Ein Häfler-Kunstkrimi in drei Teilen | Teil 1: Nicht nur Heilige am Bodensee

Wer glaubt, dass der Raub einer Goldmünze aus dem Berliner Bode-Museen im Sommer 2017 eine spektakuläre Ausnahme war, irrt gewaltig. Kriminelle mit einer wahren Gier auf wertvolle Kunstwerke gibt es überall, sogar in der beschaulichen Idylle hier am Bodensee. Dass diese manchmal trügerisch ist, fanden wir während unserer laufenden Provenienzforschung zur Kunstsammlung heraus. Denn auch dem Zeppelin Museum wurden in den letzten Jahrzehnten mehrfach Kunstwerke gestohlen, die bis heute schmerzlich vermisst werden. Sie wiederzufinden verdankt sich neben geduldiger Sichtung vergangener Auktionen vor allem enorm viel Glück. Aber selbst wenn man ein einmal dreist geraubtes Kunstwerk aufspürt, bedeutet das noch lange kein gutes Ende, wie die erste Episode unseres Häfler Kunstkrimis zeigt.

Nach 47 Jahren: wiedergefunden…
Gerade einmal 16 x 23 cm misst das kleine Gemälde „Blick vom Hohenkrähen“ von Joseph Moosbrugger aus der Mitte des 19. Jh. Doch die feine Malerei und ein pompös verzierter Goldrahmen zeigen es deutlich: dieses Kunstwerk ist wertvoll. Beide Qualitäten wurden dem Gemälde am 29.10.1970 zum Verhängnis. Mitten am helllichten Tag und während der Öffnungszeiten stahl es ein unbekannter Dieb aus den Ausstellungsräumen im Rathaus Friedrichshafen. Eine Sicherheitstechnik mit Alarmmeldern gab es damals nicht und als Aufsicht anwesend war nur ein Museumskassierer, der voller Entsetzen „nach 14:00“ den Diebstahl meldete.

Heute ist es kaum vorstellbar, doch damals reichten bereits ein unbeobachteter Moment und ein weiter Mantel, um ein Kunstwerk unrechtmäßig an sich zu reißen. Unser Museum setzte 1970 alle Hebel in Bewegung, ging zur Kriminalpolizei Friedrichshafen, zur Staatsanwaltschaft Ravensburg und schrieb unzählige Kunsthändler in der Bodenseegegend, München und sogar der Schweiz an. Doch die Hoffnung auf Mithilfe war vergebens: das Moosbrugger-Gemälde blieb verschwunden.

Ein Brief aus unserer Museumsregistratur zum Diebstahl und der Angst vor weiteren Schäden.

Es ist der Digitalisierung und modernen Datenbanken zu verdanken, dass uns vor Kurzem dennoch das Unwahrscheinliche gelang: wir entdeckten, dass das Gemälde im Jahr 2011 auf einer Auktion ganz in der Nähe von Friedrichshafen versteigert wurde. Mitbekommen hatte das damals niemand, aber bald waren der heutige Privatbesitzer und mit ihm das Gemälde wiedergefunden. Nun lässt sich auch die Geschichte nach dem Diebstahl erhellen. Das Gemälde wurde offenbar zielgerichtet an einen Moosbrugger-Liebhaber nach Konstanz verkauft und verblieb dort still und leise über viele Jahrzehnte. Der Täter von damals ist jedoch bis heute unbekannt.

…aber nicht wiederbekommen
Ende gut, alles gut? Leider nicht in diesem Fall, denn das Gemälde wird trotz Bemühungen von unserer Seite in Privatbesitz verbleiben. Die deutsche Gesetzeslage ist eindeutig: das Museum hat seinen Anspruch auf Rückgabe verloren, weil das Gemälde 2011 in einer öffentlichen Auktion versteigert wurde und der heutige Privatbesitzer von dem Diebstahl nichts wusste. Zu einer Rückgabe ist er nicht verpflichtet und wir bekommen das Gemälde nicht zurück. Glücklich sind wir damit keinesfalls, zumal es andere Länder wie etwa die USA anders handhaben. Dort werden einmal gestohlene Kunstwerke wieder an den früheren Besitzer zurückgegeben – egal, nach wie vielen Jahrzehnten.

Wer nicht genug Geschichten von den Schicksalen unserer Kunstwerke bekommen kann, darf sich auf den 4. Mai 2018 freuen. Dann eröffnen wir unsere Ausstellung „Eigentum verpflichtet. Eine Kunstsammlung auf dem Prüfstand“, die sich ganz der Provenienzforschung am Haus widmen wird.

Teil 2: Wo ist Maria? (Coming Soon) | Teil 3: Wenn der Schlosser mit dem Künstler… (Coming Soon)


Fanny Stoye, wissenschaftliche Mitarbeiterin für Provenienzforschung im Zeppelin Museum

Von Kindesbeinen an von Kunst fasziniert, hat Fanny Stoye M.A. Kunstgeschichte, evangelische Theologie und Biologie an der Universität Leipzig studiert. Dort war sie zwei Jahre wissenschaftliche Mitarbeiterin am Kunsthistorischen Institut, bis ein wissenschaftliches Volontariat am GRASSI Museum für Angewandte Kunst in Leipzig ihren Weg in die Provenienzforschung ebnete. Seitdem gelten ihre beruflichen Schwerpunkte und Interessen der Provenienzforschung nach 1945 in den beiden deutschen Staaten, der Angewandten Kunst (v.a. Möbel) und den künstlerischen Zeugnissen religiöser Kultur in Geschichte und Gegenwart.

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