„Ein oberschwäbischer Mittelpunkt kulturellen Lebens!“ – das Bodensee-Museum Friedrichshafen

Das städtische Bodensee-Museum, der Vorgänger des heutigen Zeppelin Museums Friedrichshafen, wurde vor 60 Jahren im neu erbauten Friedrichshafener Rathaus eröffnet. Vor zahlreichen geladenen Gästen vom Weihbischof über den Direktor des Regierungspräsidiums in Tübingen bis hin zu Gräfin Hella von Brandenstein-Zeppelin und vor Vertretern aus der Kultur- und Kunstszene sowie der Kommunalpolitik konnte Oberbürgermeister Max Grünbeck das Haus feierlich der Öffentlichkeit übergeben. Die lokale und überregionale Presse feierte die Eröffnung mit den Worten: „Ein oberschwäbischer Mittelpunkt kulturellen Lebens“, „jüngstes Museum des Oberlandes“ und„Tempel der Museen“.

In der Wiederaufbaugeschichte der Stadt Friedrichshafen nach dem 2. Weltkriege wird der heutige Tag später einmal sicherlich als besonders bedeutsam bezeichnet werden“. Ob ihm die Geschichte Recht gegeben hat, sei dahingestellt. Dieser erste Satz aus Grünbecks Eröffnungsrede vermittelt die Bedeutung, die der Wiedereröffnung des Museums als „glanzvoller Abschluss des kulturellen Wiederaufbaus 1957 zukam.  „Allen interessierten Bürgern und vor allem der heranwachsenden Jugend solle der Museumsneubau und die Kunstsammlung helfen, Kunst zu verstehen, sich Maßstäbe zu schaffen und Umgang mit der Kunst zu pflegen“, so Grünbeck im Vorwort zum ersten Sammlungsführer des Bodensee-Museums. Nicht nur eine „wertsteigernde Kapitalanlage, sondern im geistigen Sinn ein wahres Schatzhaus“ solle das Museum werden.

Aber nicht nur kulturell auch kulinarisch war übrigens einiges geboten am Eröffnungstag: Im „Gaststättenbetrieb Hafenbahnhof“ wurden die rund 70 geladenen Gäste mit dreierlei Menüs verköstigt. Etwa Königinsuppe, Kalbsbraten in Sahnetunke, hausgemachte Spätzle und Salate der Saison, für 3,20 DM –  und ganz im Sinne der Sparsamkeit und zur Entlastung des städtischen Haushalts zahlten die Teilnehmer ihre Essen selbst.

Wie sah nun das neue städtische Museum eigentlich aus? Im Seitenflügel des Rathauses wurde auf vier Etagen von jeweils rund 250 m² Ausstellungsfläche –  gestaltet im unverwechselbaren Stil der 50er-Jahre – wechselnde Kunstausstellungen und eine ständige Präsentation der nach 1945 neu aufgebauten Kunstsammlung gezeigt. Das Bodensee-Museum stellte sich damit als Kunstmuseum vor, das neben alter Kunst und Werken aus dem 19. Jahrhundert auch der modernen und zeitgenössischen Kunst der Bodenseeregion ein Podium bieten wollte. Im Eröffnungsjahr wurde unter anderem eine Ausstellung der Sezession Oberschwaben-Bodensee und eine Gedächtnisausstellung für den 1879 in Friedrichshafen geborenen und 1956 verstorbenen Künstler Karl Caspar veranstaltet.

Der vierte Stock unterm Dach war vorsorglich für die Einrichtung einer Zeppelin-Abteilung reserviert. Ein Großteil der ehemaligen Exponate des vormaligen Werksmuseums der Luftschiffbau Zeppelin GmbH musste nach Kriegsende als Reparationsleistungen an Frankreich abgegeben werden, Verhandlungen über die Rückgabe waren aber mittlerweile im Zuge der Versöhnungsbestrebungen im Geiste der deutsch-französischen Freundschaft im Gange. Bis zu ihrer Rückkehr und Eröffnung der Zeppelin-Abteilung sollten jedoch noch drei Jahre ins Land gehen.

Wenden wir uns also wieder der Kunst zu: Für eine Stadt, die 1945 größtenteils in Schutt und Asche lag, war es eine durchaus bemerkenswerte Geste und kulturelle Leistung, bereits Anfang der 1950er Jahre über die Neueröffnung eines Kunstmuseums nachzudenken. Über ein Museum zudem, das zunächst ohne nennenswerte Sammlung dastand.

Durch die schweren Bombenangriffe vom 28. April 1944 waren auch die Museumsbestände des 1927 gegründeten Städtischen Bodenseemuseums und das Museumsgebäude in der Karlsstraße nahezu vollständig zerstört worden. Von der ursprünglichen Sammlung, die stadtgeschichtliche Objekte aus reichsstädtischer Zeit, archäologische Funde, Naturalien, Münzen, Karten, Waffen, Kunsthandwerk und einige wenige Skulpturen des Barocks sowie Ölgemälde mit Motiven der Bodenseegegend umfasste, konnten nur Einzelstücke aus den Trümmern geborgen werden.

Zunächst schien auf Initiative Oberbürgermeister Grünbecks und des bereits 1946 gebildeten Kulturbeirats daran gedacht worden zu sein, die verlorene Sammlung durch Neuerwerbungen möglichst gleichwertig zu ersetzen. Der Erwerb von stadt- und regionalgeschichtlich relevanten Altertümern gestaltete sich mangels Angeboten jedoch äußerst schwierig. Anfang der 1950er-Jahre manifestierte sich in Zusammenarbeit mit dem Landesamt für Denkmalpflege in Tübingen der Entschluss, stattdessen schwerpunktmäßig eine Kunstsammlung aufzubauen.

Die wissenschaftliche und konservatorische Beratung bei der Neugestaltung der Museumsräume und dem Aufbau der Sammlung oblag Mitarbeitern des Landesamtes für Denkmalpflege am für Südwürttemberg zuständigen Regierungspräsidium Tübingen. Der erste Leiter des 1945 neugeschaffenen Landesamtes Adolf Rieth betraute seinen Mitarbeiter Herbert Hoffmann mit der inhaltlichen Ausarbeitung und organisatorischen Umsetzung der Konzeption. Die Herkunft der Kunstwerke aus dem Bodenseeregion sollte eine „Begegnung mit der Landschaft des Bodenseeraumes, mit ihrer Kunst und Geschichte zu schaffen und gleichzeitig eine Brücke zur Gegenwart und Zukunft zu schlagen.“ Diese Konzentration auf regionale Kunst griff einerseits die Tradition des vormaligen Heimatmuseums auf, orientierte sich andererseits aber auch pragmatisch an den auf dem Kunstmarkt in den 1950er-Jahren relativ erschwinglich zu erwerbenden altmeisterlichen Werke.

Erste gezielte Ankäufe für das zukünftige Museum aus dem Kunsthandel und Auktionen wurden 1952 getätigt. Darunter waren im April 1952 zum Beispiel die Skulptur „Hl. Sebastian“ aus der Werkstatt Michael Zürn aus dem 17. Jahrhundert und eine spätmittelalterliche Tafelmalerei „Verkündigung an Maria“ von 1460. Aber auch einige Werke von Otto Dix, wurden mehr oder weniger direkt von der Staffelei erworben, wie im November 1952 das Temperagemälde „Herbstwald am Untersee“. Leider sind die Rechnungsunterlagen aus der Gründungsphase des Museums nicht erhalten, es gibt aber teilweise Vermerke auf Karteikarten und Einträge im Inventarbuch.

Der Aufbau der Kunstsammlung war bei der Eröffnung im Jahr 1957 natürlich noch keineswegs beendet, sondern dauert bis heute an. Auch die Forschung zu den Werken der Sammlung ist nicht abgeschlossen. In immer neuen Ausstellungen werden die Werke, im Museum selbst, bei Gastspielen im In- und Ausland, teils mit neuen kunsthistorischen Expertisen präsentiert oder neu kontextualisiert.

Derzeit werden in einem vom Deutschen Zentrum für Kulturgutverluste geförderten Forschungsprojekt die Provenienzen von Teilen der Sammlung systematisch überprüft. Es geht dabei vor allem um die Klärung des Verdachts auf Raubkunst und unrechtmäßige Entziehung und Enteignung zwischen 1933 und 1945. Die Ergebnisse dieser auf zwei Jahre angelegten Spurensuche werden ab Frühjahr 2018 in einer Ausstellung im Zeppelin Museum zu sehen sein.


Sabine Mücke M.A., studierte u.a. Neuere und Neueste Geschichte, Mittelalterliche Geschichte und Soziologie an der Universität Konstanz und an der Humboldt Universität zu Berlin, war wissenschaftliche Mitarbeiterin bei kulturgeschichtlichen Ausstellungen und Inventarisierungsprojekten, ist seit 2005 am Zeppelin Museum Friedrichshafen Ausstellungskoordinatorin und Kuratorin, seit 2009 auch Registrarin. Mitarbeit an zahlreichen Ausstellungsprojekten und bei der Neukonzeption des Museums 2010 – 2014.

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