Fünf Luftschiffe explodieren – Tote und Verletzte in Ahlhorn

„Das neue Jahr begann stürmisch, und am Samstag, dem 5. Januar 1918, war das Wetter immer noch schlecht. An jenem Morgen überwachten die Kommandanten der fünf Schiffe auf dem Stützpunkt Ahlhorn das tägliche Auffüllen mit Gas bis zur maximalen Füllmenge. Kapitänleutnant Walter Dose von L 51 – das Luftschiff befand sich auf der südwestlichen Seite von Halle I – hatte seine Besatzung angewiesen, die Böden der Motorgondeln zu reinigen. Die Mannschaft von L 47 – dem Nachbarschiff von L 51 – dagegen hatte kaum etwas zu tun, denn der Zeppelin war seit dem 22. Dezember nicht mehr in der Luft gewesen. Korvettenkapitän Arnold Schütze von L 58 traf sich mit seinem Wachoffizier, dem Obersteuermann und dem Maschinisten in Halle II, um mit ihnen über die Vorbereitungen zur nächsten Angriffsperiode zu sprechen. Die Besatzung und die Bodenmannschaft traten zum Morgenappell an und hatten danach bis zum Mittag frei. Auch in Halle III passierte nicht viel; seit dem 21. Dezember lag L 46 untätig auf seinem Platz. Nur in Halle VI, wo SL 20 untergebracht war, gab es etwas Betriebsamkeit, denn bei dem großen Schütte-Lanz-Schiff waren auf einer Probefahrt mehrere Bruchstellen in Ring 4 aufgetreten, die nun von Arbeitern der Herstellerfirma repariert wurden.“

Laut Beschreibung des Militärhistorikers Douglas H. Robinson schien es ein ruhiger Tag zu werden, denn für die kommenden Tage war keine Angriffsfahrt geplant. Als es dunkel wurde, ließ die Geschäftigkeit in den Luftschiffhallen „Aladin“ (Halle I), „Albrecht“ (Halle II), „Alrune“ (Halle III) und „Alix“ (Halle IV) langsam nach. Die Hallen „Alma“ und „Alarich“ befanden sich noch im Bau.

Ahlhorn selbst war ein kleines norddeutsches Dorf westlich der Elbe mit 435 Einwohnern gewesen, bevor es im Juli 1915 von Dr. Hugo Eckener im Auftrag des Reichsmarineamts als idealer Stützpunkt für eine Marine-Luftschiffflotte ausgewählt wurde. Der Standort des neuen Großluftschiffhafens bot mit seiner größeren Entfernung von der Küste besseren Schutz vor dem rauen Seewetter und britischen Luftangriffen. In kurzer Zeit wurde der Luftschiffhafen kontinuierlich aufgebaut und neben Nordholz, Tondern und Wittmundhafen zu einem wichtigen Marinestützpunkt.

Als die Nacht des 5. Januars 1918 hereinbrach, ging Luftschiffkommandant Arnold Schütze ins Lagezimmer zur Besprechung mit Peter Strasser, dem Führer der Luftschiffe. Doch ihr Gespräch wurde jäh unterbrochen, wie Robinson weiter berichtet:

„Plötzlich schoss eine riesige orangefarbene Stichflamme aus Halle I in den dunklen Abendhimmel. Schütze hatte nicht einmal mehr Zeit, um: ‚Was ist denn das?‘ zu sagen, bevor die Halle, in der sein Luftschiff lag, etwa 60 Meter von ihm entfernt, ebenfalls Feuer fing. Ein paar Sekunden später war die Druckwelle zweier gewaltiger Explosionen zu spüren. Wortlos stürzten die beiden Offiziere aus der Tür und auf das Gelände. Es war ein Inferno. Die Erde bebte, als [die] Hallen III und IV, etwa 500 Meter vom ersten Paar entfernt, in die Luft flogen. Innerhalb weniger Minuten waren die vier Hangars und fünf Luftschiffe der mächtigen Basis in Ahlhorn in einen brennenden Trümmerhaufen verwandelt worden.“

Sogar bis Bremen und Oldenburg waren die Explosionen zu vernehmen.

Ein Fliegerangriff?
Die Männer rannten aus ihren Quartieren hinaus auf den Landeplatz. Was hatte die Explosionen verursacht? Alle auf der Basis Ahlhorn vermuteten zunächst, dass es sich nur um einen Fliegerangriff handeln könne. Robinson schildert, was dann geschah:

„Als die Explosionen jedoch abstarben und keine Flugzeugmotoren zu hören waren, beeilten sie sich, einen Absperrgürtel um das Flugfeld zu ziehen, um mögliche Saboteure ergreifen zu können. Dann versuchten sie, jenen Männern, von denen sie annahmen, dass diese sich in den Hallen befunden hatten, jede erdenkliche Hilfe zu geben.

Strasser stand regungslos vor seinem Befehlsgebäude; die Arbeit langer Jahre lag in Trümmern.“

Die Hilfstrupps konnten viele verletzte Männer bergen. In Halle I gab es glücklicherweise keine Toten. Ein Wachposten vor Halle II berichtete:

„Ich sah drinnen einen Feuerschein, und als ich schnell das Tor öffnete, sah ich, wie das Schiff hin und her rollte, und dann explodierte es plötzlich!“

In den Hallen III und IV waren die Explosionen wesentlich stärker gewesen. Von den Gebäuden existierten lediglich noch rauchende Überreste. Robinson weiter:

„Pflastersteine und Stahlträger türmten sich und waren weit über die Straße verteilt. Die Besatzung von L 46 arbeitete fieberhaft inmitten der brennenden Wrackteile, um nach Wachposten sowie Leuten des Instandhaltungstrupps zu suchen, die alle vermisst wurden. Die Männer mussten sich immer wieder zurückziehen, weil mehrere Kraftstofftanks explodierten. Ganz in der Nähe lag der Kommandant des L 46 lag auf einem Hallentor, ein herabfallender Stahlträger hatte ihm ein Bein gebrochen.

Von Halle IV waren nur noch ein paar hundert Quadratmeter verbogener und zusammengebrochener Stahlträger übrig. Der ganz aus Holz gebaute Schütte-Lanz war restlos vom Feuer verschlungen worden und mit ihm vier der sechs Arbeiter, die das Schiff gerade reparierten. Die beiden Überlebenden hatten sich unter dem Hallendach aufgehalten, als die Katastrophe begann, und kamen mit schweren Verbrennungen davon.“

Die traurige Bilanz dieses Unglücks: vier tote Zivilisten, die am Schütte-Lanz-Schiff gearbeitet hatten, sowie seitens der Marine-Luftschiffer zehn Tote, 30 Schwerverletzte und 104 Leichtverletzte. Wäre das Unglück noch vor dem offiziellen Dienstschluss passiert, hätte es wahrscheinlich wesentlich mehr Tote und Verletzte gegeben.

Sabotage oder menschliches Versagen?
Das Unglück und der Verlust von fünf Luftschiffen war ein herber Schlag für die Luftstreitkräfte. Sie hatten neben dem Schütte-Lanz-Schiff SL 20 die Zeppeline LZ 94/L 46, LZ 87/L 47, LZ 97/L 51 und LZ 105/L 58 verloren. Über die Unglücksursache wurde viel spekuliert.

In den Luftschiffhallen herrschten wegen der schnellen Entzündlichkeit des Wasserstoffs, mit dem die Luftschiffe gefüllt waren, strenge Sicherheitsauflagen wie beispielsweise Rauchverbot. Dennoch gab es die Vermutung, die beiden Matrosen des Schiffspflegepersonals hätten sich den Anordnungen widersetzt und mit leicht entflammbarem Benzin den Boden der Motorgondel in L 51 gereinigt. Andere dachten, die Männer hätten genagelte Schuhe getragen und dadurch einen Reibungsfunken ausgelöst.

Eine andere Theorie besagte, dass das Lichtkabel der Halle nicht ausreichend mit Gummi isoliert gewesen sei und ein Kurzschlussfunken den Brand ausgelöst habe.

Es gab eine Untersuchung, in der die Zeugen befragt wurden. Ein Wachoffizier berichtete über den Beginn des Unglücks:

„Über der achteren Gondel des L 51 brannte plötzlich der Rumpf. Im nächsten Moment stand das ganze Schiff in Flammen und setzte L 47 daneben in Brand.“

Im Untersuchungsbericht wurde über die Ursache vermutet, “dass eine Asbestplatte oder ein Stück Eisen vom Dach der Halle I lose geworden, durch das Schiff gefallen ist und dabei einen der Kraftstofftanks im Laufgang kurz vor der Gondel getroffen oder zerstört hat. […] Diese Annahme erklärt die dumpfe Detonation vor Ausbruch des Feuers. Das durch das Schiff fallende Stück könnte Spannungsdrähte gebrochen haben, die mit Sicherheit Funken verursachten. Diese Funken könnten auslaufenden Kraftstoff entzündet und den Brand verursacht haben.“

Am hartnäckigsten hielt sich allerdings die Sabotage-Theorie. Noch Jahrzehnte später argumentierte Kapitän Ernst A. Lehmann in seinen Erinnerungen:

„Manche Umstände der Katastrophe deuten auf Sabotage; die beiden Doppelhallen sind 60 Meter voneinander, die Einzelhalle fast einen Kilometer von den anderen entfernt, ein Übergreifen des Brandes scheint dadurch und durch die unmittelbare Folge der Explosionen ausgeschlossen.“

Was Lehmanns Argumentation entgegensteht, ist die Tatsache, dass die Luftschiffhallen zur Wasserstoffversorgung durch Gasleitungen miteinander verbunden waren. Die wahre Ursache dieses Unglücks wird jedoch – wie bei den meisten Luftschiff-Unglücken – für immer im Dunkeln bleiben.

Was wurde aus dem Stützpunkt Ahlhorn?
Mit dem 5. Januar 1918 begann das Ende des Luftschiffhafens Ahlhorn. Obwohl dort die Halle I sofort wieder in Stand gesetzt wurde und die im Bau befindlichen, wenig beschädigten Hallen V und VI rasch fertiggestellt worden waren, stationierte die Marine von April bis November insgesamt nur vier Luftschiffe in Ahlhorn. Am Ende des Krieges waren noch L 64 in der Halle „Alma“ und L 71 in der Halle „Alarich“ auf dem Stützpunkt untergebracht. Beide Luftschiffe wurden im Rahmen des Versailler Vertrages im Jahr 1920 an Großbritannien übergeben.

Auf seiner Homepage präsentiert der Bürgerverein Ahlhorn e. V., was heute noch in Ahlhorn an den Ersten Weltkrieg und die Zeit der Marine-Luftschiffe erinnert:

„1921 wurden zahlreiche Gebäude und die Auslaufbahnen von der französischen Kontrollkommission gesprengt bzw. die beiden verbliebenen Hallenreste demontiert und verkauft. Eine dieser Hallen soll noch heute in der Papierfabrik in Varel stehen.

Heute erinnern nur noch einige Gedenktafeln und Straßennamen wie Zeppelinstraße, Dr-Eckener-Straße, Kapitän-Strasser-Straße, Am Kasinowald und Am Gaswerk sowie der Zeppelin im Ahlhorner Wappen an diese große Ahlhorner Zeit.


Quellen: Douglas H. Robinson: Deutsche Marine-Luftschiffe 1912-1918 (+ Schwarz/Weiß Aufnahmen); Ernst A. Lehmann: Auf Luftpatrouille und Weltfahrt; Heinz Edzards: Luftschiffhafen Ahlhorn (+ Lageplan), Bürgerverein Ahlhorn e.V.

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