten und Blümchenmustern aus der Zeit Morris‘ auszuschmücken.“ „Die sogenannte künstlerische Ausstattung der Gondel [könne] unter den zeitgemäßen Künstlern nur enttäuschen(Schmidle, Elisabeth: Fritz August Breuhaus, 1883-1960 – Kultivierte Sachlichkeit, Tübingen / Berlin, 2006, S. 106, 108) schreibt Kropp weiter und trifft damit unmittelbar nach der Präsentation von LZ 127 einen scheinbar wunden Punkt. Eckener, selbst Ehrenmitglied des Deutschen Werkbundes seit 1924, reagiert prompt und beauftragt das Atelier Breuhaus mit der Ausstattung des nächsten Zeppelin Luftschiffs, der LZ 128. Dessen erste Entwürfe datieren auf 1929, die Produktion wird jedoch als Folge des Unglücks der britischen R 101 1930 eingestellt. Für das nachfolgende Luftschiff, die LZ 129 Hindenburg, passt Fritz August Breuhaus, der angebliche Student von Peter Behrens, seine Entwürfe den Dimensionen lediglich an. Allein die räumliche Ordnung variiert er. Die Entscheidung Eckeners zur Ausstattung des „leichtesten Hotels der Welt“ lässt erkennen, dass das größte jemals im transatlantischen Linienverkehr eingesetzte Luftschiff auch im Inneren seiner technischen Pionierleistung Rechnung tragen sollte.

Entwurfsidee für die Fahrgasträume LZ 128, 1929; Quelle: Eulenberg, Herbert und Osborn, Max: Fritz August Breuhaus de Groot. Kritik des Werkes, Berlin 1929, S. XXVI, 57, hier zitiert nach: Schmidle, Elisabeth: Fritz August Breuhaus, 1883-1960 – Kultivierte Sachlichkeit, Tübingen / Berlin, 2006, S. 107
Schematische Darstellung des Passagierdecks mit den Fahrgasträumen des LZ 129 Hindenburg, Datierung 1935-1936 © Archiv der Luftschiffbau Zeppelin GmbH

Breuhaus‘ Möbelentwürfe wiederum folgen klar Vorbildern des Bauhauses, mussten jedoch zugunsten des bestmöglichen Kompromisses zwischen Leichtigkeit und Stabilität in zahlreichen Varianten verschiedener Aluminiumlegierungen getestet und noch während des Betriebs nachgebessert werden. Klare formale Vorbilder lassen sich in Breuers Stahlrohrsessel B 35 von 1930 erkennen oder Thonets Modell S 411 von 1932. Für die Hindenburg wurden Breuhaus Entwürfe letztlich als luxuriöse und vergleichsweise konservative Polstervarianten durch L. & C. Arnold aus Stuttgart produziert.

Die große Halle mit der Steuerbord Promenade, LZ 129, Datierung 05.02.1936 © Archiv der Luftschiffbau Zeppelin GmbH

Zeitgleich fahren also zwischen 1936 und 1937 die Graf Zeppelin und die Hindenburg den transatlantischen Verkehr. Die eine im Look des Gelsenkirchener Barocks, die andere im Look der Moderne und der Stahlrohrmöbel. Vier Jahre nach der Schließung des Bauhauses durch die Nationalsozialisten wird hier deren Vereinnahmung modernen Designs und daran geknüpften zukunftsweisenden Charakter besonders deutlich. Jüngste Studien belegen, dass bezeichnenderweise die Innenausstattung der LZ 127 Graf Zeppelin noch einmal überarbeitet wurde: bereits im Januar 1930 erhält der Aufenthaltsraum eine neue Decke, modern gemusterte Vorhänge, eine glatt weiße Vertäfelung und moderne Heizungsverkleidung. Vor allem wird die Ordnung der Tische zugunsten einer Restaurant-ähnlichen Aufteilung verändert. Möglicherweise folgte diesem Umbau auch der Einbau einer Entlüftungsanlage. Erst ein Jahr später wurden auch die Möbelpolster ausgetauscht. Die Kritik des Deutschen Werkbunds schien also Spuren hinterlassen zu haben, auch wenn man sich in seiner Reaktion darauf nicht gerade auf Experimente einließ: Die Blümchentapeten, Brokatvorhänge und Polstermöbel wurden durch vermeintlich modernere florale und grafische Muster ersetzt, die Möbel selbst wurden jedoch nicht ausgetauscht. Der Zeppelin Konzern fuhr offenbar eine zweigleisige Strategie: Die Hindenburg als durch und durch modernes Luftschiff, die Graf Zeppelin im Stil der bürgerlichen Moderne, selbst nach ihrem Umbau.

© Archiv der Luftschiffbau Zeppelin GmbH

Einer der zahlreichen berühmt gewordenen Passagiere der Graf Zeppelin war Charles-Édouard Jeanneret-Gris, besser bekannt als Le Corbusier. Auf seiner zweiten Südamerikareise 1936 entschied er sich für die Graf Zeppelin, zu jenem Zeitpunkt bereits mit „moderner Ausstattung“. Im Vergleich zur Hindenburg musste ihm diese jedoch merkwürdig anachronistisch vorkommen.

Experimente mit Stahl als Möbelwerkstoff sind bereits Mitte des 19. Jahrhunderts nachweisbar, der erste allein aus einem Rohr gebogene Stuhl stammt jedoch aus dem Umfeld des Dessauer Bauhauses. Mart Stams Entwurf eines Stuhls ohne Hinterbeine von 1925 besteht noch aus Heizungsrohren, erst sein zwei Jahre späterer Entwurf ist ganz aus einem Stahlrohr gefertigt. Allerdings wies dieser nicht die federnden Eigenschaften von Mies van der Rohes Freischwingers MR 20 auf, als beide ihre Stühle erstmals auf der Weißenhofausstellung 1927 präsentierten. Van der Rohe zeigt den MR 10 und den MR 20 wenig später auch auf dem Messestand der deutschen Seidenweberindustrie in Berlin. Der als Café Samt und Seide berühmt gewordene Stand war zugleich die erste öffentliche Zusammenarbeit van der Rohes mit Lily Reich.

Reich, Lilly (1885-1947): Women’s Fashion Exhibition (Die Mode der Dame), Berlin, Germany. View of the Velvet and Silk Cafe, 1927. New York, Museum of Modern Art (MoMA). Gelatin silver print, 8 x 10″ (20.3 x 25.4 cm). Mies van der Rohe Archive, gift of the architect. Acc. n.: AD531. © 2018. Digital image, The Museum of Modern Art, New York/Scala, Florence

Jene berühmt gewordene Zusammenarbeit findet sich heute in Form einer Installation von Erika Hock im Zeppelin Museum wieder. Die Fadenvorhänge der Künstlerin sind Teil der Ausstellung „IDEAL STANDARD. Spekulationen über ein Bauhaus heute“ und schlagen einen Kreis um die Zusammenhänge des Museums und seiner Geschichte.


Dominik Busch studierte Literaturwissenschaften, Kunst und Kunstpädagogik in Wuppertal und an der Kunstakademie Düsseldorf. Von 2012 bis 2014 forschte er zu kuratorischen Konzepten der 90er Jahre an der Universität zu Köln. Danach arbeitete er für Esther Schipper, Berlin, und als Künstlerassistent für AA Bronson. Von 2017 bis 2018 war er wissenschaftlicher Volontär der Abteilung Kunst am Zeppelin Museum Friedrichshafen und leitet dort seit Juni 2018 die Abteilung Diskurs & Öffentlichkeit. Zusammen mit Erika Hock kuratiert er die Ausstellung „IDEAL STANDARD. Spekulationen über ein Bauhaus heute“, die am 29.11.2018 eröffnet.

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