Vom Zeppelin zum Auto – Eine Geschichte über Aerodynamik und Stromlinienform

Der Gaylord Gladiator ist ein Stück Zeitgeschichte, das sich in der aktuellen Ausstellung „Innovationen! Zukunft als Ziel“ hier bei uns im Zeppelin Museum wiederfindet. Nach mehreren Jahren bei einem Sammler in den USA ist dieses Auto wieder zurück in Friedrichshafen, wo es vor 61 Jahren gebaut wurde. Doch obwohl der große Teil der Aufmerksamkeit momentan auf diesem Sportwagen liegt, verbirgt die Ausstellung noch ein zweites, wenn auch ein bisschen kleineres Automobil.

Direkt zu Beginn des Rundganges geht es nach dem Zeppelin Luftschiff um die Aerodynamik, erklärt unter anderem an einem Windkanal. Schnell zu übersehen ist daher das ungefähr Unterarm lange, etwas kurios aussehende, hölzerne Modelauto. Was hat es mit diesem Fahrzeug auf sich?

Es handelt sich um das Windkanalmodel Jaray-Versuchskarosserie aus dem Jahre 1923, dessen Form, ausgehend von den aerodynamischen Prinzipien des Zeppelins, von dem idealen Strömungskörper in Bodennähe abgeleitet ist.

Wer sich jetzt fragt, was genau das heißen soll, der sei beruhigt: Es braucht ein wenig Hintergrundwissen, um zu verstehen, was es mit diesem Modell in unserer Ausstellung auf sich hat.

Am Anfang steht die Aerodynamik
Im Zentrum der Geschehnisse steht zunächst die Aerodynamik, ein Teilgebiet der Strömungsmechanik, bei dem es stark vereinfacht darum geht, die Umströmung eines Körpers durch Luft, andere Gase oder auch Flüssigkeiten in Abhängigkeit seiner Oberflächenbeschaffenheit, Form und Größe zu untersuchen.

Wenn ein solcher Körper oder auch ein Fahrzeug besonders an die Strömung angepasst ist und durch seine längliche, nach vorn abgerundete und nach hinten spitz zulaufende Form den Widerstand der Luft oder des Wassers bei der Fortbewegung verringert, bezeichnet man ihn als stromlinienförmig.

Vergleichsmodell zum Luftwiderstand in der Ausstellung „Innovationen! Zukunft als Ziel“.

Wie alles begann
Die Geschichte beginnt mit dem Österreicher Paul Jaray, der in Wien vor dem ersten Weltkrieg den Beruf des Ingenieurs erlernt. Bald ist für ihn klar, dass er sich auf den Zweig der Aerodynamik spezialisieren möchte. Zu Beginn des Krieges wird er bei den Zeppelin Werken in Friedrichshafen angestellt.

Im Kontext der damals noch bleistiftähnlich aussehenden Zeppeline und in der Zeit des „Leichter als Luft“-Fliegens, beginnt Jaray nach der bestmöglichsten Form eines Luftschiffes zu suchen. Mit Hilfe von Parametern wie Durchmesser/Dicke, Volumen, Querschnitt und Spannungs- und Belastungspunkten versucht er sich dem Problem anzunähern. Er kommt auf die Tropfen-Form, die sich durch einen dickeren anstatt einen längeren Rumpf auszeichnet. Wichtig hierbei ist, dass das ideale Verhältnis zwischen Länge und Durchmesser bei ungefähr 6:1 liegen sollte.

Um seine neuartige Theorie zu beweisen, muss er diese zunächst in der Praxis austesten, was im zweiten Anlauf gelingt und die Erwartungen sogar übertrifft. Im 1921 gebauten Windkanal in Friedrichshafen kann er Modellversuche zu der Halle mit Windlenktoren machen, um die Wechselwirkung zwischen Windrichtung, Halle und Luftschiffkörper genau studieren zu können. 1916 wird Jaray zum Oberingenieur ernannt und kreiert und beeinflusst mit seinen verbesserten Formen das Aussehen der Zeppeline bis hin zur Hindenburg.

Der Fokus verschiebt sich
Mit dem Ende des ersten Weltkriegs verschiebt sich Jarays Fokus in Richtung Automobil, dessen Aufbau er anhand eines Models im Windkanal testet und die optimalen Strömungs-verhältnisse zwischen Fahrzeug-unterseite und der Fahrbahn bestimmt. Unter Einbezug neuer Materialien in der Automobilherstellung, wie Stahl und Aluminium, kann Jaray bereits 1921 einen ersten Prototyp präsentieren. Er möchte damit die Stromlinienform in den Personenkraftwagen integrieren. Ihm ist hierbei klar, dass er in seine Modelle neben Geschwindigkeit und effizientem Fahren auch ästhetisches Aussehen, praktische Anwendbarkeit und Fahrkomfort als relevante Komponenten miteinbeziehen muss. Ein wichtiger Aspekt in der Aerodynamik der Fahrzeuge ist auf den damals noch unbefestigten Straßen auch das vermindern des Aufwirbeln von Staub.

So verlässt er schließlich im Jahr 1923 die Luftschiffbau Zeppelin GmbH und gründet in der Schweiz seine eigene Firma. Angetrieben von dem Erfolg, den das Tropfen-Design mittlerweile nicht nur in der Automobilbranche, sondern auch bei Küchengeräten, Mobiliar, Wohnwagen und Lokomotiven feiert, beginnt Jaray besonders orientiert in Richtung USA nach einem Automobilkonzern zu suchen, der seine Ideen realisieren möchte.

Es gelingt ihm trotz seinen Bemühungen „nur“ die tschechische Firma Tatra von seinen Plänen zu überzeugen. So wird 1934 das Model Tatra 87 vorgestellt, ausgestattet unter anderem mit integrierten Frontscheinwerfern und einem abgeschrägten Heck. Es ist das erste in Serie gebaute Automobil der Mittel- bis Oberklasse in Stromlinienform.  Aufgrund der wirtschaftlichen Situation und der hohen Kosten kommt dieses Unterfangen trotz aller Bemühungen nicht über eine kurze, experimentelle Phase hinaus.

Konkurrenz aus Übersee
Der aus Österreich stammende Ingenieur war allerdings nicht allein in der neu entstandenen Branche. Auch Firmen wie Chrysler, gegen die Jaray sogar ein Verfahren anstrebt, beginnen mit der Produktion stromlinienförmiger Autos. Doch es fehlt immer noch an bezahlbaren Modellen, hinzukommt außerdem, dass sie dem gängigen Geschmack des Publikums zu diesem Zeitpunkt voraus sind.

Im selben Jahr, in dem Jaray mit der Produktion des ersten Wagens in Zusammenarbeit mit Tatra anfängt, beginnt in New York die Firma Chrysler mit dem Model Chrysler Airflow erste Erfolge zu feiern. Der Konstrukteur Charles Breer hat sich mit seinem Design von Flugzeugen inspirieren lassen und bringt 1935 die ersten Serienmodelle für Chrysler auf den Markt. Das wiederum führt zu einem Hype unter Autoherstellern und bereits ein Jahr später haben über sechs weitere große Marken stromlinienförmige Modelle veröffentlicht. Es ist eine Ära des Aufbruchs, neuen Wohlstandes und hoher Geschwindigkeit.

Die Zukunft in Form einer Zitronenpresse
So skeptisch der Durchschnittskonsument der fremden Form der Autos in den zwanziger und dreißiger Jahren noch gegenübersteht, so hoch loben sie die Tagesblätter und Zeitungen. Es entsteht eine Art Missverständnis beruhend auf der äquivalent verwendeten Bezeichnung der Stromlinienform als Tropfen-Form, die Einzug gehalten hatte in Eisenbahn-, Automobil- und Luftverkehr. Denn die Form eines (Regen-)Tropfens in der Natur unterscheidet sich wesentlich von der neu entdeckten Stromlinienform.

Neben Ingenieuren, gestalten in den USA auch Designer viele Autos, allerdings beginnen im Laufe der Zeit auch einige die Idee der Stromlinienform abzuwandeln. Es entsteht eine Entwicklung in der Design-Szene hin zu einem Symbol für Mobilität und Fortschrittsglauben.

Einen besonderen Einfluss hat hier vor allem der in Frankreich gebürtige Raymond Loewy, der sich, nachdem er sowohl Papierkörbe als auch Lokomotiven und Automobile gestaltet hatte, auch den Haushalts- und Bürogegenständen widmet und ihnen eine mehr oder weniger sinnfreie, aerodynamische Form verpasst.

„Hässlichkeit verkauft sich schlecht.“

So verteidigt er seine oftmals kritisierten Produkte und hat somit den Nerv der Zeit getroffen. In den fünfziger Jahren, als diese Produkte in Europa zur Massenware werden, fragt zumindest niemand mehr nach dem technischen Hintergrund. Das Design hat längst den höheren Stellenwert angenommen, als der funktionelle Aspekt.

Ein Produkt, das ebenso aus dieser Zeit stammen könnte, ist allerdings erst Jahre nach der Hochphase als Teil der immer wiederkehrenden Retrometoden entstanden: Eine Zitronenpresse vom Hersteller Alessi aus dem Jahr 1990, die, wenn man sie sieht, wahrscheinlich selbst erklärt, wie weit sich das Design im Laufe der Jahre von der eigentlichen Idee entfremdet hat.

Zitronenpresse von Alessi, 1990 © Niklas Morberg

Julia Hänsler hat 2017 ihr Abitur in Wangen im Allgäu absolviert und danach neben zwei Monaten als Reisenomadin auf den Trampelpfaden dieser Welt, ihre Zeit mit verschiedenen Praktika verbracht. Zuletzt war sie von Mai bis Juni Praktikantin der Abteilung Kommunikation im Zeppelin Museum. Ab Herbst will sie ihrer Kreativität gerne entweder in einem Studium der Theater- und Medienwissenschaften oder im Fashionmanagement freien Lauf lassen.

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