Der Spähkorb

Während des Ersten Weltkriegs entstand die abenteuerliche Idee, die Militärluftschiffe mit einem Spähkorb auszurüsten. Das erschien als sinnvoll, denn die Abwehr der Feinde wurde immer besser, die Jagdflugzeuge schneller und treffsicherer, die Flugabwehrkanonen effektiver. Außerdem konnten die Scheinwerfer den Nachthimmel inzwischen taghell erleuchten.

Kapitän Ernst A. Lehmann und Max von Gemmingen-Guttenberg, ein Neffe des Grafen Zeppelin, überlegten, wie sie das Projekt realisieren könnten. Die zündende Idee kam schlussendlich vom Zivilingenieur Hagen aus Köln, der sich an den Luftschiffbau Zeppelin wandte. Er besorgte eine Handwinde und ein 300 Meter langes Stahlkabel von 3,8 Millimetern Durchmesser.

Lehmann schreibt in seinem 1936 erschienenen Buch „Auf Luftpatrouille und Weltfahrt“: „Wir fanden ein altes Butterfaß und versahen es mit einem Schwanzstück, das als eine Art Windfahne wirken und Drehungen verhindern sollte. Mittschiffs im Bombenraum wurde eine Winde montiert, von der das Stahlkabel ablief. Um Stöße abzufangen, war das Faß mit ein paar starken Stahlfedern an dem Kabel befestigt. Ein gewöhnliches Feldtelefon verband es mit der Führergondel.“

Baumelnd im Butterfass
Lehmann höchstpersönlich testete die Tauglichkeit des neuen tollkühnen Beobachtungspostens: „Nachdem ich dem Steuermann auf dem Kommandostand die Augen verbunden hatte, kroch ich in das Butterfaß und gab den Befehl, es herabzulassen. Das ging anfangs ganz glatt, das Stahlseil begann ächzend und quietschend abzurollen, und ich sank wie der Eimer im Brunnen. Aber als ich etwa 150 Meter unter dem Luftschiff hing, bekam die alte Handwinde ihre Mucken.“

Rund 300 Meter unterhalb des Zeppelins Z XII saß Kapitän Lehmann nun im schwankenden Butterfass: „Das Seil begann zu rucken und zu pendeln, ich wurde peinlich herumgestoßen und hatte Mühe, mich in meinem Butterfaß zu behaupten. Mißtrauisch schielte ich nach dem Kabel, das nicht allzu widerstandsfähig war, und fürchtete jeden Augenblick, die Winde über Bord gehen zu sehen.

Dieses unbehagliche Gefühl beschleunigte die Berechnungen, die ich dabei anstellte. Mit einem Taschenkompaß bestimmte ich die Richtung, die das Schiff nehmen sollte, und gab danach telefonisch meine Befehle an den blinden Steuermann in der Führergondel. Die Befehle wurden prompt ausgeführt, und das Schiff bewegte sich, wie und wohin ich es haben wollte.“

Zufrieden mit dem Ergebnis seines Spähversuches, ließ sich Lehmann wieder nach oben kurbeln. Sobald Z XII gelandet war, gab er eine leistungsfähige Winde in Auftrag, die durch einen der Benzinmotoren des Luftschiffs angetrieben werden sollte. Zudem ließen die Zeppeliner ein 900 Meter langes Kabel aus hochwertigem Stahl anfertigen, in dem ein mit Gummi isolierter Kupferdraht eingefügt war, der als Telefonleitung diente.

Der Spähkorb selbst war aus Weidenruten, glich einem winzigen Flugzeugrumpf mit Schwanz und Seitensteuer, und war nur mit den notwendigsten Utensilien ausgestattet. Lehmann: „Der Spähkorb enthielt einen bequemen Stuhl, einen Kartentisch, Kompaß, Fernsprecher, elektrisches Licht und einen Blitzableiter.“

Später wurden die Spähkörbe mit einem Maschinengewehr ausgestattet und waren sehr beliebte Arbeitsplätze, da man dort rauchen durfte. Die Einsatzmöglichkeiten für den Spähkorb waren jedoch sehr stark wetterabhängig.

Angriff auf Calais
Nach einem Angriffsversuch auf London im März 1915, der wegen starken Nebels gescheitert war, wendete Kapitän Lehmann den Z XII und fuhr über den Kanal in Richtung Calais. Er berichtet über die Wetterverhältnisse, dass sie geradezu ideal seien, „um unsern Spähkorb kriegsmäßig zu erproben. Die Wolken lagern 1200 Meter über Land und See, und die Luft darunter ist klar wie Kristall. Wir können die Lichter meilenweit ausmachen und bereiten uns zum Angriff vor. Dabei kommt es zu einem freundschaftlichen Streit zwischen Gemmingen und mir, weil jeder von uns beiden in den Spähkorb will. Gemmingen beruft sich darauf, dass er dem Luftschiff als Generalstabsoffizier und Beobachter zugeteilt ist, während ich als Schiffsführer in der Führergondel bleiben müsse. Ich gebe ihm recht.“

Lehmann weiter: „Bevor wir uns Calais nähern, drosseln wir die Motoren so weit, daß sie möglichst wenig Lärm machen und uns doch noch erlauben, zu manövrieren. Das Schiff taucht in die Wolken und Gemmingen wird im Spähkorb 800 Meter tief herabgelassen. In der Unendlichkeit des Raumes kommt er sich wie ein körperlos schwebender Geist vor. Aber er ist ein gefährlicher Geist, wie die Ereignisse beweisen.“

Lehmann beschreibt die weiteren Ereignisse: „Als wir über der Stadt anlangen, hängt der Beobachter bei völlig klarer Sicht 800 Meter über ihr, während seine winzige Gondel von unten aus nicht sichtbar ist. Die Besatzung der Festung hört unser Motorengeräusch, und die ganze leichte Artillerie feuert in die Richtung, aus der das Geräusch tönt. Aber der Himmel ist groß, und nur ein einziges Mal kommt eine Salve nahe genug, daß wir den Krach der explodierenden Granaten vernehmen. Wenn wir uns aus der Gondel beugen, sehen wir nichts als Dunkelheit und Nebel, aber Gemmingen dirigiert uns durch das Telefon und gibt nach dem Kompaß den Kurs an. Wir kreisen 45 Minuten über der Festung und werfen nach seinen Angaben in fünf Angriffen bald größere, bald kleinere Bomben auf den Bahnhof, die Schuppen der Docks, die Munitionslager und andere Gebäude. Gelegentlich bemerken wir auf der Wolkendecke große ovale Flecke; es ist das Licht der Suchscheinwerfer, das durch sie wie durch ein ausgespanntes Laken hindurchleuchtet.

Später hörten wir, daß in Calais eine Panik ausgebrochen war, nicht nur infolge des Bombenangriffs, sondern vor allen Dingen auch, weil man das Luftschiff nicht sehen konnte. Es gab ein großes Rätselraten, auf welche Weise es gelungen sei, uns unsichtbar zu machen.“

Die Marine lehnte die Anwendung des Spähkorbes ab – vor allem wegen des hohen Gewichts von etwa 1,5 Tonnen. Aber auch die Heeresluftschiffer wurden nicht recht froh damit: Es zeigte sich, dass Wetterlagen, bei denen der Spähkorb angewendet und das Luftschiff starten und landen konnte, recht selten waren. Der Angriff auf Calais ist der einzige belegte Angriff, der mit Hilfe des Spähkorbbeobachters aus militärischer Sicht erfolgreich verlaufen ist.

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