VIPs im Zeppelin: Erste Nordamerikafahrt des LZ 127 „Graf Zeppelin“ am 11. Oktober 1928

Eine illustre Gesellschaft
Reich, schön, wichtig oder berühmt waren diejenigen, die sich eine Passage im Zeppelin leisten konnten.
Dr. Hugo Eckener, Kommandant des LZ 127, hatte zur Finanzierung der ersten Nordatlantikfahrt neben großer Mengen Luftpost auch zahlende Fahrgäste zugelassen. 3000 Dollar kostete die Reise über den Atlantik.

Ernst A. Lehmann, der auf dieser Fahrt neben Hans Curt Flemming und Hans von Schiller als Wachoffizier dabei war, zählt die Passagiere auf:

„Die Hearstpresse, deren Chefkorrespondent Carl von Wiegand ist, sichert sich die Bordberichterstattung für Amerika, Scherl und Ullstein für Deutschland; zwei amerikanische und zwei deutsche Journalisten, zwei Maler und zwei Filmoperateure machen die Überfahrt mit. Einer der beiden Maler ist Eckeners Flensburger Landsmann Professor Dr. e. h. Ludwig Dettmann, der auf dieser Ozeanreise eine Bildermappe voll starker und farbensprühender Impressionen geschaffen hat.  […]
Zwei Amerikaner, der Großindustrielle Dr. Reiner, dem auch eine Fabrik in Chemnitz gehört, und der Rentner Gilfillan, in der Schweiz ansässig, lassen sich den Kabinenplatz je 3000 Dollar kosten. […]
Die Reichsregierung entsendet zur Teilnahme einen Vertreter des Reichsrates, der sogar Minister ist, und drei des Reichsverkehrsministeriums, nämlich den Ministerialdirigenten Dr. Brandenburg, einen Meteorologen und einen Mitarbeiter der Deutschen Versuchsanstalt für Luftfahrt.“

Die Ufa hatte den Kameramann Hans Rudolf Meyer mitgeschickt, für den Scherl-Verlag waren der Jounalist Rolf Brandt und der Maler Ludwig Dettmann mit an Bord, für Ullstein Walther Kleffel und der Zeichner Theo Matejko.

Von deutscher Regierungsseite waren neben dem Ministerialdirigenten Brandenburg noch der preußische Innenminister Albert Grzesinski und Regierungsrat Dr. Rudolf Benkendorff an Bord. Lehmann zählt weiter auf:

„Die Telefunken-Gesellschaft und Zeiß lassen auf Fahrt Versuche mit Kurzwellensendern und optischen Apparaten ausführen. Die Versicherungsgesellschaft Allianz versichert sich durch einen ihrer Direktoren über den Sicherheitsfaktor im Luftschiff, um hernach die anfangs noch sehr hohen Versicherungsquoten herabzusetzen.

Als Gäste folgen der Einladung zur Mitfahrt Graf Brandenstein-Zeppelin, der Schwiegersohn des alten Grafen, Oberst Herrera, der um das Zustandekommen der Südamerikalinie bemühte Leiter der spanischen Luftfahrtgesellschaft Colon, und Commander Rosendahl.“

Wer aufmerksam gelesen hat, wird bemerkt haben, dass bislang ausschließlich männliche Gäste aufgezählt worden sind. Doch immerhin gab es mit Lady Grace Hay Drummond-Hay wenigstens eine Quotenfrau auf der ersten Nordatlantiküberquerung des LZ 127. Die Lady erfüllte dann sogar schon vor dem Start des Luftschiffs ein weibliches Klischee, wie Lehmann zu berichten weiß:

„Als das Luftschiff schon ausgebracht werden soll, stellt sich heraus, daß die einzige mitfahrende Dame, die Journalistin Lady Drummond Hay, im Hotel mit ihrer Toilette noch nicht fertig ist und fehlt. Atemlos kommt sie mit ihrem Kollegen Carl von Wiegand, der sie nicht im Stich gelassen hat, angelaufen, wird, da die Einstiegstreppe schon entfernt worden ist, durch die Gondeltür an Bord gehoben und jammert, kaum oben, zum Kabinenfenster hinaus: ‚Um’s Himmels willen, mein Mantel!‘ Die Schiffsleitung ist galant genug, durch Schnellauto auch den vergessenen Mantel noch aus dem Kurgartenhotel herbeizuschaffen; dann endlich kann sich der Koloß, von Schillers Pfeife dirigiert, an Seilspinne und Laufkatze in Bewegung setzen.“

Diese Episode kommentiert der mitreisende Journalist und Schriftsteller Rolf Brandt etwas genervt in seinem Reisetagebuch mit folgenden Worten:

„Ein kleines Intermezzo, wie die englische Kollegin, Lady Drummond-Hay, im letzten Moment – ach, diese Frauen herangestolpert kommt, und wie sie es fertig bringt, sich sogar den vergessenen Mantel noch nachbringen zu lassen.“

Zeppelinarchivarin Barbara Waibel beschreibt in ihrem Buch „Zu Gast im Zeppelin“ den deutsch-amerikanischen Textilmaschinenfabrikanten Dr. Rudolf Reiner als heiteren und kontaktfreudigen Reisegenossen, während der Rentner Frederick Gilfillan das absolute Gegenteil gewesen sei:

„Er blieb für sich, sprach wenig und wenn, dann nörgelte er. Ganz besonders schimpfte er über das Rauchverbot an Bord, für das er überhaupt kein Verständnis aufbringen konnte. Es hieß, er sei ein sehr starker Raucher, der täglich bis zu 100 Zigaretten konsumierte.“

Blitzlichtgewitter und surrende Kameras
Begeisterte Einheimische und teilweise sogar aus dem Ausland angereiste Schaulustige bejubelten den Zeppelin, der am 11. Oktober 1928 – es war ein Donnerstag – um 7:54 Uhr aufstieg. Fotografen und Presseleute aus aller Welt dokumentierten das Geschehen.

Als erstes bezogen die Passagiere ihre Kabinen und packten ihre Koffer aus. Anschließend, schreibt Barbara Waibel,

„versammelten sie sich in dem behaglichen rot-goldenen Salon und gaben sich ganz dem Genuss des Reisens in einem Zeppelin hin. Auf bequemen Stühlen vor den Fenstern sitzend, zog die herrlichem Landschaft wie ein Wandelpanorama unter ihnen vorüber. […]
Um ein Uhr wurde die erste warme Mahlzeit serviert. Der Steward und sein Gehilfe deckten die Tische mit dem geschmackvollen Bordporzellan, das die Firma Heinrich in Selb gestiftet hatte. Jeder Gast erhielt eine Serviette mit eigenem Ring. Die ersten Flaschen wurden entkorkt. […]
Das Mittagsmenü bestand aus einer kräftigen Fleischbrühe, einem Schmorbraten als Hauptgang und Kompott oder frischem Obst als Dessert.“

Rolf Brandt saß mit Lady Drummond-Hay, Carl von Wiegand, Ludwig Dettmann, dem Zeichner Matejko und Oberst Herera am Tisch. Brandt schreibt:

„Wir hatten den runden Ecktisch, der sich auf der linken Seite gleich neben dem Gang zur Küche und zur Funkstation befindet. Wir beschließen, unseren Tisch während der Fahrt beizubehalten.“

Nach dem Essen zogen sich einige der Fahrgäste zu einem Mittagsschlaf in ihre Kabinen zurück, andere schlenderten durch das Luftschiff oder plauderten im Salon. Alle erfreuen sich an der Schönheit der vorbeiziehenden Landschaft. Nach dem Abendessen kommen sich die Gäste näher. Rolf Brandt:

„Man nimmt ein Glas Bordeaux. Beschwingter vom Erlebnis als vom Wein trinken sich die Tische einander zu. Man fühlt, wie Kameradschaft wächst.“

„Erinnerungsfleck“
Die Fahrt über den Ozean verlief nicht ohne Turbulenzen. Als der Zeppelin über den Azoren von einem starken Westwind ergriffen wurde, schüttelten die Böen das Luftschiff hin und her, hoch und runter.

Hugo Eckener schreibt in seinem Fahrtbericht, wie sich das Luftschiff plötzlich verhielt:

„Es steckte zunächst die Nase weg, richtete sich dann aber schnell wieder auf und wurde in einer Schräglage von etwa vierzehn bis fünfzehn Grad je um etwa einhundertfünfzig Meter emporgerissen. Ein solcher Vorgang ist durchaus nichts Ungewöhnliches.“

Diese nüchterne Einschätzung Eckeners galt aber nicht für die Fahrgäste. Barbara Waibel über die Auswirkungen:

„Sie hatten sich gerade zum Frühstück im Salon eingefunden, als sich das Luftschiff aufbäumte. Tassen, Teller, Kaffeekannen fielen samt Inhalt mit großem Getöse von den Tischen und geradewegs auf einige Passagiere, die sich nicht mehr rechtzeitig in Sicherheit bringen konnten. Besonders stark in Mitleidenschaft gezogen wurde der preußische Innenminister: ‚Auf mich kamen Teller, Sahnetopf, Wurst, Butter und belegte Brote. – Das Tablett stand gerade vor mir auf meinem Tisch. Kein Wegspringen schützte vor den einstürzenden Ereignissen! Es war nicht gerade schön. Es wurde alles schnell aufgeräumt und abgewischt. Doch es hat viel Scherben, auch in der Küche, gegeben. Und einen Erinnerungsfleck auf meinem braunen Anzug.‘ Der Zwischenfall hatte allen einen gehörigen Schrecken versetzt.“

Havarie
Die Zeppeliner und ihre Passagiere mussten mitten im Atlantik, genau zwischen Afrika, Nord- und Südamerika, mit weiteren Schwierigkeiten kämpfen: Bei der hinteren Stabilisierungsflosse war die Bespannung zerrissen und der Bezug flatterte in Fetzen im Fahrtwind. Das Schiff drohte, manövrierunfähig zu werden.

Rolf Brandt beschreibt die Szenerie:

„Eckener, ruhig wie immer, kommt auf einen Augenblick in den Salon. Sitzt mit ernstem Gesicht auf der Sofabank, die der Stammplatz von dem Minister ist. Eckener sagt, daß er nach Washington gefunkt und um Entsendung eines schnellen Torpedobootes gebeten habe. Der Salon wird leer… Es wird unerträglich warm. Über dreiundzwanzig Grad Celsius. Die Schiffsuhr zeigt zehn Uhr fünfzehn. […]
Regen schlägt gleichmäßig gegen die Scheiben. Vorläufig wird es kein warmes Essen geben, sagt der Steward mit unangenehmer Wichtigkeit. Wir Passagiere sagen es natürlich einander nicht – aber man ist ein bißchen beklommen…“

Immer wieder ließ der Schiffsführer die Motoren drosseln und in luftiger Höhe begannen die Reparaturen. Die Männer wären bei einer raschen Geschwindigkeit sonst von der Stabilisierungsflosse geweht worden.

Nach rund fünf Stunden war alles soweit notdürftig repariert, dass der Zeppelin weitgehend mit normaler Geschwindigkeit weiterfahren konnte. Eckener funkte an die Marine, das Rettungsschiff nun doch nicht mehr zu benötigen. Im Fahrtbericht schreibt er:

„Über die Ursachen, die zum Platzen des Stoffbezuges führten, herrscht noch nicht volle Klarheit. Ich persönlich bin folgender Ansicht: Als das Luftschiff in der Regenbö rapide hoch ging, entstand in der hinteren Stabilisierungsflosse wie im ganzen Schiff natürlich ein Überdruck, der durch die Ventilationsklappen ausgeglichen werden mußte. Gleichzeitig, so vermute ich, wird in einer bestimmten starken Schräglage des Schiffes an der unteren Seite der Stabilisierungsfläche ein starker Unterdruck, ein Sog, sich gebildet haben, der im Verein mit dem Überdruck die Wirkung hatte, die untere Stoffbespannung von den Trägern, an denen sie befestigt ist, abzulösen oder ‚abzusaugen‘. Dabei ist der Stoff geplatzt. Möglicherweise ist an der Platzstelle ein Webefehler oder eine Beschädigung vorhanden gewesen, die zum Zerplatzen beitrug.“

Amerika!
Trotz weiterer zahlreicher Turbulenzen und widriger Wetterbedingungen erreichte LZ 127 „Graf Zeppelin“ glücklich die amerikanische Küste.

Rolf Brandt beschreibt die fiebrige Stimmung der Passagiere und den euphorischen Empfang:

„Unten, alle Dampfsirenen heulen, das Weiße Haus. Tausende von Menschen, das Capitol. Viele Fahnen wehen, es ist, als ob ein Brausen heraufdringe. […]
Die Passagiere werden übermütig, sie gründen den Zeppelin-Club, dem jeder beitreten kann, der den Ozean im Zeppelin überquert hat. Dr. Eckener wird das Ehrenpräsidium angeboten. Er nimmt es lächelnd an, mit dem freundlichen Ausdruck eines Erwachsenen, der Kindern gern einen Gefallen tut. […]
Hundert Dampfer auf dem Delaware, tausend Fabriken, alles dröhnt seine Freude empor. Die Wolkenkratzer. Dächer schwarz von Menschen. Alles nur Auftakt für New York, das wir im letzten Licht des Tages erreichen. Der Verkehr auf den riesenlangen Straßen steht still. Das Gebrause des Hafens und der Stadt ist ungeheuer. Flugzeuge umkreisen uns wie Vogelschwärme. Eckener und alle Schiffsoffiziere stehen im Vorderraum des Führerstandes. Wir fliegen genau über die Freiheitsstatue. Es ist ein feierlicher Augenblick, wir werden alle still und ergriffen.“

111 Stunden und 44 Minuten nach seinem Start in Friedrichshafen landete LZ 127 „Graf Zeppelin“ glücklich in Lakehurst.


Mehr Infos: Hugo Eckener: Die Amerikafahrt des „Graf Zeppelin“, Ernst A. Lehmann: Auf Luftpatrouille und Weltfahrt, Barbara Waibel: Zu Gast im Zeppelin.

Fotos: © Archiv der Luftschiffbau Zeppelin GmbH

 

1 Kommentar

  1. Ingeborg Cleiss Antworten

    Danke. – Tolle Beiträge und wieder mal „neue Erkenntnisse“. Hat Spaß gemacht!

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