Finale im Flammenmeer – warum L 57 nie nach Afrika kam

Im Ersten Weltkrieg waren die Militärluftschiffe vor allem über der Ost- und Nordsee aktiv, aber es gab auch Einsätze im Mittelmeerraum. Sogar eine Fahrt nach Afrika war geplant. Sollte die streng geheime Mission unter dem Decknamen „China-Sache“ gelingen, würde das der Marine einen enormen Prestigegewinn einbringen.

Luftschiffkapitän Albert Sammt über die geplante „China-Sache“: „In der deutschen Kolonie in Ostafrika kämpfte die Schutztruppe unter dem Kommando von General Lettow-Vorbeck sehr tapfer und taktisch klug gegen eine englische Übermacht. 1917 kamen sie dann aber doch in Bedrängnis. So kam die militärische Führung auf den Gedanken, ein Luftschiff zu entsenden, das Munition, leichte Waffen, Medikamente und Verbandszeug zu der bedrängten Truppe bringen sollte. Auch das Luftschiff selbst sollte mit seiner Besatzung in Afrika bleiben, da die Rückfahrt zu weit gewesen wäre. Das Material des Luftschiffes sollte in Afrika so weit wie möglich verwendet werden, so zum Beispiel die Hülle als Material für Zelte.“

Weltgrößtes Luftschiff
Um die lange Strecke nach Afrika bewältigen zu können, musste die Tragkraft und die damit einhergehende Reichweite des Schiffes vergrößert werden, wie Kapitän Sammt erläutert:

„Für diesen Zweck wurde der in Friedrichshafen eben fertiggestellte LZ 102 (L 57) in der Mitte auseinandergenommen und um 30 m verlängert, d.h. um zwei Zellen mit zusammen 12500 m3 Inhalt erweitert, um dem Schiff mehr Tragkraft zu geben. Zusammen mit weiteren Gewichtseinsparungen brachte das eine Vergrößerung der Nutzlast um 12 t.“

Nach seiner Fertigstellung war L 57 das bis dahin größte Luftschiff der Welt. Während der Probefahrt wurde festgestellt, dass L 57 nicht leicht zu manövrieren war.

Da die Zeppelinmannschaft in Afrika bleiben sollte, wurde Kapitänleutnant Ludwig Bockholt als Kommandant ausgewählt, der noch nicht viel Erfahrung als Luftschiffführer hatte. Die erfahrenen Kapitäne waren für weitere strategische Operationen vorgesehen.

Sammt berichtet weiter: „Dieses überlange ‚Transportschiff‘ sollte von Jambol in Bulgarien aus, wo das Heer eine Luftschiffhalle gebaut hatte, nach Deutsch-Ostafrika starten. In Jüterbog bei Berlin wurde es für die Fahrt ausgerüstet.“

In der Halle „Bär“ in Jüterbog wurde L 57 untergebracht. Für die Afrikafahrt wurden 85 Kisten an medizinischen Versorgungsgütern mit einem Gewicht von rund drei Tonnen und etwa elf Tonnen Munition für leichte Handfeuerwaffen an Bord genommen.

Bockholt wollte vor der langen Reise nach Bulgarien noch eine zweistündige Testfahrt unternehmen und hatte dafür den 7. Oktober gewählt. Leider herrschten an diesem Tag ungünstige Wetterverhältnisse: Ein Tiefdruckgebiet näherte sich und in höheren Luftschichten wehte eine steife Brise. Da es jedoch am Boden gegen 16 Uhr noch windstill war, beschloss Bockholt, das Luftschiff auszuhallen – eine folgenschwere Entscheidung…

Fatale Fehleinschätzung
Schon beim Aushallen gab es Probleme, denn eine plötzliche Bö hätte L 57 beinahe gegen das Tor der Halle „Bär“ gedrückt. Die Bodenmannschaft konnte das gerade noch verhindern. Schnell stieg der Zeppelin auf, doch kaum in der Luft, wurde per Funk ein Sturm angekündigt, und Bockholt entschied, umgehend wieder zu landen. Die Situation spitzte sich dramatisch zu, wie der Historiker Douglas H. Robinson filmreif schildert:

„Als das Schiff über dem Landeplatz stand, forderte Bockholt 300 Heeressoldaten an, welche die 400 Mann starke Bodenmannschaft unterstützen sollten. Der Wind blies quer zur Halle, im Moment bestand keine Chance, das Schiff sicher in seinen Unterstand zu bringen. Bockholt fasste schließlich den ‚Entschluss, wieder aufzusteigen und den Sturm in der Luft abzureiten oder, falls notwendig, zur Luftschiffhalle des Heeres in Kovno zu fahren bzw. gleich nach Jamboli zu verlegen. (…) Der Sturm nahm weiter zu, und gegen 23.50 Uhr wurde das Schiff von einer Bö erfasst, die es hart zu Boden warf. Die meisten Streben der Führergondel waren gebrochen.“

“ Die Seiten- und Höhenruderkontrolle, die Bowdenzüge für den Ballast und der Maschinentelegraf waren nicht mehr zu gebrauchen; an einen weiteren Start war kaum noch zu denken. Um 00.40 Uhr legte sich der Sturm, Bockholt versuchte, das beschädigte Schiff wieder in den Hangar zu bekommen. Kurz vor dem Hallentor wurde L 57 etwa 20 Meter in die Höhe gerissen, die Luftwirbel auf der Leeseite saugten den Zeppelin in die Hallenöffnung hinein; die Nase brach. Das Schiff schleppte die gesamte Bodenmannschaft quer über das Landefeld mit. Um das Schiff nicht vom Sturm wegtragen zu lassen, gab Bockholt den Befehl, Gas abzulassen und mit Handfeuerwaffen Löcher in die oberen Gaszellen zu schießen. Plötzlich brach die achtere Gondel ab, der 227 Meter lange Rumpf rotierte auf der Gondel Steuerbord mittschiffs, schwenkte mit der Breitseite in den Wind, die Bug- und Hecksektionen brachen ab und zeigten wie die Enden einer Wurst in die Luft. Das Wrack trieb ab, glitt über das Landefeld und knallte gegen einen Zaun. Über die Oberfläche der Gaszellen sprühten Funken, und dann schoss eine Stichflamme in die Höhe. Gegen 02.00 Uhr explodierte der Wasserstoff; das Feuer, von Kraftstoff und Munition noch genährt, brannte bis zum Morgengrauen.“

Warum das Luftschiff in Brand geriet, ist bis heute unklar. Niemand kam zu Schaden. Bockholt gab seinen Fehler zu, wurde aber von der Admiralität aufgrund seiner Popularität nicht zur Verantwortung gezogen, obwohl der Führer der Luftschiffe, Fregattenkapitän Peter Strasser, das ursprünglich so wollte.

Das Unglück in Jüterbog war jedoch nicht das Ende des Afrika-Projekts. Am 10. Oktober entschieden die Initiatoren, ein weiteres Luftschiff für eine Afrikafahrt umzubauen. Ob dieser Zeppelin Afrika jemals erreicht hat, erfahrt Ihr im November von unserer Gastbloggerin Friederica Ihling.

Technische Daten des LZ 102 / L 57:
Länge: 226,5 m
Größter Durchmesser: 23,93 m
Traggasvolumen: 68.500 m3
16 Gaszellen
Antrieb: Fünf Maybach-Motoren à 240 PS, vier Jaray-Holzpropeller
Höchstgeschwindigkeit: 103 km/h


Quellen: Albert Sammt: Mein Leben für den Zeppelin; Douglas H. Robinson: Deutsche Marine-Luftschiffe 1912-1918; Henrik Schulze: Geschichte der Garnison Jüterbog 1864-1994; Akten aus dem Archiv der Luftschiffbau Zeppelin GmbH

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