L 49 auf dem „Silent Raid“

Gebaut in Friedrichshafen-Löwental, absolvierte das Marineluftschiff L 49 (Baunummer LZ 96) am 13. Juni 1917 seine Erstfahrt. Anschließend war der Zeppelin auf den Stützpunkten Ahlhorn, Wildeshausen und Wittmundhafen stationiert. Nach zwei Aufklärungsfahrten über der Nordsee und zwei Angriffsversuchen auf Südengland war L 49 beim letzten Luftschiffangriff auf England des Jahres 1917 dabei, dem sogenannten silent raid. Dieser Angriff wurde so genannt, da die in mehreren tausend Metern Höhe fahrenden Zeppeline von unten nicht gehört werden konnten.

Die Luftschiffkommandanten in Nordholz, Tondern, Wittmundhafen und Ahlhorn erhielten am 19. Oktober 1917 morgens per Telefon folgenden Befehl:

„Angriff auf England Mitte, Industriegebiet von Sheffield, Manchester, Liverpool etc. … Start in Nordholz, Tondern, Ahlhorn 12 mittags,, Wittmundhaven 1 Nm. Teilnehmer: L 42, L 51, L 53, L 45, L 54, L 41, L 44, L 46, L 47, L 50, L 55, L 49, L 52. Ostende Messung um 4, 7, 10 Nm., 3 Vm. Mit Nachtmessungen Ostende kann nicht gerechnet werden. Windmessungen wenn erforderlich von der Deutschen Bucht. Wetterkarte wird nicht gefunkt. Strenge Funkdisziplin einhalten. Im Falle Gewitter nicht versuchen zu übersteigen. Wenn möglich umfahren, durchfahren in niedriger Höhe unter Prallhöhe. Führer der Luftschiffe, Ahlhorn.“ (zit. aus: Robinson)

Der Führer der Luftschiffe, Korvettenkapitän Peter Strasser hatte den „Tag des Zorns“ ausgerufen. Bis auf L 42 und L 51, die wegen starken Windes in der Halle „Nordmann“ in Nordholz bleiben mussten, machten sich die übrigen elf Marineluftschiffe auf den Weg – nicht ahnend, dass sie einer Katastrophe entgegenfuhren und vier davon niemals zurückkehren sollten.

Was die Angreifer nicht wussten: Über Island hatte sich innerhalb kürzester Zeit ein Tief zusammengebraut und ein starker Sturm raste auf die Britischen Inseln zu. Noch bevor L 49 die englische Küste erreicht hatte, war bereits einer der Motoren ausgefallen.

Robinson: „Zudem hatte der Nordwind das Schiff nach Lee versetzt, als Kapitänleutnant Hans-Karl Gayer draußen über der See auf den Einbruch der Dunkelheit gewartet hatte. Ergebnis dessen war, dass er nicht bei Scarborough die Küste erreicht hatte, wie er annahm, sondern bei Holkham in Norfolk, rund 160 Kilometer südlich. In einem kurzen Bericht, den Gayer etwa ein Jahr später aus einem Kriegsgefangenenlager schmuggeln konnte, behauptete er, zwei Batterien, zwei Flugfelder und eine Eisenbahnstation mit gutem Erfolg bombardiert zu haben. Ortsangaben machte er nicht. L 49 hatte 42 Bomben über Norfolk abgeworfen. Der größte Teil war westlich Norwich eingeschlagen; ein paar Kühe wurden getötet und Farmhäuser beschädigt. Im Verlauf seiner Angriffsfahrt waren auf L 49 zwei weitere Motoren ausgefallen, was mit ziemlicher Sicherheit auf Höhenkrankheit der Besatzung zurückzuführen war. (…) L 49 kreiste dann über der Küste von Kentish und verließ England gegen Mitternacht am Kanal bei Folkstone – von Gayer als ‚beleuchteter Seehafen‘ beschrieben.“

Irrfahrt über Feindesland
Robinson weiter: „Um 00.40 Uhr befand sich das Schiff über Kap Griz Nez, die Mannschaft nahm jedoch an, dass sie bereits die Küste Hollands erreicht hatte.“

Aufgrund der Motorschäden wurde das Schiff in südöstlicher Richtung abgetrieben und die Funkanlage war ebenfalls nicht mehr funktionstüchtig. Als der Morgen dämmerte, kam L 44 in Sicht und Gayer beschloss, dem anderen Zeppelin zu folgen. Doch plötzlich wurde L 44 beschossen und verbrannte direkt vor den Augen der Mannschaft des L 49 und versetzte dieser einen absoluten Schock. Kapitän Gayer vermutete, L 44 sei von der holländischen Flugabwehr getroffen worden und begann, Richtung Westen abzudrehen, als L 49 plötzlich von fünf französischen Flugzeugen angegriffen wurde. Den Franzosen gelang es jedoch nicht, das Luftschiff in Brand zu setzen. Da eine Flucht unmöglich schien, entschied sich Gayer für eine Notlandung und rauschte in einen Wald nahe Bourbonne-les-Bains.

19 erschöpfte Zeppeliner verließen ihre Gondeln und der Kapitän versuchte, das Schiff zu verbrennen. Doch seine Leuchtpistole funktionierte nicht. Gayer und seine Männer wurden von einem französischen Jäger entwaffnet und kamen in Kriegsgefangenschaft.

Die Franzosen nahmen den nur leicht beschädigten L 49 in ihren Besitz. Sie untersuchten das Luftschiff und kopierten die Konstruktion. Die Pläne wurden auch an die anderen Alliierten übermittelt und sollten später für die U.S. Navy zum Vorbild des ersten amerikanischen Starrluftschiffs – der berühmten USS Shenandoah – werden.


Quellen: Fahrtberichte des LZ 96 L 49 aus dem Archiv der Luftschiffbau Zeppelin GmbH; Douglas H. Robinson: „Deutsche Marine-Luftschiffe 1912-1918“ und „Deutsche Luftschiffe“ – Betrachtungen und Tabellen, zusammengetragen von Dr. Otto Dieckerhoff

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