Es muss nicht immer Technik ODER Kunst sein

Technik und Kunst. Auf den ersten Blick scheinen die beiden Disziplinen nicht besonders viel gemeinsam zu haben. Man würde sogar sagen, dass sie gegensätzlich sind. Schließlich schreibt man der Technik im Allgemeinen eher Rationalität und Funktionalität zu. Der Kunst hingegen Schönheit und Kreativität. Doch stimmt das auch? Sind diese beiden Bereiche tatsächlich so klar zu trennen?

Naja, nicht unbedingt. Schaut man nämlich zurück in der Geschichte, entdeckt man eindeutige Verbindungen. Nicht ohne Grund kann man ja auch von technischer Kunst, Kunsttechniken oder kunstvoller Technik sprechen. Allein bei einer etymologischen Betrachtung ist festzustellen, dass im Grunde unsere heutigen Begriffe „Technik“ und „Kunst“ beide vom griechischen Wort „téchnē“ abgeleitet werden beziehungsweise darin ihren Ursprung haben. Unter anderem wird „téchnē“ so auch mit „Handwerk“ übersetzt. Und darin findet sich nun auch die frühere Verbindung. Etwa bis ins 18. Jahrhundert wurden beide Bereiche kaum voneinander getrennt und es war nicht ungewöhnlich, wenn ein Techniker gleichzeitig auch Künstler war und umgekehrt. Als sehr bekanntes Beispiel kann man dafür Leonardo da Vinci nennen. An ihm als Universalgelehrten des späten 15. und frühen 16. Jahrhunderts sieht man bis heute, wie Kunst und Technik verbunden werden können. Schließlich werden seine technischen Zeichnungen nicht nur als Zeugnis der Technik in der Renaissance gesehen, sondern sind auch künstlerisch wertvoll.

Das Verbindungsglied Architektur
Aber eine eindeutige Verbindung von Technik und Kunst spiegelt sich selbstverständlich auch in der Architektur. Schlösser, Kirchen oder auch Gärten zeugen von einer einzigartigen Zusammenarbeit von technischem Können und künstlerischer Ausgestaltung. Ob auch bei der heutigen Architektur noch von wahrer Baukunst gesprochen werden kann, ist eine Frage der Sichtweise. Zum Beispiel spalten sich die Meinungen, ob ein modernes Hochhaus nun architektonisch schön ist oder doch nur seinen Zweck erfüllt.

Doch das sind nicht die einzigen Überschneidungen der Disziplinen. So diente und dient die Technik noch heute auch als beliebtes Thema in der Kunst. Vor allem zur Zeit der Industriellen Revolution gab es eine Faszination für die neu aufgekommenen Maschinen und die sich ergebenden bildnerischen Möglichkeiten. Viele Künstler nutzten die Eisenbahn als Inspiration für ihre Kunstwerke.

Technik als Wegbereiter der Abstraktion
Nicht nur als inhaltlichen Gegenstand beeinflussten technische Erfindungen die Kunstwelt, sondern auch im Hinblick auf das Entstehen und Entwickeln neuer Kunstrichtungen. Besonders deutlich wird das am Beispiel des Fotoapparates, von dem viele anfangs überzeugt waren, er bilde die reine Wirklichkeit ab. Dadurch sprach man regelrecht von einer Befreiung der Kunst von ihrem Realitätszwang, was ihr eine neue Hinwendung zur Abstraktion und Neuinterpretation der bekannten Welt erlaubte. Auch wenn die Möglichkeiten der Bildmanipulation diese Ansicht bald darauf wieder abschwächen sollte. Doch besonders heute, im Zeitalter der Digitalisierung, ist es immer noch die Technik, die der Kunst ganz neue Sparten und Themen eröffnen kann. Virtuelle Realitäten sind dabei nur ein Beispiel von vielen. Umgekehrt kann die Kunst hingegen auch Einfluss auf die Technik nehmen. Immerhin steht bei der Technik nicht mehr nur die reine Funktion im Vordergrund, sondern auch ästhetisch muss diese inzwischen einigen Ansprüchen genügen. Schließlich funktioniert ein Telefon unabhängig davon, wie hübsch es ist.

Trotzdem scheinen Kunst und Technik heute oft weiter getrennt denn je. Durch immer mehr Spezialisierungsgebiete, sowohl in der Technik als auch in der Kunst, gibt es seltener Künstler, die zugleich auch Techniker sind oder umgekehrt. So kommt es zu einer eindeutigeren Trennung zwischen der scheinbar berechenbaren Technik und fantasiegeleiteten Kunst.

Technik und Kunst unter einem Dach
Anders ist es hingegen im Zeppelin Museum Friedrichshafen. Hier werden Technik und Kunst auf eine besondere Weise verbunden. Man erwartet hier vielleicht nur eine rein technische Ausstellung zur Luftschifffahrt. Nichtsdestotrotz wird hier auch eine einzigartige Kunstsammlung präsentiert, die sich nicht hinter der technischen verstecken muss.

Die Abteilung Zeppelin (Technik) beinhaltet eine Dauerausstellung der weltweit größten Sammlung der Luftschifffahrt. Auch wenn es sich um eine permanente Ausstellung handelt, kommen stets mal wieder neue Objekte dazu oder es wird von Zeit zu Zeit etwas umgebaut und neugestaltet. So lohnt sich auch durchaus ein erneuter Blick. Zu sehen gibt es daher vieles, immer rund um das Thema Zeppelin, Luftschifffahrt und Technik.

Von der Abteilung Kunst hingegen gibt es keine dauerhafte Ausstellung. Stattdessen wird die Kunstsammlung, die unter anderem viele Werke von den größten Meistern aus Süddeutschland vom Mittelalter bis zur Neuzeit und auch zeitgenössische Kunst beherbergt, in Sammlungspräsentationen und Wechselausstellungen zu zeitgenössischer Kunst unter immer neuen Aspekten gezeigt.

So könnte man auch hier zunächst von einer klaren Aufteilung zwischen Technik und Kunst ausgehen. Doch um eben diese besondere Verbindung im Museum sichtbar zu machen, werden Ausstellungen erarbeitet, die beide Themen auf eigene Weise miteinander verbinden. Zuletzt war es die Ausstellung „Kult! Legenden, Stars und Bildikonen“ im Jahr 2017. Darin verknüpften die Kuratoren historische Kulte rund um das Thema Luftschiff mit Neuinterpretationen des Begriffes Kult von Künstlern der Gegenwart. 2019 folgt dann die Ausstellung „Game of Drones. Von unbemannten Flugobjekten“, in der unter anderem verschiedene Dimensionen der Drohnentechnologien gezeigt werden sollen und auf die breiten Einsatzmöglichkeiten eingegangen wird.

Sammlungsschwerpunkte Luftschifffahrt und Kunst
Doch wie kam es überhaupt dazu, die beiden Abteilungen des Museums (Kunst und Technik) in Form von Wechselausstellungen zu verbinden?

Diese und eine weitere Frage wird hier jetzt direkt von der Direktorin, Dr. Claudia Emmert, beantwortet:

„Wir sind ein Zwei-Sparten-Haus, mit den Sammlungsschwerpunkten Luftschifffahrt und Kunst. Als ich hier 2014 angefangen habe, hat sich das noch nicht schlüssig in einer Profilierung des Museums ausgedrückt. Insofern lag es nahe, in einer technikorientierten Gesellschaft wie unserer die beiden Schwerpunkte inhaltlich miteinander zu verbinden, was sich dann auch als sehr fruchtbar erwies.“

Und wie werden dabei die Themen ausgewählt? Zum Beispiel konkret bei „Game of Drones“?

„Ich lese sehr viele Zeitungen und Magazine und versuche gesellschaftlich relevante Themen zu finden. Das ist der Schwerpunkt meiner konzeptionellen Ausrichtung. Bereits in Erlangen habe ich am Kunstpalais solche Themen bearbeitet, wie „Freiheit“, „Töten“ oder „Affekte“. In Friedrichshafen waren es „Möglichkeit Mensch“ und „Kult“, jetzt befassen wir uns mit Drohnen und 2020 mit Künstlicher Intelligenz.“

Inhaltliche Ergänzungen und inspirierende Gegensätze
Wie ist jedoch die Sicht eines Kurators, einer Kuratorin auf eine solche Ausstellung? Dazu im Folgenden Jürgen Bleibler, Leiter der Abteilung Zeppelin, und Ina Neddermeyer, Leiterin der Abteilung Kunst im Zeppelin Museum Friedrichshafen.

Wie gehen Sie als KuratorIn der Abteilung Zeppelin bzw. Kunst an eine Ausstellung heran, die nicht nur Ihren Fachbereich, sondern auch die Kunst bzw. Technik miteinbezieht?

Jürgen Bleibler: „Die Zeppelin Abteilung entwickelt zu dem gemeinsam beschlossenen Gesamtthema ihren Beitrag, mit dem sie aus der Sicht von Luftfahrtgeschichte und aktueller Technik ihren Blick auf das Thema richtet. Die interdisziplinären Wechselausstellungen entwickelten sich im Lauf der Jahre natürlich auch weiter und beim aktuellen Projekt „Game of Drones – Von unbemannten Flugobjekten“ sind wir jetzt soweit, dass wir die sich ergänzenden Positionen und Erzählungen zum ersten Mal transdisziplinär miteinander verzahnen werden. So entstehen inhaltliche Ergänzungen ebenso wie inspirierende Gegensätze in einer besonders spannenden Ausstellung.“

Ina Neddermeyer: „Das wichtigste ist natürlich erstmal ein Thema zu finden, das für beide Abteilungen anschlussfähig ist. Welche Fragestellung ist gesellschaftlich so relevant, dass sich sowohl aus der technikhistorischen als auch künstlerischen Perspektive interessante Fragestellungen ergeben.“

Und auf eine weitere Frage, welche Herausforderungen und/ oder Möglichkeiten sich ihnen dabei konkret stellen, antworteten sie:

Jürgen Bleibler: „Eine Herausforderung ist es sicher, sich inhaltlich mit Themen zu beschäftigen, die in dieser Form und Dichte in Ausstellungen bisher noch nicht gezeigt wurden, wie beim Thema Kult oder aktuell beim Thema Drohnen. Wir bearbeiten das Phänomen des unbemannten Fliegens exemplarisch durch alle Systeme und Zeiten der Luftfahrtgeschichte bis in die Gegenwarte und fragen nach historischen Einschnitten, Motivationen, Grenzen, aktuellen und zukünftigen Möglichkeiten und Risiken.“

Ina Neddermeyer: „Transdisziplinäre Ausstellungen ermöglichen eine ganzheitliche Auseinandersetzung mit einem Thema. Das eröffnet große Potentiale aber auch viele Herausforderungen. Die größte Herausforderung ist es wohl die verschiedenen Exponate sinnvoll zusammenzubringen: Wie kann beispielsweise eine Simpsons-Folge mit einem Fesselballon, mit Anti Drone Fashion und einem traditionellen malaysischen Wau-Drachen verknüpft werden? Das sind in der Praxis dann ganz konkrete Fragen, mit denen wir uns auseinandersetzen müssen.“

Perspektiven erweitern und zu kritischem Denken anregen
Schließlich bleibt zu fragen, welche neuen Sichtweisen sich für die Besucher einer Ausstellung, die Kunst und Technik verbindet, ergeben können. Oder auch welcher Mehrwert sich für diese daraus ziehen lässt. Die Antworten darauf im Folgenden von Frau Dr. Emmert, Herrn Bleibler und Frau Neddermeyer.

Dr. Claudia Emmert: „Diese Ausstellungen sollen die Perspektive der Menschen auf Themen oder Dinge erweitern, unsere Ausstellungen werfen Fragen auf – und vermeiden vorschnelle Antworten. Denn wir wollen die Menschen dafür sensibilisieren, Entwicklungen zu erkennen, sie aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten und dann erst Schlüsse daraus zu ziehen. Und zwar die eigenen, keine vorgegebenen.“

Jürgen Bleibler: „Wir wollen ja zunächst einmal alle Menschen erreichen. Mit einer solchen Ausstellung haben wir die realistische Chance sehr viele unterschiedliche Besuchergruppen direkt anzusprechen. Die Themen sind spannend, ebenso historisch wie aktuell, und richten sich an Kunst- und Technikinteressierte ebenso, wie sie für jeden spannend sind, der sich für Veränderungen in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft interessiert. Und ebenso wie Technikbegeisterte durch eine künstlerische Arbeit zu kritischem Denken angeregt werden, ist es auf der anderen Seite für das Kunstpublikum vielleicht bereichernd, mehr über Technik in ihren historischen, funktionalen, gesellschaftlichen und kulturellen Zusammenhängen zu erfahren.“

Ina Neddermeyer: „Ein Thema aus ganz verschiedenen Richtungen zu betrachten, ist für BesucherInnen natürlich extrem spannend. Nicht nur eine technikhistorische Perspektive, sondern auch ein künstlerischer Blick auf Fragestellungen kann ganz neue Bezüge oder Querverbindungen herstellen, an die man vorher noch gar nicht gedacht hat.“

Technik und Kunst. Oder vielmehr Technik mit Kunst und Kunst mit Technik. Beides findet sich gemeinsam im Zeppelin Museum Friedrichshafen wieder. Man kann hier wohl von einer gelungenen Verbindung sprechen, die noch auf viele spannende Ausstellungen hoffen lässt.


Mareike Seethaler studiert Wissenschaft-Medien-Kommunikation am KIT in Karlsruhe seit Oktober 2016. Studienbegleitend war sie von Ende August bis Anfang Oktober Praktikantin in der Abteilung Kommunikation im Zeppelin Museum.

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