Ein Häfler-Kunstkrimi in drei Teilen | Teil 3: Wenn der Schlosser mit dem Künstler…

Handelten die beiden ersten Teile von unseren erfolglosen Versuchen, gestohlene Kunstwerke aus unserer Sammlung zurückzuerhalten, soll es heute einmal um Erfolgserlebnisse gehen. Der umtriebigen Arbeit der Häfler Kripo sei Dank, konnten im Jahr 1970 sage und schreibe neun geraubte Holz- und Silberskulpturen und barocke Bozzetti, also künstlerische Vorentwürfe in Ton, gefunden und dem Museum zurückgegeben werden. Es handelte sich ausnahmslos um Werke berühmter Künstler der späten Renaissance und des Barock, damaliger Gesamtwert: 15.000 DM.

Doch was war geschehen? Am 3. Mai 1970 trafen sich vor dem Rathaus Friedrichshafen ein Schlosser aus Meersburg und ein Mann, der 1954 aus der DDR an den Bodensee kam und sich in Immenstaad erfolglos als Künstler versuchte. Ihr Ziel war die Kunstausstellung im Bodensee-Museum, genauer gesagt jedoch ein Fenster in den Ausstellungsräumen. In einem unbeobachteten Moment öffneten beide das Fenster mit einem Spezialschlüssel und lehnten es leicht an. In der Nacht auf den 4. Mai kehrten beide zum Rathaus zurück, eine vier Meter lange Leiter im Gepäck. Damit ausgerüstet und offensichtlich schwindelfrei, stiegen sie am Rathaus hoch und ihr Plan ging auf: das Fenster war offen, der Einstieg in die Ausstellung kein Problem. In einer Glasvitrine waren die hoch empfindlichen Kleinplastiken bisher gut geschützt, nun öffneten die Diebe sie gewaltsam und rissen die Kunstwerke aus ihren Halterungen. Dieses brutale Vorgehen ist bis heute sichtbar und bitter: abgebrochene Finger, ein abgerissener Flügel eines Engels, eine völlig demontierte Gruppe eines Ölbergs aus dem Barock und Risse sowie Kratzer an einer Skulptur aus Buchsbaum.

Bericht über den Diebstahl in der Schwäbischen Zeitung vom 6. Mai 1970.

Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Meldung vom Diebstahl, auch die „Schwäbische Zeitung“ schaltete Berichte und eine Belohnung zur Ergreifung der Täter wurde ausgerufen. Nur wenige Tage später kam von dem damaligen Kunsthandel und Antiquariat Schmid aus Konstanz der entscheidende Hinweis, denn ihm wollten die Diebe alle Stücke in einem Schwung für ganze 120.000 DM verkaufen! Beide Täter konnten schnell gefasst werden, wurden inhaftiert und zu Freiheitsstrafen auf Bewährung verurteilt. Auch der Grund für den Diebstahl kam nun ans Licht: beide hatten gehört, dass Schweizer Sammler eine Menge Geld für Skulpturen bezahlen würden, wie sie im damaligen Bodensee-Museum zu sehen waren. Offensichtlich hatten die Täter das ganz wörtlich genommen…

Schreiben des Konstanzer Kunsthändlers an den Verwaltungsleiter des Museums Hans Scharpf (Registratur des Zeppelin Museums Friedrichshafen GmbH).

Bitte mehr Ehrlichkeit: unsere Hoffnung stirbt zuletzt!
Mit Freude und etwas Wehmut blicken wir heute auf das Verhalten des Konstanzer Antiquariats, das sich trotz verlockender Gewinne so vorbildlich verhalten hatte. Ein feiner Abschluss unserer kleinen Krimi-Reihe! Aber so amüsant sich das Ganze heute liest, eines steht fest: Kunstraub ist kein Kavaliersdelikt und schadet unserer Kultur und Finanzen sowie dem Ansehen ehrlicher Kunsthändler. Wir plädieren ganz klar für mehr Ehrlichkeit – und geben die Hoffnung auf die Rückkehr unserer Kunstwerke nicht auf.

Objekt der Begierde: Hl. Sebastian, Kastanienholz, 17. Jh. Die abgebrochenen Finger erinnern bis heute an den Diebstahl.

Wer nicht genug Geschichten von den Schicksalen unserer Kunstwerke bekommen kann, darf sich auf den 4. Mai 2018 freuen. Dann eröffnen wir unsere Ausstellung „Eigentum verpflichtet. Eine Kunstsammlung auf dem Prüfstand“, die sich ganz der Provenienzforschung am Haus widmen wird.

Teil 1: Nicht nur Heilige am Bodensee | Teil 2: Wo ist Maria?


Fanny Stoye, wissenschaftliche Mitarbeiterin für Provenienzforschung im Zeppelin Museum

Von Kindesbeinen an von Kunst fasziniert, hat Fanny Stoye M.A. Kunstgeschichte, evangelische Theologie und Biologie an der Universität Leipzig studiert. Dort war sie zwei Jahre wissenschaftliche Mitarbeiterin am Kunsthistorischen Institut, bis ein wissenschaftliches Volontariat am GRASSI Museum für Angewandte Kunst in Leipzig ihren Weg in die Provenienzforschung ebnete. Seitdem gelten ihre beruflichen Schwerpunkte und Interessen der Provenienzforschung nach 1945 in den beiden deutschen Staaten, der Angewandten Kunst (v.a. Möbel) und den künstlerischen Zeugnissen religiöser Kultur in Geschichte und Gegenwart.

Kommentar schreiben

Navigate