HEUTE VOR 110 JAHREN LZ 4 – das Schicksalsschiff – Teil 3

LZ 4, von einigen auch als Z II oder „Modell 1908“ bezeichnet, war das Luftschiff, das in der Zeppelingeschichte einen Wendepunkt markiert. Hier findet Ihr seine Geschichte – erzählt in vier Teilen von unserer Bloggerin Sabine Ochaba.

Teil 1 und 2 sind hier nachzulesen: http://blog.zeppelin-museum.de/2018/08/01/vor-110-jahren-lz-4-das-schicksalsschiff/ und http://blog.zeppelin-museum.de/2018/08/03/vor-110-jahren-lz-4-das-schicksalsschiff-teil-2/

Die große Schicksalsfahrt

Am Morgen des 4. August 1908 begann die langersehnte, später legendär gewordene 24-stündige Dauerfahrt des LZ 4. Luftschiffkapitän Georg Hacker schildert die Ereignisse:

„Dienstag den 4. August morgens um 3 Uhr 30 radelte ich voll innerer Freude und Spannung nach Manzell. Am wolkenlosen Himmel funkelten die Sterne, die Luft war kühl und feucht. In ihrem höchsten Glanz erschaute ich als Morgenstern die Venus, als ich ins Boot stieg, um von der Werft in die Schwimmhalle überzusetzen. In der Umgebung dieses mächtigen Gestirns hatte der Himmel schon eine hellere Färbung angenommen, so daß die anderen Sterne verblaßten und der kommende Tag sich ankündigte. Morgenstart, dachte ich, das ist das rechte, da werden wir es schaffen.“

Hugo Eckener lässt in seinem Büchlein „Graf Zeppelins Fernfahrten“ einige Teilnehmer der Schicksalsfahrt zu Wort kommen:

„Heimlich hatte Graf Zeppelin die Vorbereitungen zu dieser Fernfahrt getroffen. Kurz nach 4 Uhr in der Frühe am 4. August 1908 verliess er mit seinem Stabe das ‚Deutsche Haus’ und bei dunkler Nacht ging es in der kleinen ‚Württemberg‘ auf den schweigenden See hinaus nach Manzell.“

Kapitän Hacker beschreibt die letzten Arbeiten vor der Fahrt:

„Schon legten die Zimmerleute die hintere Abschlusswand der Halle nieder und den Mittelboden aus. Am Luftschiff zurrten die Schneider noch die Außenhülle zu, die Monteure ließen die Motoren leer laufen.

Um 5 Uhr 30 wurde Z II zu Wasser geführt und abgewogen. Die Besatzung wurde gebildet vom Grafen, Oberingenieur Dürr, den Kapitänen Hacker und Lau und den Monteuren Laburda, Schwarz und Grözinger, dem Ingenieur Stahl und den Monteuren Kast und Hohlfeld. Es schlossen sich noch an Freiherr v. Bassus und der junge Graf.“

[Anm. d. Red.: Gemeint ist hier Graf Ferdinand von Zeppelin Junior, ein Neffe des Grafen, der zudem Ingenieur von Beruf war.]

Die Mitreisenden erzählen: „Während die letzten Arbeiten am Schiffe vollzogen wurden, verstaute man Passagiergut und Proviant in den Gondeln, die Mitfahrenden begaben sich auf ihre Plätze im Luftschiff und kurz nach 6 Uhr sah man den langen Leib des Fahrzeugs aus seiner Halle hervortauchen. Die wenigen Boote, die ringsum sich zu der frühen Stunde eingefunden hatten, grüssten still und freundlich. Ein Stückchen liess man das Schiff vom Wind in den See hinaustreiben, dann begannen die Schrauben zu arbeiten und majestätisch stieg der gelbe Wundervogel sicher in die Luft empor.“

Noch poetischer skizziert Georg Hacker den Start der Dauerfahrt:

„Der Himmel war rein wie Kristall und die Fernsicht gut. Nur im Westen und Norden war der Horizont ein wenig diesig. Die Alpenkette leuchtete traumschön in der Morgensonne. 6 Uhr 14 begann die Ausfahrt, 6 Uhr 22 stieg das Luftschiff nach Abgabe von 60 Kilogramm Ballast mit beiden Motoren voraus hoch. In ruhiger gleichmäßiger Fahrt in einer Höhe von 80 Meter über dem See glitten wir über dem blauen Seespiegel dahin und ließen schnell die Schwimmhalle hinter uns. Die Motoren arbeiteten einwandfrei. Für uns war das gleichmäßige Hämmern, das sich einte mit dem zornig fauchenden Auspuffgas, dem hellen Surren der Luftschrauben und dem dumpfen Getöne der Gondel, eine köstliche, seelenberuhigende Morgenmusik.“

„Orgie des Jubels“

Obwohl der genaue Starttermin nicht angekündigt worden war, verbreitete sich die Nachricht über die Fahrt via Telefon und Telegraph wie ein Lauffeuer im gesamten deutschen Kaiserreich und sämtliche Zeitungen und Zeitschriften veröffentlichten Extrablätter über diese triumphale Fahrt.

Die Route verlief entlang des Rheins, vorbei an Konstanz, Stein, Schaffhausen, Säckingen und Basel. Obwohl Graf Zeppelin die Fahrt nicht angekündigt hatte, wurde das Luftschiff überall begeistert aufgenommen, die Menschen schwenkten Tücher, Sonnenschirme und Hüte und bejubelten frenetisch das fliegende Schiff.

Als das Luftschiff über Straßburg fuhr, waren die Reisenden vollkommen überwältigt und berichteten:

„Viel Schönes sahen wir auf unserer Fahrt, der Anblick des Münsters aber in seinem Flaggenschmuck, rauchend von den Böllerschüssen, deren Dampf das feine Filigranwerk dieses Wunderbaues wie mit einem duftigen Schleier umzog, von unten bis zur höchsten Spitze mit jubelnden, fahnenschwenkenden Menschen besetzt, wird stets am hellsten in unserer Erinnerung strahlen. Wir fuhren tief hinab und möglichst nahe an dem Turm vorbei. Eine Orgie des Jubels, ein Exzess der Begeisterung war alles, wohin wir blickten, wie über einen brausenden Ozean der Freude, des Stolzes, des Glückes, fuhren wir über dieses Strassburg hinweg, zu Tränen gerührt, kaum unserer Gefühle Herr.“

Sobald das Luftschiff die Stadt hinter sich gelassen hatte, wurde es tief unter sich von Menschen auf Fahrrädern und in Kutschen und Autos eskortiert. Als sie Mannheim erreichten, schlossen sich zahllose Schiffe dieser Eskorte an:

„Die Rheinkähne und –Dampfer, über die wir hinwegflogen, legten schnell Flaggengala an und jeder Dampfschiffführer zog spontan seine Dampfpfeife und sandte seinen Einzelgruss.“ 

Die erste Notlandung

Bis zu diesem Zeitpunkt war die Fahrt ohne Schwierigkeiten verlaufen, doch kurz vor Worms gab es Motorprobleme. Bei Nierstein setzte das Luftschiff auf dem Rhein auf, um den Defekt zu beheben. Bei der Notlandung war der Laufgang gequetscht und beschädigt worden, Aluminiumstreben ragten hervor.

Entlang des Ufers strömten auch hier die Schaulustigen zusammen. Ein junger Leutnant näherte sich dem Luftschiff, aber anstatt zu helfen, brach er ein Stück Aluminium heraus und verschwand mit seinem Souvenir.

Da das Luftschiff während der Fahrt durch die warmen Sommertemperaturen eine Menge an Gas verloren hatte, musste es sein Gewicht verringern. Kapitän Hacker, einige Monteure und Passagiere sollten beim erneuten Aufstieg nicht mehr an Bord sein. Hacker akzeptierte diese Entscheidung schweren Herzens und musste sogar noch Spott ertragen:

„Lau, der an meiner Stelle die Führung übernommen hatte, uzte mich noch. Er wies auf den beschädigten Laufgang hin und erklärte, er wäre unverheiratet und bei dieser gefährdeten Kiste am Platze. Ich als Ehekrüppel könnte froh sein, dass ich von Bord käme.“

Kurz vor Mitternacht war die Reparatur beendet und LZ 4 erhob sich wieder, um Mainz, sein eigentliches Ziel, endlich zu erreichen. Es fuhr einen großen Bogen und wendete sich dann wieder südwärts in Richtung Heimat.

 

Fortsetzung folgt…

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