Ein Häfler-Kunstkrimi in drei Teilen | Teil 2: Wo ist Maria?

Kunstdieb – ein neuer Beruf?“ fragte man sich 1974 im Nachrichtenblatt des Landesamtes für Denkmalpflege in Tübingen. Und angesichts sprunghaft steigender Diebstähle in Kirchen und Museen Baden-Württembergs war die Sorge nur zu berechtigt. Auch unser Museum hatte es wieder einmal erwischt und den Verlust eines gotischen Tafelbildes zu beklagen. Am Morgen des 19. September 1974 stellte man noch vor der Eröffnung des Museums fest, dass das Gemälde fehlte. Mit den kriminaltechnischen Möglichkeiten der damaligen Zeit suchte die Kripo Friedrichshafen nach Einbruchsspuren zur Überführung des Täters, fand jedoch nichts. Der Gesuchte war offenbar mit den Museumsräumen vertraut und man darf sich fragen, ob sich hier „nur“ ein unscheinbar aussehender Besucher oder gar doch ein Mitarbeiter bedient hatte.

Nachrichtenblatt des Landesamtes für Denkmalpflege Tübingen von 1974 mit dem „Pfingstfest“. Alte Inventar-Nummer: Mu 930/54.

In jedem Fall ist dieser Verlust mehr als bedauerlich – ein paar Fakten gefällig? Die Tafel ist von Kupferstichen des berühmten Martin Schongauers inspiriert und zeigt das Pfingstfest, nämlich Maria inmitten der Apostel mit den Flämmchen des Heiligen Geistes über ihren Häuptern. Nicht nur das ist ungewöhnlich, auch das Format des auf einer Spitze stehenden Quadrates ist einzigartig. Wahrscheinlich rahmte diese Tafel mit weiteren Szenen eine Madonnenskulptur – ein zweites Werk dieser Art ist uns noch nicht begegnet. Bemerkenswert ist außerdem die umlaufende Schrift auf Goldgrund, die nicht nur die Datierung in das Jahr 1487, sondern tatsächlich einen schwäbischen Dialekt aufweist. Ein echtes Stück schwäbischer Heimat mit Seltenheitswert also! Und auch der Preis kann sich sehen lassen: schon vor dem Diebstahl war das gotische Kleinod mit 5.000 DM versichert. Heute haben die Preise deutlich angezogen und ein Liebhaber müsste gut und gerne 8.000 bis 10.000 € in einen Kauf investieren.

Bitte wieder in Farbe!
Nur ein schwarz-weiß-Foto ist uns von unserer Maria geblieben. Das Gleiche gilt auch für eine Ölmalerei auf Blech aus dem Jahr 1836, die den Marktplatz von Lindau zeigt. Sie wurde schon während der Fastnacht 1958 gestohlen. Aufgefallen waren dem damaligen Kassierer lediglich „zwei Liebespaare und zwei kleine Buben“ – vielleicht also ein Gelegenheitsdiebstahl in angeheiterter Stimmung oder zweifelhaftes Resultat einer jugendlichen Mutprobe?

Klein aber oho: Ludwig Caspar Weiss, Marktplatz in Lindau, Ölmalerei auf Blech, Durchmesser: 9 cm. Alte Inventar-Nummer: Mu 382/52.

Wie dem auch sei, stets berichten unsere alten Museumsunterlagen von der „leuchtenden Farbigkeit“ dieser Werke, die auch wir gerne wieder einmal bewundern wollen. Deshalb dürfen Sie hier und heute den altbekannten Satz ganz wörtlich nehmen: sachdienliche Hinweise zum Verbleib beider Kunstwerke nimmt das Zeppelin Museum gerne entgegen. Ein Tipp zum Schluss: achten Sie im Verdachtsfall doch einmal auf die Rückseite, denn dort finden sich auf Etiketten oder in blauer Wachskreide alte Inventarnummern unseres Museums. Sie beginnen stets mit einem „Mu“ für „Museum“ – Augen auf und Dankeschön!

Eine Beschriftung mit einer „Mu“-Nummer unseres Museums.

Wer nicht genug Geschichten von den Schicksalen unserer Kunstwerke bekommen kann, darf sich auf den 4. Mai 2018 freuen. Dann eröffnen wir unsere Ausstellung „Eigentum verpflichtet. Eine Kunstsammlung auf dem Prüfstand“, die sich ganz der Provenienzforschung am Haus widmen wird.

Teil 1: Nicht nur Heilige am Bodensee | Teil 3: Wenn der Schlosser mit dem Künstler… (Coming Soon)


Fanny Stoye, wissenschaftliche Mitarbeiterin für Provenienzforschung im Zeppelin Museum

Von Kindesbeinen an von Kunst fasziniert, hat Fanny Stoye M.A. Kunstgeschichte, evangelische Theologie und Biologie an der Universität Leipzig studiert. Dort war sie zwei Jahre wissenschaftliche Mitarbeiterin am Kunsthistorischen Institut, bis ein wissenschaftliches Volontariat am GRASSI Museum für Angewandte Kunst in Leipzig ihren Weg in die Provenienzforschung ebnete. Seitdem gelten ihre beruflichen Schwerpunkte und Interessen der Provenienzforschung nach 1945 in den beiden deutschen Staaten, der Angewandten Kunst (v.a. Möbel) und den künstlerischen Zeugnissen religiöser Kultur in Geschichte und Gegenwart.

 

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